Am anderen Ende von Florida

Samstag, 23. Januar 2016 23:30

Einsamkeit und ein atemberaubender Blick: Panama City am Golf von Mexiko. Foto: Thinkstock


Wer keine Bettenburgen und überfüllten Strände mag, wird in Floridas Norden, dem Panhandle, fündig. Von einsamen, naturgeschützten Düneninseln bis zum gemütlichen Austernstädtchen Apalachicola.

Von Sascha Rettig

Der Blick aus dem zwölften Stock am frühen Morgen ist unschlagbar. Der Balkon bahnt den freien Blick auf die Weite des sonnenglitzernden Golfs von Mexiko, der seine plätschernden Wellen an einen schon unverschämt makellos weissen Sandstrand wirft. Zu sehen sind in der Ferne nur einzelne Boote und ein einsamer Jogger, der schon früh unterwegs ist. In diesem Moment scheint einem der Strand alleine zu gehören.

Erst hat sich natürlich herumgesprochen, wie schön die lange Sandstrandlinie in Panama City Beach ist: Mit unverbaubarem Ausblick reihen sich die Hotels und Apartmentkomplexe kilometerlang aneinander. Wer den Massen in dieser Urlauberhochburg entkommen will, muss entweder in der Nebensaison kommen. Oder, wenn man es etwas ursprünglicher, leerer und weniger zugebaut haben möchte, einfach nach Osten fahren – zunächst nur ein paar Kilometer bis zu einer kleinen Marina.

Dort liegt das Boot von Lorraine Frasier, oder Captain Lorraine, mit der ein Ausflug nach Shell Island geplant ist. Kaum hat sie abgelegt, erhält man Eindrücke vom Artenreichtum in der St. Andrews Bay. Ein Pelikan und ein Fischadler fliegen vorbei. Ibisse haben es sich an Bord eines Köderverkäufers bequem gemacht. Und nachdem Lorraine zum kurzen Angucken eine kugelförmige Qualle, eine glitschige Kanonenkugelqualle, aus dem Wasser gefischt hat, tauchen Flossen aus dem Wasser auf. Haie? «Nein, das sind Delfine», sagt die 27-Jährige, die in Deutschland aufgewachsen, später aber in die Heimat ihres Vaters ausgewandert ist. Sie hat in Panama City Beach 30 000 Dollar in ihr Boot investiert und zeigt Touristen die atemberaubende Gegend. «Hier gibt es eine ziemlich grosse Delfin-Population.» Einer der Gründe dafür: Die Tiere wurden früher gefüttert. Das ist inzwischen verboten, die Delfine sind trotzdem geblieben.

Die Delfine schwimmen weg, Lorraine gibt Gas und legt auf Shell Island an. «Das war ursprünglich eine Halbinsel, die erst zur Insel wurde, als man eine Schiffsdurchfahrt angelegt hat.» Kein anderes Boot, kein anderer Mensch, keine Shops und keine Picknicktische. Shell Island ist eine unbewohnte Düneninsel, auf der nur ein altes Haus aus der Zeit überlebt hat, bevor die Insel unter Naturschutz gestellt wurde. Mit etwas Glück, so wie heute, hat man sie für sich allein. Der Sand ist so weiss, dass er blendet. Streift man mit den Füssen darüber, entsteht ein quietschendes Geräusch. «Das liegt an den Quarz-Kristallen, die vor langer Zeit aus den Appalachen hierher gespült wurden.» Bei genauer Betrachtung wird klar, woher die Insel ihren Namen hat: überall Muscheln, ganze, Teile oder feinste Reste.

So einsam geht es nach der Tour mit Captain Lorraine nicht mehr zu. Dennoch fängt östlich von Panama City ein Küstenabschnitt mit idyllischer Natur, leeren Stränden und gemütlichen Orten wie Mexico Beach oder Port Saint Joe an. Im Grunde reicht er bis zum märchenhaften Wakulla Springs State Park, wo die tiefste Süsswasserquelle der Welt sprudelt und man durch den Glasboden bei einer Bootstour mit etwas Glück Alligatoren und Seekühe beobachten kann. In diesem Abschnitt gibt es keine Mega-Supermärkte, wenig Kettenrestaurants, keine Hotelklötze. Man stösst vor allem auf individuelle Shops, familiäre Hotels oder auch die kleinste Polizeistation der Welt. Problemlos schalten wir auf Kleinststadt-Rhythmus. Auf griffige Weise wurde der Landstrich mit dem Marketing-Slogan «Forgotten Coast» versehen.

«So vergessen ist die Küste aber nicht mehr», raunt Jimmy Maxwell aus Apalachicola am Steuer seines Bootes – und erzählt von den zahlreichen viktorianischen Häusern der Kleinstadt, die aus dem 19. Jahrhundert überlebt haben und von denen zuletzt einige für ziemlich viel Geld die Besitzer wechselten. Oder dass der Tourismus auch hier eine immer wichtigere Einnahmequelle wird. «Trotzdem ist es immer noch anders als im Rest von Florida», fügt er an.

Weil das herzliche Raubein offenbar jeden in Apalachicola kennt, stoppt Jimmy immer wieder für einen Schwatz mit den Einheimischen. Frischester Fisch und Meeresfrüchte kommen hier natürlich oft auf den Tisch ,und auch Jimmy schippert mit seinen Gästen zum Angeln.

Berühmt ist Apalachicola aber vor allem für eines: Austern. Das Städtchen nennt sich immer noch stolz und gänzlich unbescheiden «Oyster-Capital of the World». Schon die amerikanischen Ureinwohner haben hier Austern gegessen, so viele, dass aus den angehäuften Schalen mancherorts sogar kleine Inseln entstanden sind. Lange Zeit waren die Voraussetzungen für Austern ideal – das perfekte Mischverhältnis aus Salzwasser aus dem Golf von Mexiko und dem Süsswasser des Apalachicola River, das sich in der Bucht trifft. «Der ist wie die Arterie dieser Landschaft, in den viele kleinere Flüsse fliessen, die das gesamte Gebiet durchziehen», erklärt Jimmy, als er vom Apalachicola River in einen schmalen Wasserweg abbiegt, vorbei an Sumpfgebiet, Hausbooten, Wäldern mit Zypressen und Eichen, denen das sogenannte Spanische Moos in Zotteln herunterhängt.

Vor einigen Jahren allerdings schlitterte die Austernfischerei hier in die Krise. Von Dutzenden Austernhäusern haben nur wenige überlebt. Eines davon wird von Tommy Ward betrieben, einem Hünen mit leicht resignativem Schlurfgang. «Ich fühle mich alt», seufzt der Austernfischer, obwohl er gerade knapp über 50 ist. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die goldenen Austernzeiten vorerst vorbei sind. Überfischung ist dabei nur ein Problem. «Die Bucht ist nicht mehr so gesund, weil es zu wenig regnet und die Städte im Norden mehr Wasser verbrauchen. Dadurch fliesst weniger Süsswasser in die Bucht, der Salzgehalt wird höher», erklärt er. Bei Ebbe zeigt er eine der Austernbänke und greift nach einer Meeresschnecke. «Die kommen so zunehmend in die Bucht, bohren die Austern auf und fressen sie.»

Austernfischerei wird seit Mitte des 19. Jahrhunderts in der Gegend betrieben. Und Ward ist als Junge einst in das Familiengeschäft reingewachsen, das in der fünften Generation existiert. Doch in seinem Austernhaus, wo einst ein Dutzend Arbeiter in den Nischen mit einer speziellen Zange von Hand die geernteten Austern öffneten, bohrt heute nur einer die harten, dicken Schalen fast im Sekundentakt auf. Wie es um Wards Austernhaus steht, ist schwierig zu sagen – aufgeben will er aber nicht. Er hofft, dass sich die Bucht wieder erholt.

Im Unterschied zu früher, als Ward Lastwagenladungen durch die USA schickte, landen mittlerweile die meisten Austern in Restaurants in der Gegend auf dem Tisch. Bei Papa Joe’s – einfache Ausstattung und helles Licht – sitzen vor allem Einheimische. Das halbe Dutzend kostet nicht viel mehr als ein Imbiss. Luxus zum Snackpreis, wenn man so will, und denkbar chichi-frei und rustikal serviert. Der Kellner bringt zwei Tabletts, ausgelegt mit Papier, auf dem die Austern liegen: Sie sind zwar gross, ziemlich fleischig und überhaupt nicht fischschleimig, aber nicht zwangsläufig gesund und kalorienarm zubereitet. Grosszügig mit Parmesan bestreut und dick überbacken, werden selbst Austern zur üppigen Mahlzeit.

Wie gut, dass es an der «Forgotten Coast» unzählige Möglichkeiten gibt, um die Natur zu erkunden. Über kilometerlange Brücken erreicht man St. George Island. Gut ein Drittel bis zum äussersten Zipfel am East-End ist seit 1980 State Park. Julian Kulick arbeitet hier als Ranger. St. George Island – 45 Kilometer lang, aber nur schmale 2 breit – ist wie Shell Island eine Düneninsel, doch bewohnt, und nicht nur mit dem Auto erreichbar, sondern auch gut mit dem Fahrrad zu entdecken oder am Ufer entlang zu erpaddeln. «Schon die Indianer haben hier gejagt und Austern gefischt», sagt der Ranger über die Insel, die das Festland vor Stürmen schützt und zur Bucht hin mit Kiefern und Lebens-Eichen bewachsen ist.

Zur Seite des smaragdfarben funkelnden Meeres hingegen findet man wieder einen weissen Traumstrand, über den teilweise die Morning-Glory-Pflanze mit ihren kleinen Blüten ihr grünes Netz zieht und sich die Gräser im Wind wiegen. Im Sommer legen Meeresschildkröten dort ihre Eier in die geschützten Brutplätze, aber darüber hinaus ist der Park ein naturbelassener Lebensraum für unterschiedlichste Tiere und Pflanzen. In Destin, weiter westlich, hätte es all das auch einmal gegeben – bis die Kleinstadt über die Jahrzehnte zum Urlaubsort ausgebaut wurde. «Hier auf St. George Island ist die Natur noch, wie sie immer war», sagt Kulick, «und wie sie eigentlich sein sollte.»

Die Reise wurde unterstützt von Visit Florida, www.visitflorida.com, und dem Fremdenverkehrsbüro von Panama City Beach, www.visitpanamacitybeach.com.

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