Die Bundesräte und der liebe Gott

Von Alan Cassidy und Othmar von Matt


Samstag, 19. April 2014 23:31

Lieber draussen als in der Kirche: Die Landesregierung traf, angeführt von Bundespräsident Burkhalter, diese Woche die Bevölkerung in Schwyz. Foto: Keystone


Vier Reformierte, zwei Katholiken und eine Konfessionslose: Wie es die Bundesräte mit ihrem Glauben halten – und wie die religiösen Bezüge aus ihren Reden verschwunden sind.

Politik und Religion gehören in den meisten europäischen Ländern getrennt, und in der Schweiz äussern sich Politiker in hohen Ämtern nur selten zu ihrem eigenen Glauben. Das hielt bisher auch Didier Burkhalter so. Eine Anfrage der «Schweiz am Sonntag» kurz vor Ostern beantwortete der Bundespräsident nun aber gleich selbst – und wird dabei überraschend persönlich.

Er gehe unregelmässig in Gottesdienste, «aber ich fühle mich ganz einfach gläubig», schreibt Burkhalter. Wichtig sei ihm das Gebet, das einem erlaube, innere Kräfte zu sammeln. «Für mich ist der Glaube mit der Liebe zur Natur verbunden, mit der Fähigkeit, die Zeit und das Leben zu respektieren und zu wissen, wann man einmal innehalten muss, um die Farben des Sees zu betrachten oder die Botschaften zu hören, die der Wind einem zuträgt.»

Mit seiner Ode an die Natur ist Burkhalter in guter Gesellschaft. Ähnlich reden Johann Schneider-Ammann und Ueli Maurer – auch sie sind Reformierte. «Klassisch gläubig bin ich nicht», sagte Schneider-Ammann nach Weihnachten im «SonntagsBlick»: «Meine Religion ist die Natur.» Sie sei seine «Ersatzreligion», sagte bereits Maurer vor einigen Jahren. Er gehe heute «fast nie mehr» in die Kirche.

Auch unter den anderen Bundesräten gibt es keine regelmässigen Kirchgänger mehr. Mit der Religion gehen sie so unterschiedlich und individuell um wie heute weite Teile der Gesellschaft. Und zumindest öffentlich halten sie Glauben und religiöse Bezüge aus der Politik heraus. Die letzte Bundespräsidentin, die in einer Ansprache den Begriff «Gott» verwendete, war Doris Leuthard 2010. Selbst für die katholische CVP-Frau eine Ausnahme.

Längst vorbei sind die Zeiten, in denen ein Bundespräsident die Wirtschaftslage der Schweiz in seiner Neujahrsansprache mit der Landung der Arche Noah verglich. Es war Rudolf Minger, der 1935 versuchte, mit diesem Bild aus der Bibel für Optimismus zu sorgen: Auch wenn es lange dauere, werde der Moment kommen, an dem «wie in Noahs Arche die Taube mit dem Ölzweig erscheint».

Die heutigen Bundesräte vermeiden religiöse Verweise selbst dann, wenn sie naheliegen. Als Alain Berset vor zwei Jahren in der Kathedrale in St. Gallen den Stadtgründer Gallus würdigte, einen irischen Mönch, kam seine Rede ohne einen expliziten Bezug zum Christentum aus. Stattdessen sprach der katholische Berset, der mit seiner Familie auch schon mal die Fronleichnamsprozession in seinem Kanton Freiburg besucht, über «Werte, die über den Religionen stehen», und nannte die Freiheit und die Menschenrechte.

Es ist ein Muster, das sich auch durch die jährlichen Neujahrsansprachen der Bundespräsidenten zieht. Der Zürcher Staatsrechtler Andreas Kley hat in einer Analyse dieser Reden dargelegt, dass «Gottessurrogate» wie Menschenrechte und Nachhaltigkeit heute klassisch-religiöse Begriffe verdrängt haben, die einst zum Standardrepertoire jeder Rede gehörten.

Dabei wurden viele der heutigen Bundesräte privat durchaus religiös geprägt. Am Wochenende vor ihrer Wahl in den Bundesrat zog sich Doris Leuthard in das Kloster Frauenthal zurück, um zu beten. In der Klosterkirche fände sie Ruhe, sagte sie damals. «Gebete geben Kraft und helfen, dass man eine Krise lösen kann», hatte sie schon einige Jahre zuvor gesagt.

Katholisch aufgewachsen ist auch die Sozialdemokratin Simonetta Sommaruga. Im Gymnasium an der linkskatholischen Klosterschule in Immensee SZ wurde sie von Missionaren unterrichtet, für die Entwicklungspolitik und Befreiungstheologie wichtig waren. Den Katholizismus an sich erlebte Sommaruga in ihrer Kindheit allerdings «als etwas sehr Einengendes mit Schuld, Sünde, Angst», wie sie einmal in einem Interview sagte. Als sie Ende zwanzig war, trat sie aus der Kirche aus. Heute bezeichnet sie sich selbst als «Suchende» in Religionsfragen.

Die konfessionelle Mehrheit im Bundesrat stellen heute, nach einem katholischen Intermezzo von 1989 bis 2004, die Reformierten. Zu ihnen zählt Eveline Widmer-Schlumpf, die als Kind die Sonntagsschule besuchte. Noch als Bündner Regierungsrätin sang sie mit ihrem Mann im Gospelchor ihres Heimatorts Felsberg GR. Der christliche Glaube habe sie ihr ganzes Leben begleitet, schrieb Widmer-Schlumpf nach ihrer Wahl in den Bundesrat in einem Buchbeitrag. «Nicht alle Zusammenhänge können wissenschaftlich verstanden und erklärt werden.» Es sei die Religion, die «Vertrauen in das Leben» stifte.

Auch Ueli Maurer ist mit reformierten Sonntagsschulen vertraut – er unterrichtete jahrelang selbst an einer solchen. Zur organisierten Religion hat der SVP-Politiker offenbar einen wechselhaften Zugang. Die reformierte Kirche bezeichnete er auch schon als «Eventplatz», die ihm «zu spassig» geworden sei. Vor seiner Zeit in der Landesregierung sass er im Patronatskomitee der Zürcher Limmat-Stiftung, die dem erzkatholischen Orden Opus Dei nahesteht. Und als Bundesrat zeigte er zudem wenig Berührungsängste mit evangelikalen Gruppierungen, als er 2010 auf einer «Bauernkonferenz» der Freikirche «Stiftung Schleife» auftrat.

Konfessionelle Unterschiede, die während der frühen Jahre des Bundesstaats so wichtig waren, beschränken sich heute auf Anekdotisches. Nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. im April 2005 stand der Bundesrat vor der Frage, wer die Schweiz am Trauergottesdienst im Vatikan vertreten würde. Gesetzt war vom Protokoll her Bundespräsident Samuel Schmid, ein Protestant. Doch auch die Katholiken Joseph Deiss, Pascal Couchepin und Micheline Calmy-Rey zeigten grosses Interesse, nach Rom zu reisen. Schmid wollte aber selbst vor Ort sein – und die Katholiken mussten sich mit einer Messe in der Schweiz begnügen.

Es gibt andere, subkutane Spannungen, die ab und zu zutage treten. Als sich der Freiburger CVP-Ständerat Urs Schwaller 2009 um die Nachfolge von Pascal Couchepin im Bundesrat bewarb, gab es gerade unter Westschweizer und Berner Parlamentariern einige, die keinen Katholiken Schwaller wollten – auch wenn sie andere Argumente vorschoben.

Gewählt wurde stattdessen der Freisinnige Didier Burkhalter. Er ist mit einer Katholikin verheiratet. «Ein Unterschied», sagt er, «den wir seit Beginn unseres gemeinsamen Lebens als Bereicherung leben.»

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