Zu früh zu schlau

Yannick Nock

Yannick Nock ist Redaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 05. März 2016 23:30

Ganz schön schlau: Viele Kinder beherrschen das Abc schon vor dem ersten Schultag. Foto: Plainpicture


Jedes dritte Kind kann schon vor der Einschulung lesen und schreiben – das birgt nicht nur Chancen.

Mami und Papi brauchts nicht immer: Wenn heute ein 6-Jähriger Lust auf eine kurze Geschichte hat, schmökert er schon mal allein in einem Buch. War früher die 1. Klasse der Ort, wo man das Abc lernte, sind viele Kleine heute schon zwei Schritte weiter: Sie lesen vor der Einschulung selbstständig Kinderbücher oder kritzeln Briefchen an ihre Gspänli. «Wir haben seit einigen Jahren immer mehr Kinder, die immer mehr können», sagt Andrea Lanfranchi, Forschungsleiter an der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. In einigen Kantonen beherrsche heute jedes dritte Kind bereits am ersten Schultag den Stoff, den es erst am Ende der 1. Klasse können sollte. Mehrere Studien, die in den vergangenen Jahren durchgeführt wurden, bestätigen den Trend.

Afra Sturm, Professorin für Deutschdidaktik an der Fachhochschule Nordwestschweiz, sieht die Ursache für die jungen Lese- und Schreibkünstler in den Kindergärten. Früher war es den Kindergärtnerinnen verboten, Buchstaben und Zahlen zu erwähnen. Das sollte den Schulen überlassen werden. Heute ist das anders. Zeigt ein Kind Interesse an Büchern oder an Zahlen, darf es diese Freude nun schon vor der Einschulung ausleben. Die technische Entwicklung spiele hingegen lediglich eine untergeordnete Rolle. Wenn Kinder nur auf dem iPad spielen würden, wecke dies keine Lese- oder Schreibfreude, sagt Sturm. Anreize können Tablets und Smartphones aber geben: «Wer mit den Eltern ein SMS an Opa schreibt, lernt spielerisch mit Schrift umzugehen.»

Doch längst nicht alles geschieht aus Eigeninteresse. Mami und Papi drängen ihren Nachwuchs zunehmend zu Höchstleistungen. «Viele Eltern von kleinen Kindern haben Angst, etwas Wichtiges zu verpassen», sagt der Psychologe und Heilpädagoge Lanfranchi. Sie hätten in Ratgebern gelesen oder den Medien entnommen, dass sich in der Entwicklung von Kleinkindern Zeitfenster aufmachten, die man nicht ungenutzt verstreichen lassen sollte. Ansonsten sei der Zug für die spätere Karriere der Kinder abgefahren. «Das stimmt natürlich nicht», sagt Lanfranchi. Clevere Anbieter von Frühförderkursen seien trotzdem sofort in die Nische gesprungen.

Nach Englisch in der Spielgruppe könne man heute tatsächlich Frühchinesisch buchen, aber auch Schach für Kleinkinder oder «Violine ab 3». «Muss man schon als Baby Algebra lernen? Sicher nicht!» Dieser «Frühförderungswahn» sei schädlich für die Entwicklung der Kinder. Das wohlgemeinte «Projekt Kind» könne die Heranwachsenden überfordern. «Das Gras wächst schliesslich nicht schneller, wenn man daran zieht», sagt Lanfranchi. Gleichzeitig gebe es Eltern, die ihre Kinder zeitlich und finanziell nicht so unterstützen könnten, wie es nötig wäre.

Diese Entwicklung fordert die Lehrerinnen und Lehrer. Wenn das Gefälle innerhalb einer Klasse zu gross wird, droht der einen Gruppe Langeweile, der anderen Frust und Überforderung. Zwar reagierten die Lehrpersonen mit individualisiertem Unterricht, wie Lehrerpräsident Beat Zemp erklärt, aber wenn die Klassen immer grösser würden, sei dies bald nicht mehr ausreichend möglich. Zemp warnt deshalb vor den geplanten Kürzungen der Bildungsbudgets in den Kantonen. Neben grösseren Klassen spitze sich auch der Mangel an Sonderpädagogen weiter zu.

Darin sieht Lanfranchi das Hauptproblem: Obwohl viele Erstklässler schnell lesen und schreiben lernten, könnten 5 bis 10 Prozent der Kinder den Rückstand auf die Frühleser nicht allein aufholen. Sie würden heilpädagogische Unterstützung brauchen. «Nur so haben lernschwache Kinder eine Chance, mitzuhalten.»

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