Von wegen faule Väter

Von Alexandra Fitz


Samstag, 16. Januar 2016 23:27

«Väter werden in ihrem Engagement massiv unterschätzt», sagt Erziehungsforscherin Margrit Stamm. Foto: PLAINPICTURE.


Die Wissenschaft hat die Rolle der Väter lange Zeit ausgeklammert. Das ändert sich jetzt. Eine aktuelle Schweizer Studie beweist: Männer engagieren sich in der Familie viel mehr als bisher angenommen.

Mirko liegt auf dem Boden. Neben ihm robbt sein acht Monate alter Sohn herum. Während der Kleine das Schafsfell vollsabbert, erzählt sein Vater einer guten Freundin, wie es ihm ergeht. Als Vater. Als Teilhaber einer Firma. Der 35-Jährige arbeitet 80 Prozent und hat einen Papi-Tag, seine Freundin dreimal die Woche. Sie hat zwei Mami-Tage. «Das ist momentan so, kann sich aber ändern. Uns ist es wichtig, dass wir uns beide auch bei der Arbeit verwirklichen können», sagt Mirko. Am Wochenende schauen beide. Unternehmen aber nicht immer zu dritt etwas, so wie an diesem Tag auch. Zu Bett bringen? Beide. Aufstehen in der Nacht? Abwechselnd.

Gleichberechtigt bezüglich Kind bedeutet für ihn als Vater viel Engagement von Anfang an. Oft mache die Frau zu Beginn vieles, und da müsse Mann sich wirklich beteiligen wollen, damit man auf dem gleichen Stand sei. Seine Freundin wollte nicht immer selber wickeln und in der Nacht aufstehen. Für ihn war das gut: «Denn ich wollte auch alles machen und auch mitreden.»

Mirko ist so was wie ein neuer Vater. Neue Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. In Elternzeit gehen. Womöglich die Arbeitszeit reduzieren. Nicht bloss Ernährer sein. Nicht der autoritäre Führer der Familie. Mitreden und miterziehen.

Wer sich als Mann um sein Kind kümmert, gilt nicht mehr als rare Spezies. Junge Väter wollen das – vielmehr – es wird quasi von ihnen erwartet. Die Rolle des Vaters hat sich stark geändert und wird sich noch mehr verändern. Doch das Mirko-Modell, das landauf, landab als Väter-Ideal herumschwirrt, funktioniert vor allem in unseren Köpfen. Die neue Idee eines guten Vaters modernisiert sich schneller als die praktische Ausübung. In der Schweiz arbeiten nur etwa 10 Prozent der Väter Teilzeit. Der Grossteil der Eltern in der Schweiz entscheidet sich immer noch für das Erwerbs-Modell «Vater Vollzeit, Mutter Teilzeit». Die Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm, emeritierte Professorin an der Uni Freiburg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education, beleuchtet in der aktuellen Studie «Tarzan» die Rolle der Väter. Die Resultate liegen der «Schweiz am Sonntag» exklusiv vor.

«Für die befragten Väter ist die Familie fast durchgehend (96%) wichtiger als die Karriere. Dennoch möchte nur gut die Hälfte (53%) das Arbeitspensum zugunsten der Familie reduzieren. Stamm fragte 129 Väter und 116 Mütter: Wer sind die «neuen» Väter? Was tun sie in Beruf, Familie und Haushalt? Welchen Beitrag leisten sie zur Entwicklung ihrer Kinder?

Auch wenn die meisten Väter noch keine Mirkos sind und immer noch Vollzeit arbeiten, wird ihr Familien-Engagement laut Stamm meist nicht genügend wahrgenommen. Denn: Die häusliche Präsenz der Väter kann keinesfalls mit guter Vaterschaft gleichgesetzt werden. «Auch Vollzeit arbeitende Männer können eine engagierte Vaterschaft praktizieren und ihre Kinder positiv beeinflussen», sagt Stamm. Man dürfe ihre Qualitäten als Vater nicht ausschliesslich an der physischen Präsenz messen. Wichtiger sei, wie sich Väter zu Hause einbringen, nicht wie viel sie zu Hause sind. Schliesslich holen viele Väter am Wochenende nach, was Montag bis Freitag auf der Strecke bleibt. Mit seinem Erwerb bestimmt der Vater auch den sozioökonomischen Status einer Familie. Ermöglicht etwa Schule und Studium.

Generell rät Stamm, das Vater-Bild zu überdenken. Die Hauptaussage: «Väter werden in ihrem Engagement für Kind und Familie massiv unterschätzt». Von wegen faule Väter also. Zwar stimme es, dass sie im Haushalt wenig tun, doch erbringen sie laut Stamm viel Unsichtbares, weil indirekt und übernehmen einen Grossteil der Familienpflichten gemeinsam mit der Partnerin.

Doch auch Väter leiden an einem Vereinbarkeitsdilemma, so eine weitere Erkenntnis von «Tarzan». Wie Mütter hätten sie Schwierigkeiten, alles unter einen Hut zu bringen. «Väter sollen jetzt in der Arbeitswelt für ihr Recht kämpfen, Vater zu sein. So wie Frauen dafür gekämpft haben, nicht nur Mütter sein zu müssen», sagt die Väterforscherin Lieselotte Ahnert dem Nachrichtenmagazin «Spiegel». Sie untersucht seit Anfang 2013 im Rahmen des Central European Network on Fatherhood (Cenof) das Leben von über 3000 Vätern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Netzwerk wird mit 2 Millionen Euro von der JacobsFoundation mit Sitz in der Schweiz finanziert.

Die sechs europäischen Wissenschafter haben sich verschiedene Schwerpunkte herausgesucht, während das Schweizer Team um Psychologieprofessorin Ulrike Ehlert das Wohlbefinden der Väter erfragt, gehen die Wiener um Entwicklungspsychologin Ahnert der Betreuung und der Beziehung zwischen Vater und Kind nach. Erste Ergebnisse sollen in den nächsten Monaten publiziert werden.

Dass Väter so intensiv erforscht werden, ist neu. Die Vaterschaft stand lange im Abseits. In den USA bemerkte man früher, wie wichtig der väterliche Part ist. In Europa wurde er erst in den letzten Jahren Gegenstand der Forschung. Lange Zeit haben sich Erzie- hungswissenschafter und Psychologen auf die Beziehung der Mutter zum Kind konzentriert. Jahrzehntelang war das wichtigste Forschungsobjekt: Mama.

Die Mutter-Kind-Beziehung sagt auch einiges darüber aus, auf welche Weise sich der Vater an der Betreuung und Erziehung beteiligt. In der Väterforschung taucht das Wort «maternal Gatekeeping» immer wieder auf. Gemeint ist eine bewusste oder unbewusste «Türsteherfunktion» oder ein «Revierverhalten» von Frauen. Oft empfinden Mütter die Hilfe der Männer als «reingrätschen». Sie lassen die Männer nicht ran. Weichen von ihrer traditionellen Rolle nicht ab. Diese Mütter sind überzeugt, es besser zu können, zu wissen, wie es gemacht werden muss. Sie bestimmen den Spielraum, in dem der Vater agieren darf: «Nein, nicht dieses Pyjama» und ständiges Hinterhergeputze nervt und entmutigt die Männer. Es liegt also nicht immer an den Männern selbst, am Unternehmen oder am Chef, wenn Väter sich nicht intensiver an der Kinderbetreuung beteiligen.

Die Väter sollten sich wehren. Denn laut Ahnert und Stamm gibt es in der Wissenschaft keinen Hinweis, dass Frauen per se die besseren Betreuerinnen sind. Schliesslich ist die Kind-Vater-Bindung genauso vielfältig und wichtig, und nicht nur – wie früher angenommen – die Mutter-Bindung.
Wenn die Wiener Forscher Eltern in sogenannten Beziehungsmomenten mit ihren Kindern beobachten, bemerken sie, dass die Mütter die Vorsichtigeren sind, die Fürsorglicheren. Die Väter stiften ihre Kinder eher zu wagemutigem Verhalten an. Sie befeuern die Energie der Kleinen, spornen zu Aktivität an. Ihre Erkenntnis: Handelt der Vater wie die Mutter, imitiert er sie, dann scheitert er. Besinnt er sich auf seine eigenen Strategien, klappt es gut. Männer sollten also bloss keine zweiten Mütter sein. Zwei gleiche Rollen wären langweilig. Für Kind und Eltern.

Im Moment werden die Rollen von Vätern und Müttern neu definiert. Väter sollten sich in ihrem Umgang mit dem Kind nicht so schnell entmutigen lassen. Väter – so der Wunsch der Forscher – müssen in ihren eigenen Erziehungsmethoden stärker gesehen und unterstützt werden. Stamm fordert einen neuen Blick auf sie. Weg mit den Vorurteilen, weg vom stereotypen und einseitigen Blick auf das Ungenügen der Väter. Die Gesellschaft muss sie ihre neue Rolle finden lassen. Aber auch die Männer müssen kundtun, was sie möchten und erwarten.

Beantworten Sie dazu die Frage der Woche.

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