«Wir müssen über Designerbabys sprechen»

Raffael Schuppisser

Raffael Schuppisser ist Redaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 06. Februar 2016 23:27

Ein verrückter Wissenschafter, der ein Kind nach Mass entwickelt? Was zurzeit unmöglich ist, kann in Zukunft nicht ausgeschlossen werden. Foto: Montage/Thinkstock


Britische Forscher wollen Embryos genetisch modifizieren. Der Mann, der die dazu nötige Technologie entwickelt hat, heisst Martin Jinek und arbeitet an der Universität Zürich. Er erzählt, was er davon hält.

Martin Jinek, Sie haben die Crispr-Technologie entwickelt, mit der man Gene umschreiben kann. Vor einem Jahr warnten Sie zusammen mit anderen Wissenschaftern vor dem Missbrauch dieser Technologie. Diese Woche nun haben britische Forscher die Zulassung bekommen, um Embryos mit Crispr genetisch zu modifizieren. Sind Sie schockiert?
Martin Jinek: Nein. Ich finde nicht, dass das Experiment zu weit geht. Mit unserem Aufruf wollten wir das Bewusstsein dafür fördern, dass die Crispr-Technologie dazu missbraucht werden könnte, um zu versuchen, genetisch modifizierte Menschen zu zeugen. Im Experiment der britischen Wissenschafter sollen aber nur einige Embryos zu Forschungszwecken genetisch modifiziert werden. Nach wenigen Tagen werden diese wieder zerstört. Kein Embryo wird je eingepflanzt oder gar ausgetragen werden.

Das dürfte nicht alle beruhigen?
Das Experiment wurde von der britischen Behörde für Reproduktionsmedizin und Embryologie gutgeheissen. Es entspricht engen wissenschaftlichen und ethischen Kriterien.

Letztes Jahr haben chinesische Wissenschafter zum ersten Mal mit Crispr menschliche Embryos genetisch manipuliert und sorgten für einen Aufschrei in der westlichen Welt. Gibt es einen Unterschied zwischen den beiden Experimenten?
Bezüglich Technologie und Methode nicht. Auch beim chinesischen Experiment wurde nie geplant, dass die Embryos eingesetzt werden könnten. Es wurden sogar fehlgebildete Embryos verwendet, die sich gar nie zu einem lebenden Menschen hätten entwickeln können.

Das britische Experiment geht also sogar einen Schritt weiter. Hier sollen gesunde Embryos verwendet werden.
In einem gewissen Sinne ja. Aber noch einmal: Es wird in einer sehr kontrollierten Umgebung unter sehr strikten Regeln durchgeführt.

Solche Experimente könnten die Türen zu Designerbabys öffnen.
Das sehe ich anders. In den meisten Ländern gibt es sehr strikte Regeln für genetische Experimente mit menschlichen Embryos. Einige haben striktere Regeln als andere, klar. Aber in Europa, den USA und sogar in China gibt es Regeln, die es untersagen, dass genetisch modifizierte Embryos eingepflanzt und ausgetragen werden dürfen.

Warum braucht es genetische Experimente mit menschlichen Embryos überhaupt?
Sie helfen, die menschliche Reproduktion zu verstehen. Das britische Experiment beispielsweise untersucht, welche Gene bei der frühen Entwicklung von Embryos beteiligt sind. Das kann nicht einfach mit Tierversuchen untersucht werden. Bei Menschen kommt es zu verhältnismässig sehr vielen Fehlbildungen, das erschwert die Reproduktionsmedizin. Warum das so ist, verstehen wir noch nicht ausreichend. Hier setzt das Experiment an.

Das Verständnis, das man daraus gewinnt, könnte helfen, um später einmal Designerbabys zu entwickeln.
Sie können so argumentieren, ja. Doch unter den gegebenen gesetzlichen Regeln kann ich mir nicht vorstellen, dass es einen Wissenschafter gibt, der Crispr dazu nutzen würde.

Wenn die Technologie erstmals zuverlässig genug funktioniert, wird doch früher oder später ein verrückter Wissenschafter Crispr nutzen, um ein Designerbaby zu entwickeln.
Natürlich kann das nie vollkommen ausgeschlossen werden. Doch dieses Dammbruchargument akzeptiere ich nicht. Deswegen die Forschung mit Crispr zu unterbinden, wäre falsch.

Sie haben die Technology Crispr entwickelt. Wie kam es dazu?
Wir haben einen molekularen Prozess in Bakterien untersucht. Irgendwann haben wir gemerkt, dass es da ein programmierbares System gibt, um die DNA zu durchtrennen. Die Anwendung dieses Systems hat dann zur Genom-Editing-Technologie Crispr geführt.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie an der Entwicklung einer revolutionären Technologie arbeiten?
Wir haben rasch gemerkt, dass wir einen spannenden Mechanismus entdeckt haben. Doch erst als wir und andere Forschungsgruppen zeigen konnten, dass damit nicht nur Bakterien, sondern alle Zellen genetisch modifiziert werden können, wurde klar, wie immens das wahre Potenzial dieser Technologie ist.

Crispr ist nicht die erste Technologie, mit der sich Gene editieren lassen. Warum gilt sie dann als so revolutionär?
Crispr ist ein System, das sehr einfach und effizient genutzt werden kann. Es ist sehr schnell und sehr billig. Man kann damit programmieren, wo genau die DNA durchschnitten werden soll, um die Gensequenz zu modifizieren oder andere Gene einzufügen. Mit Crispr lässt sich in wenigen Tagen bewerkstelligen, wofür man früher mehre Monate brauchte.

Kann man damit jedes Gen umschreiben, wie man will?
Es gibt ein paar Limitierungen. Aber da das System voll programmierbar ist, kann man damit jedes Gen ansteuern. Wenn man die DNA – also den Code des Lebens – als ein Textdokument versteht, dann ist Crispr das Textbearbeitungsprogramm. Man kann damit den Text abändern, überschreiben, Wörter löschen und neue hinzufügen.

Woran forschen Sie jetzt?
Ich untersuche mit meinem Team vor allem die grundlegenden molekularen Mechanismen, auf denen Crispr beruht. Es geht hier um ein programmierbares System, mit dem die DNA durchschnitten werden kann. Wir wollen die biomolekularen Prozesse, die dabei beteiligt sind, besser verstehen.

Um die Technologie zu verbessern?
Ja, um sie effizienter und spezifischer anwendbar zu machen. Und um gewisse technische Hürden zu überwinden, die derzeit noch bestehen.

Was wird damit in nächster Zeit alles möglich sein?
Erst einmal ist es ein mächtiges Werkzeug, um die Funktion von Genen zu studieren. Man kann die genetischen Informationen in Zellen modifizieren und schauen, was die Veränderungen auslösen. Man kann Tiere mit genetischen Krankheiten ausstatten, um zu testen, welche Medikamente dagegen helfen. In der Pharmaforschung wird das in Zukunft eine grosse Rolle spielen. In langfristiger Zukunft kann Crispr auch für Gentherapie genutzt werden. Zellen mit genetischen Defekten können so repariert werden.

Können Sie ein Beispiel machen?
Wenn jemand an einer erblichen Blutkrankheit leidet, wie beispielsweise Hämophilie, könnte man in Zukunft die Blutstammzellen ausserhalb des Körpers reparieren und dann wieder in den Körper integrieren, um die Krankheit zu heilen. Man nennt das somatische Gentherapie. Es werden Gene von adulten Zellen geflickt, die nicht an die Nachkommen weitervererbt werden. Es geht hier also nicht um Keimbahneingriffe.

Doch man könnte auch defekte Zellen von Embryos flicken, sodass später gar keine genetischen Krankheiten ausbrechen können. Wäre das der nächste Schritt?
Dafür brauchte es einen breiten Konsens in der Gesellschaft. Denn auf diese Weise greift man in die Entwicklung der menschlichen Spezies ein. Ich sehe derzeit nur sehr wenige Fälle, wo das wirklich sinnvoll wäre – wenn etwa der Vater und die Mutter dieselbe genetische Krankheit in sich tragen. Meistens reicht es aus, wenn man die defekten Embryos mit Präimplantationsdiagnostik aussortiert.

Man könnte mit Crispr dereinst nicht nur Defekte heilen, sondern den Menschen auch optimieren. Sogenannte Transhumanisten finden das eine gute Idee. Was meinen Sie dazu?
Ich bin derzeit dagegen. Momentan wäre das auch gar nicht möglich. Wir verstehen die genetischen Bedingungen für erwünschte Eigenschaften wie beispielsweise Intelligenz noch viel zu schlecht.

Doch die Arbeit von Forschern wie Ihnen führt dazu, dass das einmal möglich wird.
Theoretisch ja. Aber noch einmal: Das ist noch sehr weit weg.

Wäre es dennoch gut, wenn wir diese Fragen schon jetzt diskutieren würden, denn früher oder später könnten wir vor der Entscheidung stehen, ob wir den Menschen optimieren wollen.
Ja, absolut. Es ist Zeit, darüber zu reden, ob genetisch optimierte Menschen oder Designerbabys einmal verantwortbar wären. Es gibt ja auch schon Bemühungen, solche Diskussionen untern Ethikern, Biologen und Juristen anzustossen. Doch man muss die Diskussion auch auf die breite Gesellschaft ausweiten.

In gewissem Sinne optimieren wir den Menschen ja schon lange, machen ihn mit Impfungen resistent gegen Krankheiten und verbessern durch Bildung seine Intelligenz. Wäre da die genetische Optimierung nicht einfach der nächste logische Schritt?
Dazu brauchte es auf jeden Fall eine breite ethische Debatte.

Sollten wir uns einmal für die genetische Optimierung des Menschen entscheiden, wäre das gewiss nicht ohne Risiko. Schlafen Sie manchmal schlecht, weil Sie daran denken, was wegen der von Ihnen entwickelten Technologie alles schiefgehen könnte?
Nein, ich schlafe nicht schlecht. Aber ich denke immer häufiger über die möglichen gesellschaftlichen Einflüsse unserer Arbeit nach.

In der Schweiz ist die Forschung mit Gentechnik strikt geregelt. Genetische Experimente an Embryos, wie sie nun in England bewilligt wurden, wären hier nicht möglich. Warum sind Sie an die Universität Zürich gekommen?
Die Regeln limitieren meine Arbeit nicht. Mit meinem Team betreibe ich molekulare Grundlagenforschung. Wir arbeiten nicht mit Organismen. Die Forschungsinfrastruktur und die Finanzierung an der Universität Zürich sind hervorragend. Ich war schnell überzeugt, dass die Schweiz der richtige Ort ist, um meine Forschungsgruppe aufzubauen.

Ist es kein Nachteil, dass die Schweiz nicht Teil der EU ist?
Nein. Die Schweiz ist Teil vieler europäischer Forschungsprogramme. Ein Teil der Finanzierung meines Forschungsprojekts stammt aus der EU. Für die hiesige Forschung ist es essenziell, dass die Schweiz im EU-Rahmenprogramm Horizon bleibt.

Sie haben eine revolutionäre Technologie entwickelt, welche die Welt verändern könnte. Werden Sie dafür den Nobelpreis bekommen?
Nein.

Warum nicht, Sie waren massgeblich an den ersten Forschungen beteiligt, auf denen die ganze Crispr-Technologie beruht.
Ja, doch wenn es einen Nobelpreis für Crispr geben sollte, glaube ich nicht, dass ich als damaliger Postdoc auch zu den Geehrten gehören werde.

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