Volle Klassen wegen Flüchtlingskindern

Von Sarah Serafini


Samstag, 23. Januar 2016 23:30

Eine Schulklasse mit sechs minderjährigen Asylsuchenden in Emmenbrücke im Kanton Luzern. Foto: Keystone


Ein Grossteil der Asylsuchenden in der Schweiz sind schulpflichtige Kinder. Jetzt müssen neue Lehrer-Stellen geschaffen werden – trotz Sparhammer

In Heidi van Roons Klassenzimmer sitzen derzeit 18 Schülerinnen und Schüler aus zehn verschiedenen Ländern. Gemeinsam haben sie, dass sie kein Wort Deutsch sprechen. Seit zwanzig Jahren ist van Roon Lehrerin der Aufnahmeklasse an der Schule Letzi in Zürich. Bei ihr lernen Kinder und Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren Deutsch, bevor sie nach rund einem Jahr in eine Regelklasse wechseln. Unter den Schülern gibt es auch Flüchtlingskinder. Gerade vor zwei Wochen sind sieben Buben und zwei Mädchen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak zu van Roons Klasse gestossen. «Sie sind wie ausgetrocknete Schwämme und saugen alles auf, was ich ihnen gebe. Ich komme fast nicht nach mit Füttern», sagt sie. In der Schule lernen die Flüchtlingskinder nicht nur Deutsch, sondern auch, einfache Alltagssituationen zu bewältigen. «Manche wissen nicht, wie eine WC-Spülung oder ein Wasserhahn funktionieren. Andere fürchten sich vor dem Händetrockner», so van Roon.

Seit dem Kosovokrieg 1999 gab es nicht mehr so viele minderjährige Asylsuchende, die in die Schweiz kamen, wie jetzt. Damals lag die Zahl der Flüchtlingskinder deutlich höher. Rund 17 000 Kinder stellten innerhalb eines Jahres ein Asylgesuch. Dieses Jahr gelangten bis Ende November 9675 minderjährige Flüchtlinge in die Schweiz. Rechnet man die Zahlen vom Dezember dazu, die vom Staatssekretariat für Migration voraussichtlich nächste Woche veröffentlicht werden, dürften es wohl über 10 000 unter 18-Jährige sein, die letztes Jahr in der Schweiz um Asyl ersuchten. Die meisten von ihnen kommen aus Eritrea, Syrien und Afghanistan.

Ein grosser Teil dieser Flüchtlingskinder ist zwischen 8 und 15 Jahre alt und damit im schulpflichtigen Alter. Für die Schulen bedeutet das eine enorme Herausforderung. Beat Zemp, Präsident des Lehrerverbands, sagt: «Das Jahr 2016 ist das Jahr der Integration der Flüchtlingskinder.» Im Unterschied zum Kosovokrieg gelange jetzt eine heterogene Gruppe von Kindern in die Schweiz. Die Vorbildung der Flüchtlingskinder sei unterschiedlich. Kinder aus Syrien beispielsweise hätten oft eine gute Schulbildung, während andere noch nie ein Schulzimmer von innen gesehen hätten.

Die Schulbildung von Flüchtlingen ist Sache der Kantone respektive der Gemeinden und wird überall anders gehandhabt. Während der Zeit, in der die Kinder in einem kantonalen Durchgangszentrum wohnen, besuchen sie in der Regel eine Aufnahmeklasse. Wie jene von Heidi van Roon in der Schule Letzi. Dort erwerben sie erste Deutschkenntnisse. Gibt es in der Umgebung keine solche Schule, werden die Kinder direkt im Durchgangszentrum unterrichtet. Nachdem die Kinder anteilmässig auf eine Gemeinde verteilt wurden, können sie im besten Fall ebenfalls eine Aufnahmeklasse oder eine Regelklasse mit zusätzlichem Stützunterricht besuchen. Jedoch gibt es nicht in allen Gemeinden solche speziellen Integrationsklassen. Dann landen die Flüchtlingskinder direkt in einer regulären Schule.

Problematisch ist, dass die existierenden Aufnahmeklassen bereits jetzt überfüllt sind. Gegenüber dem «Schulblatt des Kantons Zürich» sagt Markus Truniger vom Volksschulamt Zürich, manchmal habe es 20 Kinder in einer Aufnahmeklasse. Vorgesehen seien maximal 14. Allein im Kanton Zürich seien deswegen von Sommer bis Anfang Dezember 2015 acht neue Aufnahmeklassen eröffnet worden. Weitere seien in Planung. «Jede neue Aufnahmeklasse bedeutet eine Vollzeitstelle und ein Klassenzimmer mehr», so Truniger. Beim Zürcher Volksschulamt heisst es, der Kanton unterstütze die Gemeinden bei der Einrichtung von Aufnahmeklassen mit einer Kostenteilung von rund 20 Prozent zulasten des Kantons und 80 Prozent zulasten der Gemeinde. Mehrkosten werden anfallen, und das in Zeiten, wo bei der Bildung Sparen angesagt ist.

Der Präsident des Lehrerverbands, Beat Zemp, sagt: «Eine neue Dimension für die Schulen stellt auch die grosse Zahl von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden dar.» Unter den rund 10 000 minderjährigen Asylsuchenden im letzten Jahr gelangte ein Viertel ohne Begleitperson in die Schweiz. Auffällig ist, dass Minderjährige, die unbegleitet in die Schweiz kommen, immer jünger werden. Im Vergleich zu 2014 gab es viermal mehr Acht- bis Zwölfjährige, die alleine in die Schweiz kamen. Im Kosovokrieg seien die Kinder vorwiegend mit den Eltern in die Schweiz geflüchtet, so Zemp. «Unter den jetzigen Flüchtlingskindern, die ohne Begleitung in die Schweiz gekommen sind, haben wir solche, die Gewalt in ihrer schlimmsten Form erlebt haben. Sie brauchen dringend psychische Unterstützung.»

Solche Kinder landen bei Kristin Crottogini. Sie ist Leiterin der Tagessonderschule «Intermezzo» in Zürich. Sie sagt: «Manchmal braucht es nur wenig, zum Beispiel einen Mann in Uniform, damit die Kinder durchdrehen.» Die Flüchtlingskinder, die bei ihr zur Schule gehen, hätten meist grosse Probleme mit der Sprache und lösten darum Konflikte mit Prügeleien oder Rückzug. Die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden und traumatisierten Flüchtlingskinder führen zu Engpässen bei den Pflegeplätzen. Mit dreissig Kindern sei ihre Schule voll, sagt Crottogini. Immer wieder müsse sie Kinder abweisen.

Anzeige