«Mit einem Kurs von 1.10 Franken pro Euro könnten sich die Unternehmen arrangieren»

Christof Moser

Christof Moser ist Redaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 17. Januar 2015 23:29

Finanzministerin Eveline Widmer- Schlumpf. Foto: Keystone


BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf äussert sich zu den Folgen des SNB-Entscheids.

Frau Widmer-Schlumpf, in den letzten Tagen wurden Milliardenwerte vernichtet und im schlimmsten Fall rutscht die Schweiz jetzt in eine Rezession. Stehen Sie auch vier Tage nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses noch hinter Nationalbank-Direktor Thomas Jordan?
Eveline Widmer-Schlumpf: Herr Jordan geniesst im Bundesrat vollstes Vertrauen. Allen war klar, dass die Untergrenze auf ein paar Jahre beschränkt ist und irgendwann aufgehoben werden muss.

Um den Währungs-Schock abzufedern, fordern Wirtschaftsvertreter bereits steuerliche Entlastungen. Sind Sie dazu bereit?
Für solche Forderungen ist es zu früh. Ich bin zuversichtlich, dass die Wirtschaft den Entscheid verkraftet. Die Unternehmen sind viel besser aufgestellt als 2011 bei der Einführung der Untergrenze. Mit der Unternehmenssteuerreform III ist überdies bereits ein steuerliches Entlastungspaket in Vorbereitung. Im Rahmen dieser Reform bin ich zu Diskussionen bereit.

Wo müsste sich der Euro-Kurs einpendeln, damit er aus Ihrer Sicht für die Wirtschaft verkraftbar ist?
Ich denke, mit einem Kurs von 1.10 Franken pro Euro könnten sich die Schweizer Unternehmen arrangieren.

Welche Interventionsmöglichkeiten der Nationalbank für eine Abschwächung des Frankens sehen Sie nach der Aufhebung des Mindestkurses?
Das sind Entscheidungen, die die Nationalbank fällen muss. Grundsätzlich hat die SNB bei Devisen- und Zinsinterventionen Spielraum, den sie nutzen kann.

Ist im Notfall eine Rückkehr zu einem Mindestkurs denkbar?
Der Entscheid der Nationalbank beurteile ich als konsequent und wird von mir nicht in Frage gestellt. Der Handlungsspielraum der Nationalbank ist mit dem Entscheid vom Mittwoch grösser geworden. Das erachte ich als gute Entwicklung.

War die Einführung einer Untergrenze rückblickend ein Fehler?
Nein. Bei der Einführung des Mindestkurses hatten war eine andere Situation. Wir kamen direkt aus der Schuldenkrise. Die Exportwirtschaft wurde durchgeschüttelt. Ich weiss nicht, was passiert wäre, wenn die Nationalbank damals nicht gehandelt hätte.

Beim Internationalen Währungsfonds IWF reagierte man etwas verschnupft, dass die SNB nicht vorinformiert hat. Könnte dies negative politische Konsequenzen für die Schweiz haben?
Die Schweizerische Nationalbank ist erstens unabhängig und musste zweitens den Kreis der Eingeweihten so klein wie möglich halten. Das wissen auch ausländische Finanzpolitiker.

Wann wurden Sie über den Entscheid der Nationalbank informiert?
Ich erhielt am frühen Mittwochmorgen einen Anruf von Nationalbank-Direktor Thomas Jordan, der mich ins Bild setzte.

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