Mehr Geburten in den Städten

Fabienne Riklin

Fabienne Riklin ist Redaktorin bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 19. Dezember 2015 23:30

Ein Wunschkind: Besonders gut ausgebildete Frauen entscheiden sich heute vermehrt für ein Kind. Foto: Thinkstock


Berufstätige Frauen und Ausländerinnen sorgen für einen Babyboom

Die Kinderlein kommen. Erneut haben dieses Jahr in der Schweiz wieder mehr Babys das Licht der Welt erblickt. In einigen Spitälern kam es sogar zu neuen Rekorden. So etwa im Kantonsspital Olten und im Bürgerspital Solothurn. Dort kamen zwischen Januar und Mitte Dezember 1316 Neugeborene zur Welt. «Das sind so viele Babys wie noch nie», sagt Eric Send, Mediensprecher der Solothurner Spitäler.

Bereits 2014 verzeichnete man dort einen Anstieg von 12 Prozent. Send ist überzeugt, dass dieser Trend weitergeht. Das zeichnet sich auch in anderen Spitälern ab. 230 Neugeborene mehr als im Vorjahr wurden dieses Jahr im Berner Inselspital geboren – ein Plus von 14,5 Prozent. Und im Kantonsspital Glarus gab es einen Zuwachs von 10 Prozent. Im Kantonsspital Aarau betrug er 3,5 Prozent.

Die Gründe für diesen Babyboom sieht der Familiensoziologe François Höpflinger in gesellschaftlichen Veränderungen. «Paarbeziehungen erfahren eine Aufwertung», sagt er. Dies hänge auch mit der angespannten sicherheitspolitischen Lage zusammen. Zudem zeigt sich, dass insbesondere in den Städten vermehrt berufstätige Frauen Kinder bekommen. Blieben in den 90er-Jahren noch knapp 40 Prozent der gutausgebildeten Frauen kinderlos, sind es heute nach seinen Schätzungen noch rund 20.

Höpflinger führt dies auf die Attraktivität der Städte zurück. «In den urbanen Zentren ist es für Frauen einfacher, Job und Familie zu vereinen.» Dies hänge zum einen mit dem dichteren Betreuungsangebot und zum anderen mit einem gut ausgebauten ÖV zusammen. «Es ist heute selten, dass beide Elternteile in der gleichen Ortschaft arbeiten, daher ist es leichter, von Zentren aus zu pendeln.» Noch vor ein paar Jahren war es umgekehrt. Sobald Kinder unterwegs waren, zogen Paare aufs Land.

Neben den gutausgebildeten Schweizer Frauen tragen aber auch Zuzügerinnen aus dem Ausland zum steigenden Kindersegen bei. Das beobachten die Geburtshelfer beispielsweise am Unispital Basel. «Wir haben vermehrt Frauen mit Migrationshintergrund, die bei uns gebären», sagt Irène Hösli, Chefärztin Schwangerschaftsmedizin und Geburtshilfe.

Beim Zürcher Unispital sieht die Tendenz ähnlich aus. Gaben 2014 noch 59,4 Prozent der Gebärenden an, ausländische Wurzeln zu haben. Dieses Jahr waren es 61,3 Prozent. Während allerdings vor zehn Jahren Frauen aus Sri Lanka eine grössere Gruppe von Gebärenden ausmachten, sind es heute vermehrt Frauen aus Eritrea und Indien. «Ein kleiner Teil der Frauen stammt vermehrt auch aus dem Nahen Osten», sagt Katharina Quack Lötscher, Ärztin für Geburtshilfe am Unispital Zürich. Die grösste Gruppe der Frauen mit Migrationshintergrund kommt weiterhin aus Deutschland.

Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat sich auch verändert, dass mehr hiesige Frauen ein zweites Kind geboren haben. Bei den Ausländerinnern sieht die Statistik genau umgekehrt aus. So haben 2015 mehr Erstgebärende mit Migrationshintergrund im Unispital entbunden als 2014. «Bei Schweizer Familien ist der Wunsch nach zwei Kindern seit mehr als fünfzig Jahren ungebrochen», sagt Soziologe Höpflinger. Es scheint für viele das perfekte Idealbild darzustellen. Kinderlos bleiben wollen lediglich rund 6 Prozent der Frauen.

Die Gebärenden sind heute im Durchschnitt 31,9 Jahre alt. Und gemäss neuesten Szenarien des Bundesamtes für Statistik ist nicht damit zu rechnen, dass wieder vermehrt jüngere Frauen Kinder bekommen. Parallel mit dem Alter nimmt auch das Phänomen der Mehrlingsgeburten zu. So ist von Chefärztin Hösli zu erfahren: «Wir verzeichneten dieses Jahr erneut mehr Zwillings- und Drillingsgeburten.» 87-mal Zwillinge und 3-mal Drillinge kamen dort bis Mitte Dezember auf die Welt. Der Anstieg hängt auch mit der Zahl künstlicher Befruchtungen zusammen, die bei Frauen über 35 deutlich zunehmen.

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