Das verbotene Zitat von Jogi Löw

Patrik Müller

Patrik Müller ist Chefredaktor der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 19. Juli 2014 23:30


In einem «Schweiz am Sonntag»-Interview deutete der Bundestrainer seinen Rücktritt an – doch wir durften die pikante Aussage vor der WM nicht drucken

Der Mann am Telefon spricht halb drohend, halb flehend. «Wenn Sie diesen Satz im Interview drin lassen, dann brauchen wir gar nicht erst nach Brasilien fahren!» Es ist Samstagabend, 29. März, als mich Jens Grittner vom Deutschen Fussball-Bund (DFB) aufgeregt anruft. Er hat das Interview mit Bundestrainer Jogi Löw gegengelesen, das wir auf zwei Seiten für die «Schweiz am Sonntag» eingeplant haben. Die Zeitung sollte in drei Stunden in Druck gehen.

Dem Pressesprecher gefällt das Interview, das unser Fussballexperte Markus Brütsch mit Jogi Löw in London geführt hat, gemeinsam übrigens mit Roberto Di Matteo. Unser Journalist und die beiden Star-Trainer kennen sich aus früheren Zeiten in Schaffhausen. «Darum haben Sie das Interview auch gekriegt, während wir internationalen TV-Sendern und Zeitungen abgesagt haben. Wir haben Hunderte von Interviewanfragen», sagt der DFB-Sprecher, «also machen Sie jetzt bitte keine Dummheiten!»

Es geht um die Antwort auf die allerletzte Frage des langen Interviews: «Falls Sie Weltmeister werden, hören Sie dann auf?» Jogi Löw antwortete darauf im Gespräch: «Das weiss ich nicht. Gut möglich.» Und er schob nach: «Nach zehn Jahren kann ich mir auch vorstellen, dass ich mal gerne wieder einen Verein trainieren möchte.» Hoppla.

«Die deutschen Medien stehen Kopf, wenn Sie das drucken», sagt der Pressesprecher. «Das gibt eine Riesenunruhe.» Für ein paar Sekunden fühle ich mich unheimlich mächtig: Wenn der Pressesprecher nämlich recht hat, dann liegt es nun in den Händen der «Schweiz am Sonntag», ob Deutschland die Chance haben würde, Weltmeister zu werden, oder nicht.

Ich wiegle ab, um das Zitat zu retten: «Wir sind nur eine kleine Schweizer Zeitung. Lassen wirs doch drin, Löw hat es nun mal so gesagt und wir haben es auf Band.» Der Pressesprecher lacht nur: «Das ist nicht Ihr Ernst. Zwei Minuten nach Publikation in Ihrer kleinen Zeitung steht dieses Zitat als Schlagzeile auf allen deutschen Newsportalen.»

Ich verlängere die Sekunden des Machtgefühls, indem ich dem Pressesprecher mitteile, ich möchte zuerst mit dem Journalisten Rücksprache nehmen. Markus Brütsch ist hin- und hergerissen. Drucken, was effektiv gesagt wurde – es aber damit wohl für alle Zeiten mit Löw und dem DFB verderben? Ist es das wert? Gemeinsam entscheiden wir, die Spielregeln, wie sie sich in unserer Branche eingebürgert haben, zu respektieren. Schliesslich haben wir das Interview nur unter der Voraussetzung bekommen, dass es gegengelesen werden darf.

Zähneknirschend streiche ich das Zitat raus. Nun heisst die Passage harmlos: «Falls Sie Weltmeister werden, hören Sie dann auf?» «Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.» Mit dieser Schlussantwort geht die «Schweiz am Sonntag» in Druck (das publizierte Interview finden Sie hier: http://bit.ly/1qpiY2Z). Nein, Schlagzeilen gab das keine auf den deutschen Newsportalen.

Nach dem Gewinn des WM-Pokals finde ich: Jetzt darf das verbotene Zitat raus. Eine gewisse Pikanterie hat es nach wie vor, schliesslich ziert sich Jogi Löw zurzeit immer noch, klar zu sagen, dass er seinen Vertrag, der bis zum Jahr 2016 läuft, erfüllt und Bundestrainer bleibt. Auch wenn alle davon ausgehen, dass er es macht.

Falls es so kommt, lieber DFB: Wir hätten dann gern mal noch ein Interview mit dem Weltmeistertrainer. Wir waren doch so nett.

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