Warum Schweizer am liebsten nach Frankreich auswandern

Samstag, 11. Februar 2017 23:27

Frankreich ist für Schweizer nicht nur wegen des Savoir-vivre attraktiv (im Bild ein Café im Pariser Marais). Foto: Sergio Pitamitz/Laif


Frankreich wählt im Frühjahr einen neuen Präsidenten. Vom Ausgang betroffen sind auch 200 000 Schweizer, die mittlerweile dort leben – mehr als in jedem anderen Nachbarland.

Von Stefan Brändle aus Paris

Eine Schallgrenze ist durchbrochen: Erstmals wohnen in einem Nachbarland der Schweiz mehr als 200 000 Eidgenossen. Das ist über ein Viertel aller 760 000 Auslandschweizer und auch im Vergleich zu den nächstfolgenden Ländern bemerkenswert: In Deutschland leben «nur» 87 000 Auslandschweizer, in den USA 80 000, in Italien 51 000 oder in Kanada 40 000.

Zufall ist die Spitzenstellung Frankreichs mitnichten. Sie hat historische Gründe, die bis auf den «Ewigen Frieden» mit der Schweiz vor 500 Jahren – Stichwort Reisläufer – zurückreichen; heute mischen sie sich mit zeitgenössischen Entwicklungen wie der EU-Personenfreizügigkeit. Man kann nur staunen, wie vielfältig die Schweizer Emigration durch die Jahrhunderte war: Sie bestand aus Schweizergarden in Paris, Handelsfamilien in Marseille, Landwirten im Süden, Arbeitern im Norden. Dazu im ganzen Land Zofen und Gouvernanten, Hoteliers und Künstler.

Von Ritz bis Rousseau
Als der Schweizer Botschafter Bernardino Regazzoni vor einiger Zeit die Zahl der 200 000 Expats in Frankreich bekannt gab, nannte er als Beispiele Alberto Giacometti, Le Corbusier, Félix Vallotton, Luc Bondy, dazu heute den Pariser Opernchef Philippe Jordan oder die Schauspielerin Marthe Keller. Anfügen liessen sich Jacques Necker, der berühmte Bankier von Ludwig XVI., oder auf der anderen Seite der Revolutionär Jean Marat; ferner der Philosoph Jean-Jacques Rousseau oder der Luxushotelgründer César Ritz, Regisseur Jean-Luc Godard und Autor Blaise Cendrars; und unter noch lebenden Politikern Ex-Minister Antoine Rufenacht oder Ex-Premier Manuel Valls, der eine Tessiner Mutter hat.

Natürlich sind vier Fünftel der Expats in Frankreich «welschen» Ursprungs, 83 Prozent Doppelbürger, dazu gut die Hälfte Bewohner des grenznahen Gebiets von Basel bis Genf. Das Generalkonsulat von Lyon, das unter anderem die Departemente von Savoyen abdeckt, führt die Namen von 107 000 Schweizern (Stand Ende 2016); ausserhalb von Basel kommen 23 000 Schweizer im Elsass dazu. Aber auch im Grossraum Paris leben 46 000 Schweizerinnen und Schweizer, in Südfrankreich deren 24 000.

Tiefe Mieten und Bodenpreise
Diese Vielfalt zeugt auch von den unterschiedlichen Motiven, welche die Schweizer anziehen. In Paris leben namentlich Konzernmitarbeiter, Tourismusbetreiber und alle Arten von Intellektuellen, die in der Lichterstadt Inspiration finden. Im Burgund wie auch an der Côte d’Azur haben sich viele Zweitwohnungsbesitzer, Rentner und Senioren niedergelassen. Über den gewaltigen Raum östlich davon bis an den Atlantik verstreuen sich viele Freiberufler, Handelstreibende, Bauern und Aussteiger – Individualisten eben.

Die Grenzgänger profitieren von den hohen Löhnen und tiefen Steuern in der Schweiz, in Frankreich von den tiefen Bodenpreisen. Diese Inhaber des roten Passes sind sogar zahlreicher, als die Statistik glauben macht: Viele leben unerkannt vom französischen Fiskus, indem sie einfach ihren administrativen Wohnsitz in der Schweiz behalten, damit sie nicht in Frankreich Steuern zahlen müssen. Die Zahl dieser «Clandestins» (Heimlichen) wird auf 20 000 geschätzt; der Kanton Genf hat sich allerdings gegenüber den französischen Behörden verpflichtet, zusammen Jagd auf sie zu machen.

Auch die entfernter wohnenden Schweizerinnen und Schweizer sind erstaunlich zahlreich. Die Jobsuche in Frankreich ist bei der hohen Arbeitslosigkeit zwar schwierig, die Löhne sind vergleichsweise tief. So tief, dass man sich bisweilen fragt, wie man im gar nicht so billigen Frankreich mit 1800 Euro (Schnitt der mittleren Einkommen) leben kann.

Die Antwort illustriert auch die Gründe, die viele Schweizer nach Frankreich ziehen: Es stimmt, dass die Löhne tiefer und die Steuern höher liegen; dafür zahlt man viel tiefere Wohnmieten und Bodenpreise. Im Burgund liegen sie etwa viermal tiefer als in der Schweiz, an der Côte d’Azur etwa doppelt so tief. Deshalb auch siedeln sich immer mehr Schweizer Firmen im Elsass oder in Savoyen an. Streiks, Gewerkschaften und hohe Abgabenlast werden angesichts der guten Standortkonditionen in Kauf genommen. Als Gegenwert zu den hohen Steuern offeriert die Grande Nation eine intakte Infrastruktur, eine gute Gesundheitsversorgung und eine immer noch korrekte Grundbildung.

Die französische Verwaltung funktioniert, die Bürokratie hält sich für Einzelpersonen in Grenzen. Wer nach Frankreich zieht, staunt oft, dass keine Anmeldepflicht besteht und keine Arbeitsbewilligung erforderlich ist. Nicht einmal das Steueramt rennt einem nach: Der Citoyen ist gebeten, sich dort selbst zu stellen. Die französischen «fonctionnaires» lieben Dokumente und Formulare, sind aber im Gegenzug auch bereit zu «verhandeln», ohne der Willkür anheimzufallen.

Viel Lust an der Debatte
Das Savoir-vivre paart sich in Frankreich nicht wie in Italien mit Schlendrian. Es bedeutet zudem viel mehr als gutes Essen und wenig arbeiten (dank der gesetzlichen 35-Stundenwoche), Flirten und Flanieren. Das alltägliche Lebensgefühl im grössten Land Westeuropas umfasst etwa auch die Freiheit des Raums; nur in Paris wohnt man sehr eng. Auf dem Land hat man nie das Gefühl, in einer Kulturwüste zu leben. Dort zeigt sich auch, dass sich die angebliche «Arroganz der Franzosen» in Wahrheit auf Paris beschränkt.

Und wie lebt es sich in Frankreich als Schweizer? Gar nicht schlecht. Dass man mit dem berühmten Normandie-Käse «petit Suisse» oder gar mit einem Banksafe verwechselt wird, darf man nicht persönlich nehmen – die Belgier, Deutschen und Italiener leiden noch unter schlimmeren Vorurteilen. Franzosen lieben Clichés (über die anderen). Doch darf man ihre kleinen Sticheleien auch als Aufforderung zur Debatte auffassen. Und debattieren muss man in Frankreich – dem entzieht sich niemand. Aber wie alles in Frankreich kann man sich daraus ein Vergnügen machen. 200 000 Schweizerinnen und Schweizer können sich nicht irren.

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