Karibik-Feeling in Münchens Agglo

Von Silvia Schaub


Samstag, 05. März 2016 23:30

Willkommen in der Wohlfühloase Therme Erding: Palmen und Besucher, so weit das Auge reicht. Foto: Oliver Bodmer


Wer dem garstigen Wetter entfliehen will, muss nicht in die Tropen fliegen. In der weltweit grössten Therme in Erding bei München ist es das ganze Jahr 32 Grad warm.

Es braucht manchmal nur ein Codewort, und schon hat man seine Prinzipien über den Haufen geworfen. In unserem Fall war es der Satz «Willkommen an Bord!», mit dem wir an der Réception des Hotels Victory im bayrischen Erding, 36 Kilometer nordöstlich von München, begrüsst werden. Eben blickten wir noch befremdet auf all die Menschen in der Lobby, die in weissen Bademänteln stecken. Auch wenn wir gerade im Hotel der weltweit grössten Thermenlandschaft eingecheckt haben, werden wir nicht in diesem Einheitslook herumlaufen. Dachten wir uns jedenfalls. Doch kaum haben wir die Formalitäten erledigt und ein Badetuch in die Hände gedrückt bekommen, sehen wir das schon anders. Zuerst geht es ins Zimmer, das tatsächlich wie eine Schiffskabine auf einer edlen Jacht aussieht. Schliesslich ist das «Victory» nicht nur nach Admiral Lord Nelsons Schiff getauft, sondern sieht auch so aus. Nur Mast, Segel und Anker fehlen. Die Zimmerwände sind aus dunklem Palisander, Boden und Decke weissglänzend, sodass der Raum optisch viel grösser wirkt, als er ist. Der Balkon hat einen Bug, damit man à la Kate Winslet wie in «Titanic» den Wind durch die Haare wehen lassen kann. Auch die Admiral- und Kapitän-Kabinen erinnern an Schiffskojen. Die Kleinsten dürfen in diesen Familienzimmern (bis 6 Personen) in aufgehängten Schiffchen schlafen.

Eben noch standen wir draussen im Schneeregen und Pflotsch und schlotterten, nun locken 32 Grad und Südseefeeling. Kaum durchs Drehtor, befinden wir uns inmitten eines echten Palmenwaldes. Im danebenliegenden Wellenbad schwimmen Menschen mit Schaumstoffwürsten wild durcheinander und kämpfen gegen die bis zu drei Meter hohen Wellen.

Manchmal tun sie das auch synchron, wenn der Animator gerade zur Wassergymnastik lädt. Andere wiederum flanieren in Badekleidern und weissen Mänteln durch die Hallen, als wären sie irgendwo in der Karibik – verliebte Pärchen, Familien, Frauen- und Männergrüppchen auf Clubausflug. Die einen halten einen Drink in der Hand und nippen am Grashalm, die anderen schlecken genüsslich ein Glace – und alle strahlen sie.

Langsam tasten wir uns mit einem Orientierungsplan in der Hand voran. Ansonsten würde man sich in der 185 000 Quadratmeter grossen Therme glatt verirren. Vor allem an einem Samstagnachmittag, wenn die Hallen rappelvoll und die meisten Liegestühle – und davon gibt es rund 3000 – besetzt sind. Wie tote Fliegen liegen die Besucherinnen und Besucher darin, lesen ein Buch, knipsen und versenden auf dem Smartphone Erinnerungsbilder oder schlafen.

Auch wir sind schon bald schlapp. Die hohe Luftfeuchtigkeit macht müde. Vielleicht ist es aber auch der Lärmpegel und der eindringliche Pommes-Currywurst-Duft in der Galaxy-Halle, dem wahren Epizentrum der Therme Erding. Hier sind die Riesenrutschbahnen. Die spektakulärste der 26 Rutschen ist die X-Treme Faser, bei der man eine Geschwindigkeit von bis zu 72 Stundenkilometern erreichen soll. Zum Glück ist diese nur für Männer.

Etwas ruhiger ist es in der Vital Oase, wo die Saunen sind: Tepidarium, Laconium, Caldarium – man wird ganz wirr vor lauter lateinischen Bezeichnungen. Warm sind sie alle, manche gar ziemlich heiss. Ein guter Einstieg ist der Jungbrunnen von 38 Grad Celsius, der mit schwefelhaltigem Heilwasser versetzt ist. Beim Kneippparcours kann man sich etwas abkühlen, bevor man sich in die Sole-Grotte mit Himalaja-Salz (35°) oder in den Blüten-Pavillon (65°) begibt.

Dann gehts für eine Runde in den Aussenpool, um frische Luft zu schnappen. Kaum vorstellbar, dass hier rund 30 Autominuten von München einst eine Brache war. Als die Firma Texaco auf diesem Acker 1983 nach Erdöl bohrte, stiess man per Zufall auf fluoridhaltige Schwefelquellen. Das aus 2350 Metern Tiefe geförderte Wasser der Ardeo-Quelle mit einer Temperatur von 63 Grad Celsius ist als Heilwasser staatlich anerkannt.

Architekt Josef Bund witterte hier das grosse Geschäft und verkündete, er werde eine Therme bauen. Als Spinner wurde er abgetan. Doch er setzte sein Projekt um – mit Erfolg. An Spitzentagen drängen 10 000 Menschen in die 1999 eröffnete Therme auf der Suche nach Karibikfeeling, darunter 30 Prozent Stammgäste und viele Österreicher und Schweizer. Jedes Jahr investiert das Unternehmen deshalb in neue Saunen, Rutschen und 2014 ins Hotel Victory.

Drei Tage würde man brauchen, um alle Angebote auszunützen, falls man jeden Saunengang, alle Wohlfühlprogramme, Klangschalenaufgüsse, Mandelölmasken, Salz- oder Zuckerpeeling, Sprudel, Massagedüsen, Körpertrockner, Infrarotkabinen oder Nackenduschen ausprobieren würde.

Wir fühlen uns schon nach ein paar Stunden wie Schiffbrüchige und haben genug vom ganzen Rummel. Gut, dass man in der verwinkelten Anlage immer ein ruhiges Plätzchen findet. Am nächsten Tag geht das Karibik-Abenteuer weiter. Wir haben noch längst nicht alles gesehen. Zum Beispiel den Nacktbereich in der Vital Therme mit 25 Dampfbädern und Saunen. Zuerst aber entscheiden wir uns für ein ordentliches Frühstück im Hafenrestaurant. Wir ertappen uns, dass wir wie selbstverständlich im Bademantel frühstücken, damit wir möglichst bald in die Saunen können. Für die Hotelgäste öffnet die Therme eine halbe Stunde früher. Wenn dann die Massen wie Mückenschwärme einfliegen, sind wir bereits wieder müde und ziehen uns aufs Zimmer zurück für ein Nickerchen.

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