Kinderbetreuung: Kritik an Männerquote

Samstag, 20. Februar 2016 23:29

Gemäss Betreibern von Krippen profitieren Kinder von männlichen Betreuern. Foto: IMAGO


Die SP der Stadt Zürich fordert 35 Prozent männliche Betreuer in Kinderkrippen, doch national regt sich Widerstand.

Von Rahel Haag

Das Kinderhaus in Winterthur sieht ein bisschen aus wie die Villa Kunterbunt von Pippi Langstrumpf. Das Haus ist von einem grossen Garten umgeben. Überall liegen Spielsachen herum. Ein Kind hüpft auf einem grossen Trampolin. «Schau mal, schau mal», ruft es in Richtung von Robin Werthmüller. Er ist einer von vier männlichen Betreuern in der Kinderkrippe. Der 23-Jährige arbeitet seit sieben Jahren auf dem Beruf und ist mittlerweile Teamleiter. Kinder seien ehrlich, sagt er. «Sie geben einem etwas zurück. Das gefällt mir so an diesem Beruf.»

In der Schweiz sind nur knapp 5 Prozent der Betreuungspersonen Männer. Die SP der Stadt Zürich möchte das ändern und Männer wie Robin Werthmüller fördern. Im November reichten zwei Politiker ein Postulat ein. Dieses fordert den Stadtrat auf, zu prüfen, wie der Anteil von männlichem Personal in den städtischen Betreuungseinrichtungen erhöht werden könnte. Das erklärte Ziel: eine Männerquote von 35 Prozent. Das Postulat wurde im Januar mit 68 Stimmen dem Stadtrat zur Prüfung überwiesen.

Wie eine Umfrage bei anderen Vertretern der SP aber zeigt, stösst dieses Vorgehen auf Kritik. «Eine Quote greift zu kurz», sagt Stephan Luethi-Brüderlin, Fraktionspräsident der SP Basel-Stadt. Stattdessen müssten die Hintergründe, die zu einem Männermangel führen, angegangen werden.

Gleicher Meinung ist Maria Pappa, Vizepräsidentin der SP St. Gallen. In ihren Augen müsste man beim Image und bei den Löhnen ansetzen, um zu erreichen, dass sich mehr Männer für den Beruf interessieren. Ein Berufseinsteiger verdient zwischen 4000 und 4200 Franken. Bei der SP Luzern, SP Bern und der SP Graubünden ist die Einführung einer Männerquote kein primäres Anliegen.

Auch Fachpersonen der Branche äussern sich negativ zur Männerquote. «Das ist völlig realitätsfremd», sagt Nadja Pieren, SVP-Nationalrätin (BE) und Gründerin der Kita Wombat in Bremgarten bei Bern. Wenn ein schlechter qualifizierter Mann einer besser qualifizierten Frau vorgezogen würde, leide die Qualität. Vor kurzem habe sie mit einer Leiterin mehrerer Krippen in Zürich gesprochen. «Sie haben ein riesiges Personalproblem.» Deshalb würden Fachkräfte aus dem Ausland rekrutiert.

In Bern ist die Situation hingegen weniger akut. Auf eine ausgeschriebene Stelle hat Pieren über 80 Bewerbungen erhalten. «Die männlichen Bewerber kann man allerdings an einer Hand abzählen», sagt sie.

Auch Rosmarie Quadranti, Präsidentin des Verbands Kinderbetreuung Schweiz und BDP-Nationalrätin (ZH), spricht den Fachkräftemangel in der Schweiz an. Dieser bestehe bei Frauen und Männern. «Dieses Problem könnte sich mit einer Quote noch verschärfen.»

Trotzdem: Für die Befragten steht fest, dass Männer in diesem Beruf eine Bereicherung sind. «Männliche Bezugspersonen sind für Kinder immer wichtig», sagt Quadranti. Besonders alleinerziehende Mütter seien dankbar für Männer in Krippen: «Bei Alleinerziehenden fehlt oftmals die Vaterfigur.» In solchen Fällen könnten männliche Betreuer ein anderes Rollenbild vermitteln.

Ein Problem, mit dem Männer in diesem Beruf zu kämpfen haben, ist der Generalverdacht in Bezug auf Pädophilie. «Das finde ich traurig», sagt Pieren. Selbstverständlich müsse das Risiko eines Übergriffs auf ein Kind so klein wie möglich sein. Hier seien etwa offene Räume und klare Regeln wichtig. «Wenn in einer Krippe gegenüber Männern aber grundsätzlich ein Misstrauen besteht, dann sollte man nur Frauen einstellen.» Denn dieses Misstrauen übertrage sich auch auf die Kinder.

Negative Reaktionen von Eltern hat Robin Werthmüller noch nie erlebt. Im Gegenteil: Sie würden es begrüssen, dass es auch Männer im Betreuungsteam gebe. Zum Thema Generalverdacht sagt er: «Da muss man darüberstehen.» Manche Kinder, die neu in die Krippe kämen, seien ihm gegenüber eher verschlossen. «Sie haben weniger Kontakt mit Männern und sind zu Beginn skeptisch», sagt er. In solchen Situationen lasse er den Kindern Zeit und dränge sich nicht auf. «Am Anfang meiner Ausbildung gab es ein Kind, dem durfte ich nicht einmal die Schuhe binden.» Das habe sich später aber stark gebessert: «Am Ende gab es viele Umarmungen.»

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