Das fast perfekte Drehbuch

Von Rainer Sommerhalder


Samstag, 05. November 2016 23:30

Die 10 040 Fans im Zürcher Hallenstadion verabschieden die Schweizer Handball-Nationalmannschaft trotz der 22:23-Niederlage gegen Deutschland mit einer Standing Ovation. Foto: Keystone


Die Schweizer Handball-Nationalmannschaft mobilisiert die Massen und bringt den Europameister in Bedrängnis.

Was war zuerst: Huhn oder Ei? Oder, auf den Schweizer Handball gemünzt: Braucht es zuerst Erfolg oder Euphorie? Der Verband fällte im Frühling einen mutigen Entscheid, für die EM-Qualifikation gegen Deutschland das Zürcher Hallenstadion zu buchen. Dies mit dem Empfehlungsschreiben von zehn Jahren internationaler Erfolglosigkeit und einer peinlichen 21:24-Heimniederlage gegen Holland im letzten Pflichtspiel der Nationalmannschaft von Mitte Januar.

Wer also sollte sich ausserhalb von Verwandten und Bekannten für den Auftritt der Handballer erwärmen? «Das Interesse an einer Sportart definiert sich über den Erfolg», sagt auch Arno Ehret, der erfolgreichste Schweizer Nationaltrainer der Geschichte. Der x-te Neuanfang seit der Jahrtausendwende nach dem neuerlichen Scheitern in der WM-Vorausscheidung zu Jahresbeginn musste der Schweiz als Kredit reichen. Und das Risiko, im Hallenstadion vom Europameister vorgeführt zu werden, schwebte als Damoklesschwert über dem gewagten Projekt, eine Euphorie ohne für den Laien erkennbare Basis zu generieren.

Auf Augenhöhe mit Deutschland
Doch offensichtlich versprach das Drehbuch mehr als eine seichte vierte Fortsetzung einer wenig überzeugenden Saga. Die Fans strömten in Massen ins Hallenstadion. Dem Schweizer Handball gelang gestern in Zürich beinahe die Quadratur des Kreises, die Lösung der Huhn-oder-Ei-Frage. Nur Sekunden fehlten in einem begeisternden Auftritt gegen Deutschland (22:23) und man hätte feststellen können: Erfolg und Euphorie kommen tatsächlich Hand in Hand.

Vielleicht gab die Entschlossenheit, mit welcher der neue Nationaltrainer Michael Suter und der Leistungssportchef Ingo Meckes an die Herkulesaufgabe, den Schweizer Handballsport aus dem Tal der Tränen zu führen, herangingen, den Ausschlag. Auf jeden Fall überzeugte das angedachte Drehbuch bis auf das fehlende Happy End. «Wir wollten den Handball in den Mittelpunkt stellen. Das ist uns gelungen, das Interesse für unseren Sport war überwältigend», sagt Meckes. 10 040 Zuschauer sorgten für eine Rekordkulisse an einem Handballspiel mit Schweizer Beteiligung.

Elf Schützen für 16 Tore
Beeindruckend, wie die junge Schweizer Mannschaft mit diesem noch nie erlebten Publikumsaufmarsch umging und an der Aufgabe wuchs. Da war mehr als die Paraden von Torhüter Nikola Portner oder die Ideen und Tore des genialen Spielmachers Andy Schmid. Da war ein Kollektiv am Werk, in welchem jedes Zahnrad griff. Nach 43 Spielminuten notierte man 16 Schweizer Tore von elf verschiedenen Schützen. Nach 47 Minuten (20:19) lag die Schweiz erstmals in Führung, nach 56 Minuten letztmals (22:21). Eine dumme Strafe, ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit und ein letzter Fehlschuss von Luka Maros liessen das Pendel letztlich doch noch für den grossen Favoriten ausschlagen. «Wir waren richtig am Limit», bilanzierte der Isländer Dagur Sigurdsson, welcher Deutschland als Trainer zurück in die Weltspitze führte.

Und die Schweizer? Die wollten sich nicht gratulieren lassen, «weil man für eine Niederlage nicht gratuliert» (Andy Schmid). Oder versprachen weitere Heldentaten mit Happy End: «Jetzt ist fertig mit ehrenvollen Niederlagen» (Manuel Liniger). Oder appellierten an das Rekordpublikum: «Ich hoffe, dass dies keine einmalige Sache war» (Michael Suter).

Klubs ziehen mit
Auch wenn die neue Zuschauer-Bestmarke bis auf weiteres im selben Kontext stehen bleibt wie die bisherige – einer Ein-Tor-Niederlage gegen Deutschland –, so ergeben sich für die Zukunft doch endlich wieder einmal vielversprechende Perspektiven. Leistungssportchef Ingo Meckes hält Skeptikern die stattfindende Professionalisierung rund ums Nationalteam entgegen und lobt ausdrücklich den neuen Schulterschluss in der Zusammenarbeit mit den Klubs. Er verspricht: «Wir sind daran, eine Generation zu entwickeln, die professionelle Arbeit leistet.»

Martin Rubin, der Trainer von Wacker Thun und ehemalige Nationalspieler mit ruhmvoller Vergangenheit (WM 86, WM 93 und WM 95), stellt fest: «Das Interesse am Schweizer Handball steht und fällt mit der Nationalmannschaft. Deshalb ist es richtig, dass die Klubs diesen neuen Weg bedingungslos unterstützen. Selbst wenn ich auch nicht immer mit allem einverstanden bin, was rund ums Nationalteam passiert.» Rubin fordert als nächsten Schritt, dass Schweizer Spieler den Weg ins Ausland gehen. «Österreich hat es vorgemacht. Zu unserer Zeit diskutierten wir darüber, ob wir die Österreicher zweistellig schlagen. Inzwischen spielt ein Dutzend ihrer Nationalspieler im Ausland. Heute verlieren wir meistens gegen sie.»

Daniel Zobrist, als ehemaliger NLA-Trainer und Verleger des Fachmagazins «HandballWorld» seit Jahrzehnten intensiver Beobachter der Szene, glaubt an den Erfolg der derzeitigen Nati. «Wir hatten schon lange nicht mehr derart grosse Talente auf den wichtigen Positionen. Jetzt braucht es Erfolgserlebnisse, um das notwendige Selbstvertrauen aufzubauen. Dann gehört die Schweiz in drei, vier Jahren wieder zu den Top 12 in Europa.»

Am deutlichsten sagt es Kulttrainer Arno Ehret: «Die Qualität der Schweizer Spieler verspricht viel. Diese Mannschaft wird 2020 mit Garantie an der Europameisterschaft dabei sein.» Und dannzumal Deutschland vielleicht noch etwas mehr ärgern.

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