Fussballstar Granit Xhaka: «Ich gebe all mein Geld den Eltern ab»

Von Christian Dorer, Etienne Wuillemin


Samstag, 15. Dezember 2012 23:10

Granit Xhaka im menschenleeren Stadion des Borussia-Parks in Mönchengladbach. Foto:Thomas Rabsch


Granit Xhaka ist erst 20 Jahre alt. Trotzdem gehört er bereits zu den Schweizer Fussballstars. Er redet geradeheraus wie wenig andere – über seinen zu impulsiven Start in der Bundesliga, über seine albanischen Wurzeln und über die Beziehung zu seinen Eltern.

Herr Xhaka, Sie werden gern als Vorzeigebeispiel für geglückte Integration präsentiert. Gefällt Ihnen diese Rolle?
Granit Xhaka: (Überlegt) Ja. Warum nicht?

Können Sie beschreiben, was für Gefühle dieses Bild bei Ihnen auslöst?
Meine Eltern stammen aus dem Kosovo, sie leben seit 23 Jahren in der Schweiz, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Man weiss von vielen Vorfällen, dass Albaner Probleme machen. Aber wir sind auch liebe Menschen. Ich versuche, nicht nur für die Schweiz eine positive Rolle zu spielen, sondern auch für das Heimatland meiner Eltern.

Sind Sie mehr Schweizer oder Kosovo-Albaner?
Klar bin ich Schweizer, aber ich vergesse mein kosovarisches Blut nie.

Was unterscheidet einen Secondo wie Sie von einem Urschweizer?
Viele Unterschiede ergeben sich rein vom Namen her. Wenn sich Max Müller und Flamur Berisha auf dieselbe Lehrstelle bewerben, dann bekommt sie wahrscheinlich eher Max Müller. Ich finde das ein bisschen blöd, schliesslich gibt es von jeder Nationalität gute Menschen und schlechte Menschen. Leider vergessen das viele Leute.

Haben Sie in Ihrer Jugend diskriminierende Situationen erlebt?
Ja klar. Ich wurde früher nie als Schweizer wahrgenommen. Oft hörte ich Sprüche wie: «Immer diese Scheiss-Albaner, die Probleme machen.» Aber das ging mir nie nahe, weil es Klischees sind und nichts mit mir persönlich zu tun hatte.

Warum haben Leute aus dem Balkan einen schlechten Ruf?
Ausländer sind an ihrem schlechten Ruf oft selber schuld. Denn es ist ja tatsächlich so: Wenn es Probleme gibt, dann sind zu oft Leute aus dem Balkan involviert. Aber eben, die Leute vergessen manchmal, dass es gute Menschen aus dem Balkan gibt. Ich bin froh, können ein Xherdan Shaqiri oder ich Vorbilder sein – für Albaner und für Schweizer.

Sie hoffen, dass Sie das Image von Menschen aus dem Balkan verbessern können?
Vor allem jungen Menschen möchte ich zeigen, dass sie auch anderes machen können als Blödsinn. Eine gute Ausbildung vereinfacht vieles, auch Sport, Fussball oder sonst was.

Sie sind im September 20 geworden: Werden Sie die Rekrutenschule besuchen?
Nein. Und zwar völlig unabhängig von meiner Fussballer-Karriere, für die eine RS natürlich nicht förderlich ist. Mein Bruder und ich konnten an der Aushebung genügend Gründe angeben, warum wir für das Militär nicht geeignet sind: Wir hatten damals Krieg mit Serbien, auch unsere Familie verlor Angehörige und sah schlimme Sachen.

Was meinen Sie damit?
Vor den Augen meiner Eltern, meines Grossvaters und meines Onkels wurden Leute umgebracht. Ich war damals zwar noch nicht auf der Welt, aber in der Familie war dieser Krieg immer präsent, auch wenn wir nicht oft darüber sprechen. Ich könnte niemals eine Waffe in der Hand halten, nie eine Uniform tragen.

Gehen Sie in der Schweiz wählen und abstimmen?
Ehrlich gesagt: Das habe ich noch nie gemacht. Ich habe keine Ahnung von Politik. Ich finde es besser, wenn jene Leute entscheiden, die etwas von der Sache verstehen.

In vielen Secondo-Familien herrschen strenge Hierarchien. Da ist der Vater noch der Chef. Wie ist das bei Ihnen?
Die Familie ist für mich das Wichtigste überhaupt. Vor allem mein Bruder Taulant, wir reden über alles miteinander. Klar ist der Vater der Boss. Aber das ist ja nichts Schlechtes, in unserer Familie klappt es wunderbar. Wir haben einen starken Zusammenhalt. Obwohl meine Eltern nun auseinandergerissen sind, seit ich in Mönchengladbach Fussball spiele und mein Bruder in Zürich bei GC. Sie sind mal eine Woche hier, mal eine Woche da – sie tun mir manchmal wirklich leid. Aber wir haben uns alle miteinander für meinen Schritt nach Deutschland entschieden. Sie sagten zu mir: «Junge, gehe zu Mönchengladbach! Wir sind immer bei dir!» Das tut gut.

Wie viel Einfluss haben Ihre Eltern noch auf Sie?
Genauso viel wie früher. Vor allem in finanziellen Fragen. Ich gebe all mein Geld den Eltern ab. Wenn ich etwas Grösseres kaufen möchte, dann frage ich sie zuerst, ob ich das darf. Auch wenn ich nun 20 bin, auch wenn ich mir alles leisten könnte: Für mich bleibt es wie früher. Das hat auch mit Respekt zu tun.

Wie lange wollen Sie das noch so machen?
Ich weiss es nicht, vielleicht bis 25, vielleicht für immer. Für mich stimmt es jedenfalls im Moment so.

Warum haben Sie Ihren Eltern je ein Haus in Basel und in Pristina gekauft?
Meine Eltern hatten immer den Wunsch, ein Haus zu haben – in Pristina und in der Schweiz. In Pristina haben wir uns das zusammen angeschaut, schliesslich sagten mein Bruder und ich: Sucht euch ein Haus aus. Dasjenige in der Schweiz war eine Überraschung. Mein Bruder und ich sassen eines Tages zusammen, diskutierten und kamen zum Schluss: Ja, wir bauen ihnen eins! Im Januar ist es fertig.

Ihr Bruder Taulant ist auch Fussballer. Sie sind der jüngere, aber der erfolgreichere. Gibt das nie Probleme?
Ich bin nur erfolgreicher, weil ich bisher mehr Glück hatte. Aber er ist der bessere Fussballer als ich!

Warum?
Ich will nun keine Details verraten, aber er war immer der bessere.

Dann gehen Sie davon aus, dass auch er noch richtig durchstarten wird?
Absolut. Er bekam beim FCB unter Thorsten Fink nie eine solche Chance wie ich. Das ist der Grund, warum ich einen Schritt weiter bin als er.

Sie zwei begannen Ihre Karrieren einst am selben Tag, beim selben Verein. Fast wie Zwillinge!
Ja, das kommt uns manchmal auch so vor. Unsere Eltern haben uns als Kinder auch oft gleich gekleidet. Ich wurde am Anfang zum Fussball gezwungen, vom Bruder und vom Vater. Als ich vier Jahre alt war, nahmen sie mich mit zu Concordia Basel ins Training. Mein Vater hatte sofort das Gefühl, ich sei ein Talent. Dann ergab das eine das andere. Zum Glück wurde ich gezwungen! Sonst hätte ich wohl nicht angefangen.

Sie sind jetzt ein halbes Jahr bei Borussia Mönchengladbach und haben am Anfang mit provokativen, äusserst selbstbewussten Sprüchen für Aufsehen gesorgt. Was würden Sie im Rückblick anders machen?
Weniger mit der Presse sprechen.

Sind immer die Journalisten schuld?
Nein, ich würde einfach andere Dinge sagen. Ich bin am Anfang zu stark eingefahren. Ich hätte nicht so offen sagen sollen, was ich denke. Ich sagte einige Dinge, die falsch rüberkamen.

Haben Sie die Bundesliga unterschätzt?
Nein. Ich würde nie etwas unterschätzen. Wir hatten einfach eine Phase, in der wir einige Spiele dumm verloren. Darum setzte der Trainer dann auf erfahrenere Spieler als mich. Vielleicht dachte er, ich lasse den Kopf hängen – aber das Gegenteil ist der Fall. Ich bin sehr ehrgeizig und halte es auf der Ersatzbank fast nicht aus. Im Jahr 2013 werden die Karten neu gemischt. Und dann bin ich wieder da. Mein Ziel ist klar: wieder spielen. Und spielen heisst nicht zehn Minuten pro Match, sondern von Anfang an.

Waren die Erwartungen zu gross?
Ja, ich hatte das Gefühl, die Leute würden erwarten, dass ich in jedem Spiel drei Tore schiesse ... So bin ich nicht, das wissen wir alle. Ich setzte mich aber trotzdem unter Druck. Und plötzlich klappte gar nichts mehr. Aber ich gebe hier nicht auf. Der Verein hat viel Geld in mich investiert, dieses Vertrauen will ich zurückgeben.

Wo sehen Sie sich im Vergleich mit Xherdan Shaqiri?
Wir pflegen einen sehr guten Kontakt. Es freut mich, dass er sich bei den Bayern durchsetzen konnte. Für mich war das klar, er hat so viel Potenzial. Aber er ist ein komplett anderer Spieler als ich.

Wie gross ist eigentlich der Nachteil für die Nati, dass Stürmer und offensives Mittelfeld in ihren Vereinen meist nur auf der Ersatzbank sitzen?
Das macht nichts. Sobald einer der Nationalmannschaft angehört, rückt der Verein in den Hintergrund – das klappte in den letzten Spielen sehr gut. Und so soll es auch weitergehen.

Also die Qualifikation für die WM schaffen und dann …
... haben wir das Zeug zur Überraschungsmannschaft. Unsere Mischung stimmt, wir sind viele junge Spieler kombiniert mit Leuten im besten Alter.

Sie haben uns einmal gesagt: «Wenn alles gut läuft, ist ein WM-Halbfinal möglich.» Bleiben Sie dabei?
Ja, davon bin ich überzeugt. Wir wurden im Herbst 2010 mit der U17 Weltmeister. Wir wurden im Juni 2011 mit der U21 Vize-Europameister. Warum? Weil alles perfekt lief. Wieso sollte so etwas mit dem A-Team unmöglich sein?

Wie ist das Image von Schweizern in Fussballdeutschland?
Wir werden voll unterschätzt!

Warum?
Vielleicht, weil wir aus der Schweiz kommen, die nur sieben Millionen Einwohner hat. Vielleicht, weil sie denken, in der Schweizer Liga wird kein guter Fussball gespielt. Dabei ist Basel ein Top-Klub in Europa! Und Fakt ist auch: Die Schweizer, die in diesem Jahr nach Deutschland gingen, haben mehr internationale Erfahrung als die gleichaltrigen Deutschen.

Sind die Deutschen erschrocken, als sie sahen, wie selbstbewusst – und damit untypisch schweizerisch – Sie sind?
Vielleicht sind sie sich nicht gewohnt, dass ein 19-Jähriger so deutliche Ansagen macht. Aber vielleicht lag der Fehler auch bei mir.

Vielleicht ist es auch gut, dass die Deutschen einmal merken, dass nicht alle Schweizer sich nur verstecken und ängstlich darauf warten, von ihnen «gefressen» zu werden.
(Lacht). Es wäre schön, wenn ich nicht der Einzige bliebe, der sich traut, selbstbewusst zu sein.

Sie werden regelmässig mit Cristiano Ronaldo verglichen – mehr wegen Ihres Äusseren als wegen Ihrer Performance auf dem Fussballplatz, aber immerhin. Wie gross ist Ihr Potenzial für eine absolute Top-Karriere?
Schwierig zu sagen. Aber meine Karriereplanung ist der Grund, warum ich zu Gladbach wechselte. Ich hörte viel Gutes über Trainer Lucien Favre. Gökhan Inler oder Blerim Dzemaili (spielten beim FC Zürich unter Favre, die Red.) erzählten mir, dass Favre sofort sieht, was einem jungen Spieler fehlt, und ihn so weiterbringt. Wenn ich sehe, wo Inler und Dzemaili heute sind … Das ist auch ein Ziel von mir. Zudem möchte ich einmal in England spielen.

Sie betonen stets, dass Sie noch immer der gleiche Granit Xhaka seien wie früher. Wir können das nicht glauben. Wenn ein Mensch viel Geld verdient, im Rampenlicht steht, überall begehrt ist, dann verändert ihn das doch zwangsläufig.
Mich nicht. Ich habe immer noch dieselben Freunde wie früher, ich habe denselben Charakter. Ich habe immer noch dasselbe Auto – jenes, das mir der Verein zur Verfügung stellt. Ich könnte mir einen Ferrari leisten, teure Hobbys, Extravaganzen – aber das will ich alles nicht, weil ich eben derselbe Granit geblieben bin.

Vermissen Sie nicht manchmal das Leben anderer 20-Jähriger?
Das ist kein Problem für mich. Mein Leben ist der Fussball. Ohnehin überlege mich mir mehr als andere 20-Jährige. Das liegt wohl daran, dass ich viel mit älteren Leuten zu tun habe.

Haben Sie eine Freundin?
Nein, ich bin weiterhin Single.

Ist es schwieriger, als Prominenter eine Freundin zu finden, die den Menschen mag und nicht bloss den Star?
Ich bin ein offener Typ, ich bin Single und geniesse die Zeit als 20-Jähriger. Das hat ja auch seine Vorteile. Aber ja, es ist sicher schwierig, eine Freundin zu finden, die nicht nur am Geld und am Status «Fussballer» interessiert ist, sondern dich als Menschen so akzeptiert, wie du bist, und dich auch so liebt.

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