Geri Müller: Nackt-Selfies aus dem Stadthaus

Patrik Müller

Patrik Müller ist Chefredaktor der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 16. August 2014 13:44

Geri Müller im Stadthaus Baden.


"Zufrieden sind in diesem Haus all die da gehen ein und aus." Dieser Spruch steht über dem Eingang eines Hauses in der Altstadt von Baden, vor dem sich am vergangenen Mittwochabend, 13. August, eine gespenstische Szene zugetragen hat.

Kurz nach 21 Uhr klingelt eine junge Frau an der Tür. Der Polizei wird sie später zu Protokoll geben, sie sei von einer Vertrauten des Badener Stadtammanns Geri Müller, die an dieser Adresse wohnt, hierher beordert worden mit der Begründung, man solle sich von Frau zu Frau aussprechen.

Niemand öffnet. Die junge Frau steht allein in der Gasse. Sie wartet. Sie greift zum Handy, ruft in der Wohnung an. Das Fenster steht offen, sie hört das Klingeln des Telefons. Dann nimmt die Bewohnerin ab: Es komme gleich jemand öffnen. Eine Minute vergeht, zwei Minuten vergehen. Wieder geschieht nichts.

Auf einmal rennen zwei Stadtpolizisten die Gasse hoch. «Stopp! Polizei! Stehen bleiben!», rufen sie. «Was machen Sie vor diesem Haus?» Die Polizisten halten die Frau an. Sie protestiert: «Ich wurde von der Dame des Hauses eingeladen, was ist los?» Die Beamten setzen sie ins Polizeiauto.

Auslöser des Polizeieinsatzes: Stadtammann und Nationalrat Geri Müller. Die in Gewahrsam genommene Frau ist eine junge Bernerin, mit welcher der Politiker seit Februar 2014 eine mehrere Wochen andauernde Online-Chat-Beziehung führte und mit der er sich dann auch traf.

Die beiden Stadtpolizisten fahren die junge Frau zum Gebäude der Kantonspolizei in Baden. Schon im Auto erzählt sie, der Stadtammann habe sie bedrängt und missbrauche sein Amt, indem er sie verhaften lasse.

Sie habe auf ihrem Handy unumstössliche Beweise für dessen Fehlverhalten: Der Politiker habe ihr Nackt-Selfies geschickt und nach dem Ende der Affäre darauf gedrängt, sie müsse den Chat auf dem Smartphone löschen und dieses abgeben.

Tatsächlich belegen Dokumente, die der «Schweiz am Sonntag» vorliegen, dass der 53-Jährige die junge Frau wiederholt aufgefordert hat, sie solle ihr Handy abgeben. Wörtlich festgehalten ist folgender Dialog: «Hast du das Natel noch?», fragt Geri Müller. Als sie bejaht, antwortet er: «Die Chance ist gross, dass du es bald nicht mehr hast.» Sie versteht das als Drohung.

Im Polizeiauto ist für sie klar: Der Stadtammann hat die Stadtpolizei losgeschickt, um ihr das Handy wegzunehmen.

Auf dem Posten der Kantonspolizei erwarten vier Beamte die junge Frau und die beiden Stadtpolizisten. Sie zeigt den Beamten ihr Telefon. Die Polizisten schauen die Bilder an und hören sich ein Tondokument an, auf dem Müller sie zum Wegsperren des Handys auffordert.

Es sind nicht nur einschlägige Texte, die im Whatsapp-Chat hin- und hergeschickt wurden. Diverse der vielen Selfies des Stadtammanns sind nicht jugendfrei. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wird an dieser Stelle nur auf Bilder eingegangen, die der Politiker in Amtsräumen geschossen und der Frau geschickt hat. So an zwei Tagen im Februar: Auf einem Selfie befindet sich Geri Müller an seinem Arbeitsplatz im Stadthaus. Zuerst trägt er Jeans. Auf einem weiteren Bild trägt er unten gar nichts mehr. Im Hintergrund sieht man den Parkettboden des Stadthauses.

Geri Müller textet auf Whatsapp – es ist 12.25 Uhr: «Die Sekretärin ist weg.» Wenn sie ins Büro reinkommen würde, würde er sie fragen, «ob sie sich bedienen will». Dann weiter: «Könnte ja auch ein Mann reinkommen.» Ein anderes Mal schreibt er – es ist 14.59 Uhr: «Im Büro. Bin schon erregt. Hab nur noch das T-Shirt an.» Weiter: «Ich sitz noch. Aber der P…» (das Wort ist ausgeschrieben, die Red.). Der «Schweiz am Sonntag» liegt der Chat inklusive Fotos vor.

Die Dokumente sind unzweifelhaft echt. Ginge es nur um Privates, hätten sie in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Doch der Stadtammann – Jahreslohn: 260 000 Franken – hat an seinem Arbeitsort und teilweise während der Arbeitszeit Sex-Chats geführt. Und seiner damaligen Geliebten zum Beispiel das geschrieben: «Obwohl ich in einer stark synästhetischen Phase bin, muss ich weiter. Die NZZ wartet auf mich, das wird heiss werden. Exakte Botschaften in einem delirischen, sexuellen Zustand bringen, wird eine Herausforderung sein.» Und weiter: «Dann anschliessend die Schweizer Botschafterin informieren über offene und geheime Dinge.»

Damit nicht genug. Der Politiker ist auch als Nationalrat während der Frühjahrssession aktiv auf Whatsapp: Am 18. März – das Parlament berät an jenem Tag die Stipendieninitiative – schickt er ein (früher gemachtes) Nacktbild aus dem Nationalratssaal.

Zurück zum Polizeieinsatz. Die Kantonspolizei Aargau bestätigt auf Anfrage die «Anhaltung» einer jungen Frau am Mittwochabend. Doch entgegen der Vermutung der Frau sei die Stadtpolizei nicht von Geri Müller losgeschickt worden. Sondern von der Kantonspolizei Aargau, die wiederum eine Meldung von der Kapo Bern erhalten habe, dass eine Frau unterwegs nach Baden sei. «Darauf hat die Kapo Aargau die Stadtpolizei beauftragt, vor Ort zu gehen», sagt Sprecher Roland Pfister.

Nur: Gemäss zuverlässigen Quellen war es Geri Müller, der die Kapo Bern alarmiert hatte. Seine Ex-Geliebte wohnt im Kanton Bern. Müller steht also doch am Anfang des Badener Polizeieinsatzes.

Wie kam es, dass die junge Bernerin sich nach Baden aufmachte? Die Frau gibt bei der Polizei an, eine Vertraute von Geri Müller habe sie zur Altstadtwohnung beordert und gesagt, sie wolle mit ihr reden. Auch sie habe eine schwierige Zeit mit Müller gehabt und man müsse sich unter Frauen austauschen. Im Nachhinein ist für die junge Frau klar, dass ihr eine Falle gestellt wurde: Müller und seine Vertraute hätten gemeinsame Sache gemacht.

Und was sagt Geri Müller? Die «Schweiz am Sonntag» trifft ihn am Freitag auf offener Strasse, vor dem Stadthaus, zwei Gehminuten von der Gasse entfernt, wo zwei Tage vorher der Polizeieinsatz stattfand. «Herr Müller, haben Sie vorgestern eine Frau verhaften lassen, die Ihre Ex-Geliebte ist?» Der Politiker reagiert zuerst sprachlos, antwortet dann: «Es ist alles sehr kompliziert. Ich kann das weder bestätigen noch dementieren.» Er stellt eine schriftliche Beantwortung in Aussicht. Stattdessen kommt später ein Mail seines Anwalts. Auf zwei Combox-Nachrichten am Samstag reagiert Müller nicht.

Dennoch ist der «Schweiz am Sonntag» die Erklärungsversion von Geri Müller bekannt. Demnach hat er am Mittwoch eine Meldung bei der Kantonspolizei Bern gemacht, nicht als Politiker, sondern als «Bekannter» der Frau. Er habe von ihr mehrere SMS erhalten, in denen sie mit Suizid drohe. Müller habe demnach die Polizei an deren Wohnort über die mögliche Selbstgefährdung der Frau informiert.

Wenn es die Sorge war, die zur Intervention führte, so irritiert doch das Verhalten der Stadt- und Kantonspolizei: Die Beamten haben sich nicht für die angebliche Suizidgefährdung interessiert. Die Frau wurde nicht gefragt, wie es ihr geht. Und um 2 Uhr in der Früh, als die Befragung auf dem Polizeiposten beendet war, wurde sie nach Hause geschickt, obwohl um diese Zeit kein Zug mehr fährt. Geht man so mit jemandem um, den man vor Selbstgefährdung schützen will? Die Polizei empfahl ihr, im nahegelegenen Hotel «Linde» zu übernachten.

Doch sie ging zum Bahnhofplatz, wo sie zusammenbrach. Sie alarmierte mit dem Handy die Ambulanz und wurde in die Notfallstation des Kantonsspitals Baden gebracht. Am Morgen darauf konnte sie wieder nach Hause gehen.

Eines ist klar: Die Frau, mit der Geri Müller eine Online-Chat-Beziehung mit fragwürdigen Bildern aus Amtsräumen führte, sich dann auch mit ihr traf, ist für ihn zum politischen Risiko geworden. Das erkennt er selbst. Nach dem Ende der Affäre verlangt der Politiker wiederholt, dass sie die Chats löscht und das Smartphone abgibt: «Sonst sind wir geliefert.»

Auf der Badener Polizeistation wollen die Beamten die Frau überzeugen, das Smartphone hier zu lassen. Sie besteht darauf, es wieder mitzunehmen. Tags darauf, am Donnerstagabend, werden ihr iPhone und weitere Handys sowie zwei Laptops dann doch noch beschlagnahmt. Beamte der Berner Polizei besuchen sie zu Hause mit einem Durchsuchungsbefehl: Sie geben an, sie müssten alle Handys und Laptops mitnehmen, wegen des Verdachts auf illegale Aufzeichnung von Gesprächen.

Tatsächlich begann die Frau, nachdem Geri Müller sie mehrmals zur Löschung der Chats und Abgabe des Handys aufgefordert hatte, Gespräche mit ihm aufzunehmen. Sie befürchtete, dass man ihr später nicht glauben würde, dass sie bedroht worden sei. Das erfuhr Geri Müller, und sein Anwalt benachrichtigte die Kantonspolizei Bern.

Aus einem Tondokument, das der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, geht auch hervor, dass Geri Müller die Frau aufforderte, abzustreiten, dass sie mit ihm Kontakt hatte. «Von dem weiss ich nichts», solle sie sagen, falls sie gefragt werde. Notfalls halt «lügen»: «Das ist wurscht.» Er verwies auf «andere Nationalräte», die «schwups und weg von der Bildfläche» gewesen seien.

Passiert das nun auch ihm? In einem Gespräch sagte Geri Müller zu seiner Ex-Geliebten: «Wenn du das bestätigst, dann bin ich weg.»

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