Mehr Pilotinnen könnten mehr Sicherheit bringen

Fabienne Riklin

Fabienne Riklin ist Redaktorin bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 28. März 2015 23:30

Foto: Keystone


Die Suizid-Rate ist bei 20- bis 44-jährigen Männern dreimal höher als bei Frauen

Die Verantwortung als Pilot, Lokführer oder Bus-Chauffeur ist gross. Denn die Passagiere vertrauen ihnen ihr Leben an. Vor allem Männer führen diese Berufe aus. Bei der Swiss sind von 1341 Piloten nur gerade 59 Frauen. Ein ganz ähnliches Geschlechterverhältnis zeigt sich bei den SBB und beim Postauto: Von 3500 Lokführern sind 80 Frauen und von 3079 Postauto-Chauffeuren sind 245 Frauen.

Diesen Anteil erachtet Gabriela Stoppe als deutlich zu tief. Sie ist Psychiaterin und Vizepräsidentin von Ipsilon, dem Dachverband für Suizidprävention in der Schweiz. «Es wäre nicht nur wegen der Durchmischung sinnvoll, mehr Frauen für den Transport von Menschen zu engagieren, sondern vor allem wegen der Sicherheit», sagt Stoppe. Ihre Aussage begründet sie damit, dass Frauen eine deutlich tiefere Suizidrate haben. «Es war nur eine Frage der Zeit, dass auch in Europa ein Pilot mit dem Flugzeug einen Suizid begeht.»

So unglaublich der Fall der verunglückten Germanwings-Maschine nach derzeitigem Kenntnisstand ist: In den vergangenen Jahrzehnten gab es mehrere Abstürze, weil sich Piloten mit ihrem Flugzeug umbrachten. Sechs sind dokumentiert.

Der Suizid ist bei Männern zwischen 15 und 44 Jahren in der Schweiz die häufigste Todesursache. 240 Männer haben sich 2012 das Leben genommen. Zwar ist die Zahl der Selbsttötungen in den letzten zehn Jahren leicht zurückgegangen, doch noch immer nehmen sich dreimal mehr Männer das Leben als Frauen. «Dies sollte bei der Auswahl eines Piloten, Chauffeurs oder Lokführers berücksichtigt werden», sagt Stoppe.

Am Dienstag um 10.31 Uhr leitet Co-Pilot Andreas L. (27) über den französischen Alpen den Sinkflug ein. Der Germanwings-Airbus A320 verliert rasch Höhe. Der Captain ist aus dem Cockpit ausgeschlossen, er kann nichts mehr machen. Nach acht Minuten zerschellt die Maschine. Alle 150 Menschen sterben.

«Vieles deutet darauf hin, dass es sich hier um einen Mitnahme-Suizid handelt», sagt Stoppe. Eine seltene Form einer Selbsttötung. «Häufig sind es Väter oder Mütter, die nicht nur sich töten, sondern auch die Kinder und den Partner. Dass jemand sämtliche Passagiere mitreisst, ist ungewöhnlich.» Und es spreche nicht für eine Handlung im Affekt. «Die Umsetzung hatte der Pilot wohl schon probegedacht.» Die Psychiaterin stellt sich so vor: Als sich Andreas L. die Gelegenheit bietet, seine Gedanken in die Wirklichkeit umzusetzen, klinkt er sich geistig und emotional aus. Im Moment einer suizidalen Krise haben die Menschen nur noch einen Tunnelblick. Und es gibt, wie bei Amokläufern, keinen Weg zurück.

Einen Abschiedsbrief findet die Ermittlergruppe «Alpen» der Düsseldorfer Polizei bei der Durchsuchung der Wohnungen von Andreas L. nicht. Dafür fallen den Ermittlern zerrissene, aktuelle und auch für den Tag des Absturzes umfassende Krankschreibungen in die Hände sowie eine Vielzahl von Medikamenten zur Behandlung psychischer Erkrankungen. Auch litt der Co-Pilot an Sehstörungen. Die Behörden gehen davon aus, «dass der Verstorbene seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat».

Psychiaterin Stoppe erstaunt dies nicht. «Gerade Menschen, die befürchten müssen, wegen einer psychischen Erkrankung den Job zu verlieren, trauen sich nicht, darüber zu sprechen.» Häufig würden solche Menschen auch Medikamente verweigern, um bei etwaigen Tests nicht aufzufallen. «Depressionen und andere psychischen Krankheiten sind in gewissen Branchen und Berufen nach wie vor ein Tabu.» Das führt dazu, dass nur rund 60 Prozent der Menschen solche Krankheiten melden. «Dabei wären 80 bis 90 Prozent der Fälle erfolgreich behandelbar.»

Die Psyche der Piloten überprüft der Fliegerarzt heute beim Eignungstest. Danach folgen jährlich lediglich medizinische Tests. Vergleichbar ist das Vorgehen bei den SBB und der Post. Angehende Postauto-Chauffeure werden vor allem auf Belastbarkeit, Beobachtungsfähigkeiten sowie auf aggressive Verhaltensweisen geprüft und angehende Lokführer auf berufsbedingte Eigenheiten wie Einsamkeit oder repetitive Tätigkeiten.

Das reicht nicht, ist die Psychiaterin Stoppe überzeugt. Es würde auch im späteren Berufsleben psychologische Tests brauchen. Und zwar von psychiatrisch geschulten Ärzten. «Insbesondere hochintelligente Menschen sind in der Lage, selbst schwere Leiden wie etwa paranoid-halluzinatorische Psychosen zu verbergen», sagt der Münchner Psychiater Helmut Kolitzus im «Spiegel».

Ob die Swiss die Psyche ihrer Piloten künftig einmal im Jahr testet, wird bei der Airline derzeit diskutiert.

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