Die Überbewertete

Von Pascal Ritter


Samstag, 05. März 2016 23:29

Weiss sich zu inszenieren: Flavia Kleiner (25) und ihr pinker Mantel am Abstimmungssonntag vor dem Hotel Bellevue. Foto: Keystone/Alessandro della Valle


Eine Studentin stiehlt allen die Show. Das liegt nicht nur an ihr selbst.

Ein pinker Mantel geht um. Am Abstimmungssonntag leuchtet er vor dem Hotel Bellevue in die Kamera. Stunden später wird er von einer Bundesrätin umarmt. Nur wenigen muss man nach dieser Woche noch erklären, wem der Mantel gehört. Flavia Kleiner (25), die Co-Präsidentin der Operation Libero, schaffte es nach dem Nein zur Durchsetzungsinitiative in alle Zeitungen. Die «Schweizer Illustrierte» begleitete sie ins Fünfsternehotel, «Das Magazin» hievte sie aufs Cover. In der «Arena» des SRF durfte sie in die erste Reihe. Und so bleibt der Eindruck haften: Die Operation Libero – eine Gruppe von Studenten, welche von der Masseneinwanderungsinitiative aufgeschreckt wurde – habe die SVP fast im Alleingang gebodigt. Unter der Führung von Flavia Kleiner.

Diese Bild kam zustande, weil die Operation Libero den Medien die perfekte Geschichte anzubieten hatte. Der «Dringende Aufruf» gegen die Durchsetzungsinitiative sammelte zwar mehr Geld und erreichte per Mail und Facebook ähnlich viele Bürger. Die SP dürfte über Facebook und dank Flyer verteilenden Aktivisten mehr Menschen an die Urne gebracht haben als die Operation Libero. Aber nur mit Flavia Kleiner liess sich der Abstimmungskampf im Nachhinein wie ein Märchen erzählen: die blonde junge Frau aus der Studentenbude im pinken Zaubermantel gegen den alten reichen Mann aus der Villa in Herrliberg. Der «Tages-Anzeiger» merkte es als Erster. Nachdem die deutsche «Welt» den Artikel übernommen hatte, gab es kein Halten mehr: der pinke Mantel auf allen Kanälen.

Andere Aktivisten aus dem Nein-Lager fühlen sich übergangen. Ein SP-Mitglied ätzt auf Facebook: «Breaking News aus Oslo: Flavia Kleiner gewinnt den Nobelpreis». Zum Frust trug bei, dass es zu Verwechslungen kam. Kleiner wurde etwa den Lesern von «20 Minuten» als Mitglied des «Dringenden Aufrufs» vorgestellt. Dessen Initiant, der 80-jährige Journalist Peter Studer, nimmt es gelassen. «Vieles, was wir gemacht haben – etwa die 1,2 Millionen Franken, die wir gesammelt haben –, wurde der Operation Libero angerechnet. Das stört mich aber nicht. Ich habe auch mal vor 60 Jahren die liberale Studentenschaft geleitet und es freut mich, dass Studenten sich nun einsetzen.» Stefan Krattiger, Kampagnenleiter der SP, sagt: «Operation Libero war wichtig. Aber ob des Rummels gehen andere vergessen, die auch zum Erfolg beigetragen haben. Der ‹Dringende Aufruf› zum Beispiel hat viele bisher Inaktive mobilisiert. Auch unsere Basis hat sich sehr stark engagiert. Etablierte Organisationen, Parteien und neue Gruppen haben zusammengespielt.»

FDP-Kampagnenleiter Matthias Leitner findet nur lobende Worte für Kleiner und ihre Mitstreiter. Aber er erinnert daran, dass die Zusammenarbeit über die Organisationen hinausging. Als Beispiel nennt er, dass das bürgerliche Komitee einen Teil der Kosten übernahm für die Werbung der Operation Libero in den Bahnhöfen.

Hinter dem Hype um Libero stecken harte Arbeit und Expertise. Die Politgruppe erreichte über Facebook und Twitter mit ihren Beiträgen Hunderttausende Wähler. Ihre Videobotschaften wurden bis zu 200 000-mal angesehen. Unermüdlich kämpften die Aktivisten gegen die Argumente der Befürworter und schrieben Hunderte Kommentare. Wie Zahlen zeigen, die die Operation Libero offenlegte, erreichte ihre Facebook-Seite zeitweise bis zu einer halben Million Nutzer pro Tag – auch dank bezahlten Anzeigen.

Daniel Graf, Experte für Polit-kampagnen, relativiert die Wirkung von Facebook und Twitter. «Viel wichtiger sind E-Mails, weil sie persönlich sind.» Eine wichtige Rolle hätten aber auch die klassischen Medien gespielt. Die grosse Mehrheit der Zeitungen schrieb negativ über die Durchsetzungsinitiative.

Ruhm verschaffte sich die Operation Libero aber auch durch ihr Timing. Kleiner & Co. warnten schon vor der Durchsetzungsinitiative, als die Parteien sich noch von den Wahlen erholten, und leisteten früh Vernetzungsarbeit im Nein-Lager. Schliesslich half eine unpünktliche Bundesrätin. Als die Pressekonferenz endlich anfing, waren Vertreter anderer Organisationen schon wieder gegangen. Zum Umarmen blieb ein pinker Mantel.

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