Wenn «Heiler» Schwule «umpolen»

Von Henry Habegger


Samstag, 12. März 2016 23:28

Im Visier von religiösen «Therapeuten»: Homosexualität. Szene aus dem Film «Brokeback Mountain». Foto: HO


Ein junger Christ erzählt, wie er Opfer einer evangelikalen «Umpolungs»-Therapie wurde

Es hört sich an wie eine Praxis aus dem barbarischen Mittelalter. Aber Beobachter gehen davon aus, dass sie in Kreisen namentlich von evangelikalen Christen Hochkonjunktur hat: das «Umpolen» von Homosexuellen.

A. B.* hat es am eigenen Leib erlebt. Er erzählt im Gespräch: «Ich wuchs in evangelikalen Kreisen auf. Homosexualität gilt als Sünde, die einen in die Hölle bringt. Aber sie wird als ‹heilbar› dargestellt. Und die Bücher, in denen das beschrieben wird, klingen sehr einleuchtend, wenn man in diesen Kreisen drin ist.»

Psychologisch werde die Homosexualität in diesen Kreisen «als Resultat eines Konflikts zum Vater oder zu naher Beziehung zur Mutter erklärt», sagt der junge Mann. Für ihn als Kind war die Situation dramatisch. «Es lastete ein enormer Druck auf mir als Teenager, so zu sein oder zu werden wie die anderen. Mit 15 begann ich eine ‹Therapie›, deren Ziel es war, mich ‹umzupolen›. Ich war also noch minderjährig. Ich weiss auch von anderen, die noch als Minderjährige in solche Therapien kamen.»

Nicht weniger als zehn Jahre lang dauerte die als «Therapie» verkaufte Tortur. Der junge Mann hatte immerhin noch das Glück, dass ihm irgendwann von selbst ein Licht aufging. Er berichtet: «Zum Glück merkte ich gegen Schluss, dass das Schindluderei war, und ich brach die Therapie ab. Ich brauchte aber dann mindestens ein Jahr, um mich selbst wieder zu finden.»

Die «Therapieformen», die der «Therapeut» beim jungen Opfer anwendete: «Ich musste beispielsweise den Mann beschreiben, in den ich mich verliebt hatte. Der ‹Therapeut› stellte Fragen über diesen Mann, bis ich ihn nicht mehr als Person, sondern als Ausgleich all meiner angeblichen Mängel, Schwächen und so weiter sah. Ich sah nicht mehr die Person.»

Ein anderes Beispiel, wie der junge Mann von der Homosexualität «geheilt» werden sollte: «Ich hasste Fussball, musste mich aber zwingen, Fussball zu spielen. Dabei ging es um eine Art Abhärtung. Ziel war, zu Männern in einer anderen Beziehung zu stehen als nur in einer sexuellen.» Von Glück kann A. B. reden, dass andere Umpolungs-Praktiken bei ihm nicht mehr eingesetzt wurden. «Früher wurde noch mit Stromstössen «therapiert›, das gibt es bei uns heute nicht mehr», erzählt A. B. «Man erhielt ein Foto von einem nackten Mann gezeigt und bekam dann einen Stromstoss. Auf diese Weise sollte ein Abwehrreflex verankert werden.»

Aus der Distanz von einigen Jahren sagt der junge Mann, der nach wie vor überzeugter Christ ist, allerdings nun in der reformierten Landeskirche: «Diese Umpolungs-Therapien können gerade bei Jugendlichen enormen Schaden anrichten. Jugendliche, die eigentlich keine Probleme haben, werden kaputtgemacht, ihr Selbstwertgefühl wird zerstört. Sie werden dazu gebracht, sich minderwertig zu fühlen. Sie sollen das, was sie lieben, hassen.»

Und sie sollen so weit gebracht werden, eine Hetero-Beziehung eingehen zu können. «Es geht darum, sich so weit unter Kontrolle zu bekommen, dass man eine Beziehung zu einer Frau eingehen kann. Auch wenn das nie richtig funktionieren wird. Erotische Gefühle entwickeln sich keine.»

Stephan Bischof, Vorstandsmitglied von Pink Cross, dem Schweizer Dachverband der Schwulen, versteht die Welt nicht mehr ob solcher Schilderungen: «Die sexuelle Orientierung ist nicht selbst gewählt, sondern gegeben. Man kann sogar sagen: gottgewollt!» Und klar sei doch: «Gott kann nie gewollt haben, dass Menschen solch psychisches Leid in Form der Heilung verursachen. Hier muss der Staat gesetzliche Flanken setzen und dem wilden Treiben der Fundis der evangelischen und katholischen Kirche ein Ende setzen.»

Unterstützung kommt jetzt von BDP-Fraktionschefin Rosmarie Quadranti (ZH). Sie hat diese Woche eine Interpellation eingereicht, in der sie feststellt: «In der Schweiz werden nach wie vor Therapien auch bei Minderjährigen durchgeführt, die eine Heilung von Homosexualität versprechen. Nach wie vor gibt es Psychologen, Therapeuten und Seelsorger, die Homosexualität als Krankheit deklarieren und Jugendliche oft jahrelang therapieren.» Quadranti will diese Praktiken verbieten und unter Strafe stellen, wie sie klarmacht. Sie fragt den Bundesrat: «Geht er davon aus, dass ein Straftatbestand, z. B. Nötigung, erfüllt ist?» Sie warte jetzt die Antwort der Regierung ab und werde wenn nötig weiter insistieren, um diese Praktiken abzustellen, sagt sie.

Gemäss dem Opfer A. B. gibt es viele solcher «Heiler». «Mir selbst sind etwa 20 solche ‹Therapeuten› bekannt», sagt er. «Sie sind in verschiedenen Einrichtungen wie Wüstenstrom, Living Waters oder Der Neue Weg tätig.» Bei den meisten «Therapeuten» handle es sich um «geheilte» Gays. «Man merkt als Gay aber rasch, dass sich diese ‹Therapeuten› selbst etwas vormachen oder dass sie etwas vorspielen. Ihr Motiv ist häufig heterosexuelle Selbstverwirklichung oder missionarischer Eifer. Sie können ihr Gay-Sein auf Kosten der ‹Patienten› insgeheim ausleben. Oder tragen ihren eigenen inneren Kampf auf deren Schultern aus.» Sein Fazit: «Es ist eine verlogene, gefährliche Szene.»
Und die «Therapeuten» verdienen darüber hinaus noch gut dabei. «Therapielektionen kosten 60 bis 80 Franken», so der junge Mann. Er weiss: «Es gibt sogar Psychotherapeuten, die solche Dienstleistungen über die Krankenkasse abrechnen.»

Also zahlen auch noch die Prämienzahler für solche «Heilungen». Sandra Kobelt, Sprecherin des Krankenkassenverband Santésuisse, sagt, sie habe bisher keine Hinweise darauf. Dazu bräuchte es Informationen von Insidern. Kobelt: «Aus unserer Sicht würden solche Machenschaften einen klaren Missbrauch der sozialen Krankenversicherung bedeuten. Und einen klaren Verstoss gegen die Standesregeln der Leistungserbringer und eine Missachtung der persönlichen Integrität eines Patienten.»

* Initialen geändert.

Anzeige