«Dieses Zurücklehnen ist fatal»

Von Fabienne Riklin und Niklaus Vontobel


Samstag, 07. Januar 2017 23:27

Der Wintertourismus wird nicht genug geschätzt: Adolf Ogi. Foto: Keystone


Alt Bundesrat Adolf Ogi fordert: Der Bund muss dem Wintertourismus mehr helfen.

Direkt von der Piste zurück, nimmt alt Bundesrat Adolf Ogi unseren Anruf entgegen. Der ehemalige Sportminister war in Adelboden-Lenk BE. Dort besuchen derzeit 700 Kinder ein Schneesportlager, organisiert vom Schweizer Skiverband. «Nachwuchs ist zentral für das Überleben der Tourismusregionen», sagt Ogi. «Wer als Kind die Freude am Schnee entdeckt, der behält sie ein Leben lang.»

Herr Bundesrat, wo haben Sie selber Skifahren gelernt?
Adolf Ogi: In Kandersteg, als kleiner Bub. Mein Vater hat mich auf die Ski gestellt, sobald ich anständig laufen konnte.

Nach dem enttäuschenden letzten Winter hatten Sie in der «Schweiz am Sonntag» einen Tourismus-Gipfel gefordert. Wie geht es der Branche heute?
Es gab immerhin einen runden Tisch mit Bundespräsident Johann Schneider-Ammann. Aber er brachte nicht, was ich mir gewünscht hätte. Die Sehnsucht nach einem Neuanfang ist offensichtlich nicht vorhanden. Dieses Zurücklehnen ist fatal. Die Folgen werden wir im Frühling sehen, wenn erste Bergbahnen, Hotels oder Sportgeschäfte die Bilanzen hinterlegen müssen.

Ist die Situation tatsächlich so dramatisch?
Die ausländischen Gäste bleiben wegen des starken Frankens weg. Vor 15 Jahren kam jeder zweite Wintersportler aus dem Ausland zu uns; heute ist es nur noch jeder Dritte. Das Grundübel ist der starke Franken – nach wie vor. Das darf man nicht kleinreden. Wir können preislich nicht mithalten mit Österreich oder Südtirol. Das ist eine Tatsache. Hinzu kommt: Wir haben bereits den dritten Dezember ohne Schnee. Die Bergbahnen sprechen von 10 Prozent weniger Einnahmen zwischen Weihnachten und Neujahr.

Diese Woche kam der Schnee.
Ja, aber die Zeit zwischen den Festtagen ist existenziell wichtig. Das habe ich als CEO der Sporthandelsfirma Intersport Schweiz erlebt. Lief der Dezember schlecht, war das nicht aufzuholen. Im Januar beginnt im Unterland der Ausverkauf.

Was schlagen Sie vor?
Es muss wieder Emotion ins Skifahren kommen. Gefragt sind Ideen, neue Formate, bessere Produkte. Von allen Akteuren. Wir müssen gegen das Schrumpfen des Marktes ankämpfen. Dafür braucht es Leadership, auch von der Politik. Der Bund muss mehr helfen. Der Wintertourismus wird zu gering geschätzt.

Was wäre konkret nötig?
Ich appelliere, etwas Aussergewöhnliches zu machen. Etwa die Saison einen Monat nach hinten zu verschieben. Im Dezember fehlt oft der Schnee, aber Mitte April ist er noch da. Nur fährt dann keiner mehr. Bereits nach den Sportferien hören die ersten auf. Warum eigentlich? Man könnte die Ferien später ansetzten und die Saison in den Frühling hinausziehen.

Neue Wege ging Saas-Fee: Die Region verkaufte Saisonkarten zu 222 statt 1050 Franken.
Klar, diese Idee hat Saas-Fee 15 Millionen Franken in die Kasse gespült. Ihr Winter ist gerettet. Doch für die gesamte Branche geht das wohl nicht. Es können nicht alle ihre Jahreskarten so günstig verkaufen.

Aus Saas-Fee kommt noch eine Idee: Grosse und kleine Bergbahnen sollen zusammenspannen.
Vorschreiben kann man das nicht. Aber ich finde das eine gute Idee.

Viele probieren es auch mit Alternativ-Programmen: Biken oder Schneewandern.
Das ist der Plan B, falls es keinen Schnee gibt. Das ist alles schön und gut, aber das ersetzt den Wintersport nicht. Nie und nimmer. Selbst das Mountainbiken bringt zehn Mal weniger Fahrten als der Skisport. Damit ist ein Bergbahnen-Betrieb nicht finanzierbar.

Vor allem tief gelegene Gebiete leiden unter Schneemangel. Einzelne fordern, diese zu schliessen.
Das ist zu kurz gedacht. Die Gebiete nahe von Städten bringen den Nachwuchs. Sie ermöglichen auch Secondos, deren Eltern nicht Ski fahren, in Kontakt mit dem Skisport zu kommen.

Ihnen liegt der Wintertourismus sehr am Herzen.
Ich habe ihm viel zu verdanken. Mein Vater war Bergführer und leitete eine Skischule. Davon zahlte er damals meine Ausbildung: fast 15 000 Franken für drei Jahre an der Handelsschule in La Neuveville. Darum tut es mir weh, wenn der Wintersport nicht so geschätzt wird, wie es nötig wäre.

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