Zwischen WLAN und Wasserbüffeln

Samstag, 02. Januar 2016 23:30

Ist es mit der Idylle bald vorbei? Reisfeldterrassen in der Nähe des vietnamesischen Städtchens Sapa. Foto: Anemi Wick


Höher, schneller, grösser: Sapa, das Städtchen in Vietnams nördlichem Hochland, ist mittlerweile alles andere als ein Geheimtipp. Zwischen immer mehr Hotels und einer neuen Seilbahn bis hoch auf den Berg Fansipan bleiben aber die hier lebenden Bergvölker die «Hauptattraktion». Sie versuchen, in der grassierenden Modernisierungswut zu überleben.

Von Anemi Wick

«Willst du kaufen?» Die ersten Busse erreichen Sapa im Morgengrauen, wenn der Nebel noch geheimnisvoll auf den Reisterrassen liegt. Sobald ein Bus hält, kommen sie in Scharen angerannt: kleine Frauen in bunt bestickten Trachten. Sie tragen schweren Silberschmuck, grosse Haarkämme und oft mehrere auffällige Ohrringe. Es sind Schwarze Hmong, eine von mehr als fünfzig ethnischen Minderheiten, die die Bergregionen Vietnams besiedeln.

«Woher kommst du? Willst du kaufen? Wohin gehst du?» , fragen die Frauen. Die Touristen blinzeln, überrumpelt und noch etwas beduselt von der Fahrt auf der Strasse, die sich ab der Grenzstation Lào Cai nahe der chinesischen Grenze durch die Berglandschaft bis hoch nach Sapa schlängelt. Mit der Ruhe ist es erst einmal vorbei, bis man sich zum Morgenessen in sein Hotel gerettet hat. Sapa, ein früherer Kurort der Franzosen und einst verträumt und weit weg vom Schuss, scheint von Monat zu Monat hektischer zu werden. Seit die neue Schnellstrasse zwischen Hanoi und Lào Cai die Fahrzeit um die Hälfte verkürzt hat und es nun direkte Busse gibt, die die Strecke in knapp sechs Stunden schaffen, wird das Städtchen an den Wochenenden von einheimischen Urlaubern aus den Städten geradezu überschwemmt.

Und als Nächstes ist der Fansipan dran: Vietnams höchster Berg, der über Sapa thront, bekommt eine Luftseilbahn. Sein 3143 Meter hoher Gipfel war bisher nur von Sportskanonen zu erklimmen, die den Berg in einem Tag schafften, oder solchen, die hart im Nehmen waren und eine Nacht in den teilweise geradezu prähistorisch anmutenden Base Camps aushielten – in rudimentären «Blachenzelten» und schlechten Schlafsäcken. Kälte, Nebel und Regen vermochten der Übernachtung zusätzlich eine bemerkenswerte Katastrophenfilmatmosphäre zu verleihen.

Bald wird alles viel bequemer. Und zwischen der Hauptstadt Hanoi und dem Fansipan wird man so gut wie keinen Schritt mehr tun müssen. Klettereien über Leitern und schlammige Rutschpartien durch wilde Bambuswälder werden nicht mehr Pflicht sein, der raue Berg mit seinem ohnehin mit Plastikabfällen und Aludosen zugemüllten Gipfel wird in Flip-Flops und Stöckelschuhen besiegbar. Die Fertigstellung der umstrittenen Seilbahn wurde zwar schon mehrfach verzögert, doch bald soll sie bis zu 2000 Gäste pro Stunde auf das Dach Vietnams bringen. Die 6½ Kilometer lange Seilbahnfahrt wird 15 bis 20 Minuten dauern.

Als Ergänzung zur Seilbahn ist auch ein Komplex mit Luxus-Resort, Vergnügungspark und einem Golfplatz geplant. Der alte Markt mitten im Städtchen wurde bereits geschlossen, an seiner Stelle soll ein Shoppingcenter entstehen. In einer neuen Markthalle etwas abseits vom Zentrum werden nun vor allem Billigwaren verkauft. Die Hmong-Frauen findet man ganz hinten im oberen Stockwerk, wo sie ein paar Stände mieten.

Oder sie verkaufen eben auf der Strasse: «Hello! You want shopping?» Den Touristen, die von Sapa aus eine Trekking-Tour ins Umland unternehmen, folgen sie auf Schritt und Tritt, manchmal kilometerweit. Im Zentrum von Sapa hat die Tourismusbehörde Schilder angebracht mit dem Hinweis, dass Touristen nicht von den Strassenverkäuferinnen kaufen sollen. Phil Hoolihan, Mitgründer der Organisation Ethos, die in Sapa auch Trekking-Touren anbietet, relativiert: «Die Minderheiten-Frauen bestreiten einen Teil ihres Einkommens hier mit dem Verkauf an Touristen, und dies unter harter Konkurrenz. Viele von ihnen sind Analphabeten und haben deshalb Schwierigkeiten, einen Job in der Tourismusindustrie zu finden. Ideal wäre es, wenn Touristen sich für Anbieter entscheiden, die Einkommensmöglichkeiten für Minderheiten bieten.» Wie jedoch soll man mit der zwar oft charmant-witzigen, aber doch eher hartnäckigen Belagerung durch die Verkäuferinnen umgehen? «Wen Sie nichts kaufen möchten, geben Sie dies klar, aber ruhig und freundlich zu verstehen. Vermeiden Sie es, von Kindern zu kaufen, denn sonst bleiben diese der Schule fern, und der Armuts-Teufelskreis dreht sich weiter.»

Die junge Hmong-Frau Chan ist eine von jenen, die diesem Teufelskreis entkamen. Zu Hause in ihrem Dorf, einen dreistündigen Fussmarsch von Sapa entfernt, arbeitete sie als Bauernkind auf dem Reisfeld, hackte Holz und hielt sich in eiskalten Winternächten mit ihren fünf Geschwistern am offenen Feuer in der Küche warm. «Kaufst du?» waren ihre ersten Worte auf Englisch, damit wurde sie als Kind losgeschickt, um handgestickte Souvenirs zu verkaufen.

Früher hatten sich erwachsene Hmong manchmal einen Spass daraus gemacht, den Kindern Schauermärchen zu erzählen über die hünenhaften weissen Touristen, die kleine Hmong-Kinder in ihre riesigen Rucksäcke packen, um sie dann in der Nudelsuppe zu verspeisen. «Als Kind hatte ich mich vor den Touristen gefürchtet und mich auf dem Schulweg vor ihnen versteckt», sagt Chan. «Später, als ich Dinge an sie verkaufen musste, merkte ich, dass die meisten freundlich sind.» So lernte sie Englisch, buchstäblich auf der Strasse und auf Sapas steinigen Wanderwegen. Sie ging zur Schule, lernte Lesen und Schreiben und begann an den Wochenenden als Tourenbegleiterin zu arbeiten.

Und sie erfuhr über die Welt da draussen jenseits ihres Dorfes und der Berge. Chan gehört zu einer Generation, die hier oben im Spagat zwischen Wasserbüffeln und drahtlosem Internet, dem WLAN, erwachsen wurde. Australische Touristen, die Chan fotografiert hatten, halfen ihr, in einem Internet-Café eine E-Mail-Adresse einzurichten, um ihr die Fotos zu schicken. Da war sie 15 Jahre alt. Später kam ein eigenes Facebook-Profil hinzu, auch mithilfe von Touristen. Heute führt die 22-Jährige ihre eigenen Touren, besitzt eine Website und beantwortet auf ihrem Laptop Anfragen und Kommentare auf der Reiseplattform Tripadvisor. Mit ihrem Mann und ihrem jungen Sohn wohnt sie in einem kleinen, einfachen Zimmer in Sapa.

Chan zeigt Touristen, wie die «Schwarzen Hmong» ihre traditionellen Kleider herstellen, den Hanf spinnen und färben und wo der Indigo wächst, der dem Hanfstoff die Farbe verleiht – das «Schwarz» in «Schwarze Hmong» bezieht sich auf den dunklen Stoff, der die Basis für die Tracht von Chans Volk bildet. Sie wandert mit ihren Gästen durch Reisfelder und bringt sie zum Haus ihrer Familie für einen «Homestay» – einen Gastfamilienaufenthalt – über Nacht. Und sie gibt ihnen mit ihren Geschichten einen kleinen, sehr persönlichen Einblick in das harte Leben der Bergvölker hinter der idyllischen Kulisse aus sanften Tälern, atemberaubenden Berglandschaften und auf Wasserbüffeln reitenden Kindern.

Sie ist keine 1,40 Meter gross, ihre Stimme und ihr Lachen klingen kindlich, aber das, was Chan sagt, ist voller Wissen, Umsicht und Geschäftssinn. Chan wurde sehr früh und sehr schnell erwachsen. Auf jungen Frauen wie ihr ruht die Hoffnung, dass der Aufschwung endlich auch zu den Bergvölkern vordringt, in die hintersten Ecken Vietnams. Dass sie mehr vom Tourismus profitieren werden und ihre Kinder nicht mehr frühzeitig aus der Schule nehmen, um sie zum Arbeiten aufs Feld oder auf die Strasse zum Souvenirverkauf schicken zu müssen.

Aber ist Sapa denn überhaupt noch eine Reise wert? Das Nest, das immer mehr zum Rummelpark wird, an dessen Bäumen abends schrecklich bunte Leuchtstäbe blinken, über dem Platz vor der Kirche, wo mit Minderheiten-Trachten verkleidete Vietnamesen auf der Bühne Volkstänze vorführen und diese zum Folklore-Kitsch verkommen lassen. Wo unstillbarer Bauwahn von morgens bis abends die Presslufthämmer knattern lässt? «Ja», sagt Hoolihan von «Ethos», wenn man Sapa nicht als Reiseziel, sondern als Zwischenstopp und Ausgangspunkt für Trekking-Touren betrachte. «Von hier aus lassen sich immer noch wunderbare Landschaften entdecken und entlegene Dörfer», sagt er. Starten kann man zu Fuss, per Jeep oder auf dem Rücksitz eines Motorrades. So kann man dem Rummel entkommen.

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