«Bei meiner Freundin bin ich ein Jammeri»

Von François Schmid-Bechtel und Martin Probst


Samstag, 30. Januar 2016 23:28

Bretter, die die Welt bedeuten: Beat Feuz hat sich nach vielen Verletzungen zurückgekämpft. Foto: Daniel Desborogouh


Ende August verletzte sich Beat Feuz an der Achillessehne. Kein halbes Jahr später brillierte er in Kitzbühel, auf der schwierigsten Abfahrt der Welt. Der 29-Jährige sagt, warum er sich schneller als andere erholt, wie es ist, mit einer Ex-Skirennfahrerin zusammenzuleben – und warum ihm die Integration in deren Heimat Österreich leicht fällt.

In Kitzbühel hatten Sie selbst keine Erklärung für Rang zwei. Ist Ihnen nun klar, wie dieser Exploit möglich war?
Beat Feuz: Ich habe die Fahrt auf Video angeschaut und analysiert. Ich bin wirklich gut Ski gefahren (lacht). Aber viel mehr kann ich nicht sagen. Warum es so gut geklappt hat, dafür habe ich noch immer keine Erklärung. Eigentlich fehlte mir das Training für so eine Leistung. Das ist alles irgendwie surreal.

Wie fielen die Reaktionen Ihrer Konkurrenten aus?
Viele waren wie ich fassungslos. Sie sagten, ich sei richtig gut gefahren. Ich antwortete: Ja, das habe ich auch festgestellt. Trotzdem kann ich nicht glauben, dass ich das war.

Sie wurden zuvor schon elfmal an Ihrem linken Knie operiert. Lernt man die Rückkehr in den Skirennsport?
Ein Athlet, der sich zum ersten Mal verletzt, hat sicher mehr Mühe, zurückzukommen. Ihm fehlt die Erfahrung. Das sieht bei mir natürlich anders aus. Ich kenne mich mit Verletzungen besser aus als mit einer normalen Saisonvorbereitung. Einen grossen Vorteil sehe ich darin aber nicht für mich.

Aber trotzdem: Kaum einer kommt schneller und leichter zurück aus Verletzungen als Sie.
Das würde ich nicht sagen. Aksel Lund Svindal hat bewiesen, wie dominant und schnell er nach Verletzungen zurückkehren kann.

Sie weichen aus. Sie können das auch.
Stimmt, bei mir klappt es auch sehr gut. Darüber bin ich auch sehr froh. Wenn ich das nicht könnte, wäre ich wohl auch nicht mehr dabei. Meine Verletzungsakte ist zu lang, damit ich mir jeweils ein, zwei Jahre Zeit nehmen kann, um wieder in den Weltcup zurückzukehren und um wieder stark zu fahren.

Wie schaffen Sie das?
Schwer zu sagen. Ich war schon immer einer, der nicht 50 Skitage brauchte, um technisch gut Ski zu fahren. Ich fühle mich schon nach ein paar Tagen auf Schnee wieder relativ wohl. Das hilft mir sicher. Das ist vielleicht die einzige Erklärung, die ich dafür habe.

Sie sagen, Sie hätten so viel Freude am Skifahren wie noch nie. Woher kommt diese Freude? Liegt der Grund dafür in der Zwangspause?
Es nervt, wenn ich verletzt bin und am Fernsehen zuschaue, wie die anderen Rennen fahren. Gleichzeitig stachelt mich diese Situation an und steigert die Vorfreude auf das Comeback.

Sie bezeichnen sich als Gefühlsskifahrer. Was meinen Sie damit?
Erklären ist immer schwierig. Ich bin einer, der sehr nach Bauchgefühl fährt. Ich präge mir Linien, die ich fahren will, nicht genau ein, sondern fahre intuitiv. Ich lasse mir Spielraum. Ich entscheide erst bei der Anfahrt auf eine Schlüsselpassage, was ich genau machen will. Das ist natürlich nicht immer gut und wurde mir in meiner Karriere auch schon zum Verhängnis. Doch gerade nach Verletzungen ist dies hilfreich, weil man nicht auf Dinge fixiert ist, sondern alles einfach auf sich zukommen lässt.

Sie sind quasi ein Schneeflüsterer?
Das weiss ich nicht. Es ist für mich selbst nicht einfach, das genau zu erklären. Denn ein Gefühlsskifahrer bin ich definitiv. Ich war noch nie der Brechstangen-Typ. Das würde nicht funktionieren.

Wie motivieren Sie sich nach jeder Verletzung, den langen Rehabilitationsweg zu gehen? Sie galten nicht als Trainingsweltmeister und ein Comeback ist mit viel Arbeit verbunden.
Zurückgekommen bin ich immer. Auch früher. Es braucht immer viel, um zurückzukommen. Bei mir ist es die Leidenschaft für den Skisport, die mich antreibt. Ich liebe es, Rennen zu fahren. Gerade so wie jetzt. Wengen und Kitzbühel sind zwei Highlights. Darum wollte ich auch dieses Mal unbedingt für diese Rennen in den Weltcup zurückkehren. Ich bin ein Rennfahrer und das treibt mich an, immer wieder auf die Piste zurückzukommen. Das ist für mich noch nicht abgeschlossen. Wenn ich jetzt meine Karriere beenden müsste, würde ich dieses Renn-Feeling vermissen.

Haben Sie niemals resigniert und gedacht, das war es jetzt für mich?
Doch, doch. Als sich nach der letzten Operation mein Knie entzündete, hatte ich die Schnauze definitiv voll. Denn alles war sehr vage. Keiner konnte mir sagen, ob ich jemals wieder Skifahren kann. Viele haben mir sogar gesagt, ich müsse froh sein, wenn ich irgendwann überhaupt wieder ein normales Leben führen kann. In diesen Situationen plagte mich natürlich der Gedanke, dass es vorbei sein könnte. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass es noch nicht vorbei ist für mich.

Machten Sie sich damals Gedanken, wie es ohne den Skisport weitergehen könnte?
Nein, das nicht. Zweifel nagten, solange ich im Krankenhaus lag. Doch sobald ich raus konnte, ging es weiter, dann habe ich alles probiert, um weiter Ski zu fahren. Wäre es nicht mehr gegangen, hätte ich noch genug Zeit gehabt, mir Gedanken über meine Zukunft zu machen. Das Ende wäre ja nicht von heute auf Morgen gekommen. Das wäre ein langer Prozess des Versuchens gewesen.

Schlechte Prognosen und Ungewissheit. Motiviert es zusätzlich, das scheinbar Unmögliche zu schaffen?
Es allen zu zeigen, dass es eben doch noch weitergehen kann? (lacht). Nein, im Ernst: Ich muss schon realistisch bleiben. Ich habe immer von den Ärzten das Okay erhalten, dass ich wieder fahren darf. Ich wollte nichts riskieren. Ich hätte mich der Meinung der Ärzte nicht widersetzt. Auch wenn ein Nein schwierig zu akzeptieren gewesen wäre. Doch es ist einfach so: Die Reha musste immer funktionieren. Hätte das nicht geklappt, wäre ich wohl nicht mehr da.

Als Sie sich Ende August einen Teilriss der Achillessehne zuzogen und schon kurze Zeit später das Ziel bekannt gaben, viereinhalb Monate später in Wengen wieder zu starten, hielt man Sie schon fast für verrückt.
Mein Vorbild war Svindal, der nach der gleichen Verletzung schnell zurückgekehrt ist. Ich hatte ehrlich gesagt bis zur Verletzung keine Ahnung, was eine Achillessehnenverletzung bedeutet. Ich habe gar nicht gewusst, dass diese Sehne beim Skifahren reissen kann. Das war im Skisport nie ein Thema (Svindal hatte sich die Verletzung beim Fussballspielen zugezogen; die Red.). Svindal kündigte an, vier Monate später an der WM 2015 zu starten. Wir dachten alle, der ist doch verrückt. Die Achillessehne ist die dickste Sehne im Körper und dann will der nach wenigen Monaten sein Comeback geben? Dann kam er zurück und fuhr stark. Das hat allen imponiert. Darum wusste ich bei meiner Verletzung, wenn ich den gleichen Plan wie Svindal durchziehen kann, bin ich in Wengen am Start.

Machen Sie sich Gedanken, wie es Ihrem Körper später geht?
Das ist ein zwiespältiges Thema. Natürlich denkt man daran, aber gleichzeitig dürfen solche Gedanken nicht zu wichtig werden, weil sie bremsen. Ich glaube, dass ich mit 70 nicht mehr grosse Sprünge machen werde. Aber der Körper wird nach der Karriere auch ganz anders belastet. Darum sollte das mit dem «normalen Leben» schon klappen. Sicher zwickt mein Knie auch in Phasen der Pause, aber das lässt sich nicht mit den Belastungen in einem Rennen vergleichen.

Gibt es überhaupt schmerzfreie Tage?
Schmerzfrei ist relativ. Nach Trainings oder Rennen spüre ich immer irgendwas. Entweder zwickt das Knie oder die Achillessehne. Irgendetwas zwickt bei mir immer. Wenn ich zwei, drei Tage zu Hause bin, sind die Schmerzen aber nicht so stark.

Ihre Freundin Katrin Triendl hat nach einem Kreuzbandriss mit dem Skirennsport früh aufgehört. Sie sagten damals, dass Sie froh sind über ihre Entscheidung. Hat sich Ihre Freundin gewünscht, dass Sie nun aufhören?
Nein, bis jetzt nicht. Sie steht voll hinter mir. Natürlich ist es nicht immer einfach für sie, das ist klar.

Ihre Freundin ist Physiotherapeutin und Sie sind ihr Patient. Sind Sie ein pflegeleichter Patient?
Ich glaube, ich bin ein Jammeri. Bei anderen Physiotherapeuten bin ich sicher weniger am Jammern, als wenn sie mich behandelt. Das muss ich jetzt ganz ehrlich zugeben.

Können Sie auf der Piste bereits wieder voll attackieren?
Nein. Das hat viel mit Rennintelligenz zu tun. Wenn diese nicht vorhanden ist, geht es nicht. Ich kann gewisse Passagen sicher noch nicht so konsequent fahren, wie das Svindal vor seinem Sturz gemacht hat. Das ist körperlich bei mir noch gar nicht möglich. Ich muss in gewissen Passagen dosieren.

Zumal sich Ihr Körperbau unterscheidet. Sie sind bedeutend kleiner als die meisten Ihrer Konkurrenten.
Das ist sicher so. Aber meine Grösse hat Vor- und Nachteile. Svindal wurde in Kitzbühel in einer Kompression ausgehebelt und kam zu Sturz. Das passiert mir seltener, weil ich kleiner bin und deswegen nicht die gleiche Hebelwirkung entsteht wie bei Svindal. Dafür habe ich Nachteile bei Sprüngen. Mit meiner Grösse kann ich einen Sprung gar nicht so fest drücken, wie das ein grosser Athlet kann.

Haben die vielen Verletzungen Ihren Blick auf den Spitzensport verändert?
Auf jeden Fall. Vor allem auch, was die eigenen Erwartungen betrifft. Als ich 2012 in Wengen gewann und es mir danach super gelaufen ist, war ein vierter oder fünfter Platz eine Enttäuschung. Da habe ich mich genervt. Doch in den schwierigen Phasen nach Verletzungen wurde mir bewusst, dass ein sechster Platz emotional genauso viel auslösen kann wie ein Sieg.

Roger Federer wollte, dass ihn seine Kinder Tennisspielen sehen. Haben Sie ähnliche Träume?
Ich habe ja noch kein Kind. Darum wird es eher schwierig, dass das möglich ist. Da muss ich dann wohl ein gutes Video auftreiben, um es den Kindern, wenn ich mal welche habe, zu zeigen.

Ihre Freundin war Skifahrerin, Sie sind Skifahrer. Sollten Sie einmal Kinder haben, ist die Skikarriere Ihrer Kinder ja schon vorprogrammiert.
Nein. Das ist für mich gar nicht so. Natürlich würde ich mich freuen, wenn meine Kinder einmal Ski fahren würden. Aber ich wäre sicher nicht der Vater, der sie zum Rennsport pushen würde.

Sie wohnen in Innsbruck. Warum konnten Sie Ihre Freundin nicht ins Emmental locken?
Vielleicht geschieht das noch. Als wir zusammengezogen sind, war sie noch in der Ausbildung zur Physiotherapeutin. Weil sie diese Ausbildung nicht in der Schweiz weiterführen konnte, war klar, dass ich zu ihr ziehe.

Was unterscheidet das Leben in Österreich von jenem in der Schweiz?
Ich sehe keine Unterschiede.

Tatsächlich?
Im Dorf, in dem meine Freundin aufgewachsen ist, findet jährlich ein Grümpelturnier statt. Zu diesem Anlass reisen meine Kumpels aus dem Emmental an. Das ist jeweils schon fast wie eine Verbrüderung. Es kommt mir vor, als würden meine Kumpels die Leute aus dem Dorf meiner Freundin schon 50 Jahre lang kennen. Sie können sich also vorstellen, dass mir die Integration in Österreich sehr leichtgefallen ist.

Spielen Sie beim Grümpelturnier mit?
Manchmal, wenn ich gehen kann und nicht gerade verletzt bin. Ich habe mich am Grümpelturnier aber auch schon verletzt, ohne dass ich mitgespielt hätte.

Als Zuschauer? Wie das?
Ja. Ein Ball kam geflogen und ich wollte ihn fangen. Dabei habe ich den Daumen gebrochen.

Sie bleiben vor nichts verschont.
Tja. Wobei ein gebrochener Daumen in Anbetracht meiner Krankenakte keine grosse Geschichte ist.

Aber wenn Sie Fussball spielen, eher im Sturm oder in der Verteidigung?
Als Verteidiger bin ich unbrauchbar, weil mir die Spielübersicht fehlt. Wenn, dann schon eher im Sturm. Aber mein Knie lässt es kaum zu, dass ich Fussball spielen kann. Ich bin schon eher der Tennisspieler.

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