SP «vergisst» die Digitalisierung

Othmar von Matt

Othmar von Matt ist Redaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 26. November 2016 23:30


Die Kritik am Wirtschaftspapier der SP reisst nicht ab. Ständerätin Pascale Bruderer begründet ihren Widerstand.

Die digitale Entwicklung werde nicht nur den Arbeitsmarkt grundlegend verändern, sondern auch die Beschäftigungssituationen. «Vermutlich ist nicht nur mit einer weiteren Flexibilisierung zu rechnen, sondern gar mit einer Individualisierung der Arbeitsverhältnisse», sagt SP-Ständerätin Pascale Bruderer. Deshalb könne sie es «nicht nachvollziehen», dass die Digitalisierung mit all ihren Chancen und Risiken im Arbeitspapier «Wirtschaftsdemokratie» der SP praktisch kein Thema sei. «Ich glaube, diese Fragen sind für die SP in ihrer ganzen Breite relevant.»

Für Bruderer ist das Fehlen der Digitalisierung im Papier ein wesentlicher Grund, den Delegierten für den Parteitag vom nächsten Samstag die Rückweisung zu beantragen. Ihr zweiter Grund: «Das Papier zur Wirtschaftsdemokratie entfernt sich zu weit von der Idee der sozialen Marktwirtschaft.»

Sie erwarte, dass die SP Fragen rund um die Digitalisierung aufs Tapet bringe und «dass wir uns dabei nicht in die Defensive drängen lassen mit Instrumenten, die für die heutige Zeit untauglich sind», sagt sie. «Vielmehr will ich aus sozialdemokratischer Sicht offensive Antworten suchen, ausgerichtet auf die Chancen dieser Entwicklung und das Potenzial der Menschen.»

Sie stehe zum flexiblen Arbeitsmarkt und sehe darin ein Erfolgsrezept der Schweiz. «Aber nur, weil er mit sozialer Sicherheit gekoppelt ist», sagt Bruderer. «Es braucht beide Aspekte, auch in Zukunft. Deshalb darf die sozialdemokratische Stimme in dieser Diskussion nicht fehlen.» Umso mehr, als die Digitalisierung auch «bestehende gewerkschaftliche Modelle vor grosse Herausforderungen stellt».

In Zukunft seien wohl weit mehr Menschen als heute selbstständig tätig und würden ihre spezialisierten Kompetenzen projektartig verschiedenen Unternehmen zur Verfügung stellen. «Weil das System der sozialen Sicherheit heute nicht darauf ausgerichtet ist, sollten wir uns zu dessen Modernisierung mindestens Gedanken machen.»

Wohin die Reise genau gehe, wisse niemand. Und leider tendiere man in der Schweiz «bei ungewissen Entwicklungen dazu, zunächst die Risiken abzusichern und uns dabei Wege allzu früh zu verbauen», sagt sie. «Ich plädiere aber dafür, offen zu sein für eine positive Leseart der Entwicklung rund um Digitalisierung, Robotik und künstliche Intelligenz.» Natürlich sei es wichtig, die Ängste der Bevölkerung ernst zu nehmen, dass Roboter künftig Arbeitsplätze vernichten könnten.

Bruderer sieht aber gleichzeitig viele Chancen. So könnten künftig «gefährliche, gesundheitsschädigende oder besonders eintönige Teile von Aufgaben» an Roboter delegiert werden, sagt sie. «Menschen können dann dort eingesetzt werden, wo es ihren besonderen Qualifikationen entspricht.» Zudem glaubt sie, dass der Einsatz von Robotern und künstlicher Intelligenz den Menschen eher ergänze als ersetze. Sie sieht für die Zukunft auch einen Vorteil für Menschen mit Behinderung. Diese seien bisher zu häufig auf ihre Beeinträchtigung reduziert worden. «Verliert diese Behinderung aufgrund der technischen Innovation an Bedeutung, richtet sich der Fokus verstärkt auf das Potenzial dieser Menschen. Ein Paradigmawechsel, der längst nötig wäre.»

Von der Digitalisierung seien nahezu alle Berufsgruppen und alle Hierarchiestufen betroffen. Am Beispiel der Medizin zeigt Bruderer auf, wie sie sich die Entwicklung vorstellt: «Programme im Bereich der künstlichen Intelligenz können schon heute den Ärzten einen Grossteil jener Abklärungen abnehmen, mit denen sie die Diagnose erstellen», sagt sie. Ärzte könnten sich wieder Zeit für direkte Gespräche mit Patienten und Angehörigen nehmen.

Stelle die Schweiz die Weichen richtig, berge die digitale Entwicklung «grosse Chancen», sagt Bruderer. «Für neue Arbeitszeitmodelle, für Inklusion, für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit, für mehr Transparenz und persönliche Unabhängigkeit.» Die Digitalisierung dürfe nicht die Erfolgsgeschichte weniger bleiben. Dafür brauche es die SP. «Eine SP, die zwar die Risiken im Auge hat, sich aber vor allem dem Potenzial des Menschen widmet.»

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