Mit Medical Schools gegen Ärztemangel

Yannick Nock

Yannick Nock ist Redaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 03. Oktober 2015 23:27

Es braucht mehr Medizinstudenten. Medical Schools können helfen. Foto: AP


Ein unveröffentlichter Bericht des Bundes schlägt neue Medizin-Ausbildung vor – ETH Lausanne plant bereits die Umsetzung

Der Bundesrat schreitet zur Injektion: 100 Millionen Franken will er in die Ausbildung junger Ärzte stecken und den chronischen Ärztemangel ausmerzen. Seine Finanzspritze soll bewirken, dass jährlich 1200 Personen ihr Medizinstudium abschliessen, bisher sind es 900.

Wie der Ärztemangel zu beheben sei, wollte das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) wissen. Seine bisher unveröffentlichte Analyse kommt zu dem bemerkenswerten Schluss: Die in der Schweiz wenig bekannten Medical Schools seien der beste Weg, um mehr einheimische Ärzte auszubilden.

Medical Schools sind vor allem in den USA und Grossbritannien verbreitet. Anders als im Schweizer Medizinstudium ist das angelsächsische Modell zweigeteilt. Auf der Bachelor-Stufe steht eine naturwissenschaftliche Lehre im Zentrum, erst danach folgt die klinische Ausbildung an einer Medical School.

Der Vorteil: Mehr Studenten können ein klinisches Medizinstudium antreten, weil ein Bachelor-Abschluss in Naturwissenschaften gleichzeitig das Ticket für ein Masterstudium der Medizin darstellt.

Der Autor der Analyse, der in wenigen Wochen publiziert werden soll, ist Hochschul-Experte Antonio Loprieno, ehemaliger Rektor der Universität Basel. Er sieht in den Medical Schools weitere Vorteile: «Nicht nur der Pool von Bachelor-Studierenden würde sich erweitern», sagt er, «auch der Karriereweg auf dem Arbeitsmarkt wird flexibler.» Zudem geht Loprieno davon aus, dass der breitere Zugang zum klinischen Medizinstudium den Wettbewerb unter den Hochschulen erhöht. Ein Teil wird auf Bachelor-Stufe den Fokus auf die naturwissenschaftlichen Grundlagen legen. Der andere Teil könnte neue Felder wie die stark wachsende Medizinaltechnologie bewirtschaften, bevor es zum Master an eine Medical School geht.

Die Schulen könnten in verschiedenen Uni-Städten entstehen. Laut Analyse ist eine enge Zusammenarbeit mit mehreren Spitälern erforderlich. In Basel, Bern, Zürich, Genf und Lausanne seien die nötigen Voraussetzungen gegeben. Am weitesten ist die Westschweiz. Mit der ETH Lausanne (EPFL) treibt eine der renommiertesten Hochschulen der Welt die Medical Schools voran.

«Wir arbeiten derzeit gemeinsam mit der Universität Lausanne und Genf an einem solchen Projekt», sagt Patrick Aebischer, Präsident der EPFL. Sowohl die ETH als auch die Medical Schools würden von einer Kooperation profitieren. «Technische Innovationen sind nötig», sagt Aebischer. Die EPFL tüftelt deshalb an Simulationen für Medizinstudenten. Ähnlich wie ein angehender Pilot, der Stunden im Flugsimulator verbringt, könnten Studierende beispielsweise an einer lebensechten Puppe trainieren. Dieser Mensch-Simulator kann – im Innern mit Elektronik und Hydraulik versehen – sogar schreien.

Ob der Bund den Empfehlungen Loprienos nachkommt, ist offen. Kritik wird schon vor Veröffentlichung der Analyse laut. In einem Brief an den Bundesrat stellen sich die kantonalen Erziehungsdirektoren dagegen: Die Medical Schools würden sich nicht als Zielvorgabe für das 100-Millionen-Programm eignen, heisst es darin. Das Modell würde frühesten 2021 mehr Ärzte bringen.

Das sieht Loprieno anders: «Wenn die Erziehungsdirektoren den gesamten Bericht lesen, werden sie sicher das Potenzial der Medical Schools erkennen», sagt er. Als kurzfristige Lösung will Loprieno eine vorklinische Passerelle konzipieren. Dieser einjährige Lehrgang würde Studierenden mit einem Bachelor der Naturwissenschaften anschliessend ermöglichen, direkt ins Medizin-Masterstudium einzutreten – mit entsprechend mehr Abschlüssen als bisher.

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