David Degen tritt zurück: «Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt»

Samstag, 07. Juni 2014 23:28

In der Rolle des Geschäftsmanns: David Degen möchte eines Tages selber ein Unternehmen leiten. Foto: KEYSTONE


David Degen beendet seine Fussballerkarriere und tritt beim FC Basel per sofort zurück. Jetzt lernt er Helikopter fliegen und will eine Wirtschaftsausbildung starten.

Von Christian Dorer

David Degen, wieso treten Sie zurück?
David Degen: Der Entscheid ist über Monate hinweg gereift. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, mich gefragt: «Was will ich wirklich? Was macht mir Freude im Leben?» Wenn ich ehrlich bin zu mir selber, so muss ich mir eingestehen: Der Fussball macht mir nicht mehr so viel Spass wie in den 14 Jahren zuvor, in denen ich Profifussballer war. Anfang März hatte ich deshalb für mich entschieden: «Ich höre auf.»

Was sagt Ihr Zwillingsbruder Philipp dazu?
Mit ihm und meiner restlichen Familie habe ich mich intensiv besprochen. Sie akzeptieren meinen Entscheid. Am meisten enttäuscht ist mein Vater – er ist der grösste FCB-Fan, den man sich vorstellen kann. Aber auch ihm ist es nicht gelungen, mich umzustimmen.

Gehen Sie aus Enttäuschung?
Gar nicht! Ich werde den Fussball bestimmt auch vermissen …

Aus gesundheitlichen Gründen?
Ich bin topfit! Die Leistungstests im Winter waren alle bestens. Nein, ich benötige jetzt schlicht und einfach einen neuen Lebensabschnitt und eine neue Herausforderung. Der Rücktritt hat auch nichts mit der Situation beim FC Basel zu tun.

Sie hatten unter Trainer Murat Yakin eine schwierige Zeit, kamen praktisch nicht mehr zum Einsatz. Umso erstaunlicher, dass Sie jetzt gehen, wo Yakin weg ist.
Eben – weil der Entscheid nichts mit ihm zu tun hat. Mir ist bewusst geworden, dass ich das Feuer, das es braucht, nicht mehr habe. Im Profifussball muss man immer 100 Prozent geben, da reichen auch 95 Prozent nicht aus. Dieses Feuer kann auch ein neuer Trainer nicht wieder entfachen, denn ich lasse mich nicht von anderen leiten.

Sie waren einst mit Murat Yakin befreundet. Wie kam es zum Zerwürfnis?
Das will ich nicht öffentlich ausbreiten. Selbst wenn es schwierig war: Im Nachhinein bin ich Murat Yakin auch dankbar für diese Zeit.

Sie scherzen!
Nein, im Ernst. Das Jahr unter ihm hat mir viel abverlangt – aber auch viel gebracht. Das nehme ich für meinen weiteren Lebensweg mit. Ich bin dankbar, weil ich viel gelernt habe. Zum Beispiel aufs Maul zu hocken. Philipp und ich haben uns sehr zurückgehalten, keine Interviews gegeben, obwohl ständig auf uns geschossen wurde und wir allen Grund gehabt hätten, uns zu wehren.

Sie und Philipp gelten als treibende Kräfte, die zu Yakins Absetzung geführt haben.
Völlig falsch. Das waren nicht wir. Wir hatten es nicht einfach, aber wir waren loyal. Und heute sage ich: Murat und ich werden zwar kaum je wieder etwas zu tun haben miteinander. Trotzdem bleiben keine schlechten Gefühle, denn ich bin nicht nachtragend und wünsche niemandem etwas Schlechtes. Ich bin ein ehrlicher und offener Mensch, ich sage geradeaus, was ich denke, ich verbiege mich nie. Damit ecke ich an, das kam mir in meiner Karriere oft in den Weg. Denn das wird möglicherweise als Arroganz interpretiert. Aber jeder, der Philipp und mich kennt, weiss, wie wir ticken: Wir sind fröhliche, aber ehrgeizige Typen, die ein Ziel haben. Das ist unsere Lebenseinstellung.

Haben Sie in Ihrem schwierigen Jahr genug Unterstützung des FCB erfahren?
Ich möchte nicht über die Vergangenheit sprechen. Ich möchte mich aber bei allen Fans bedanken, bei den positiven und negativen. Die Negativen schmerzen, aber das gehört dazu. Dann bei der Mannschaft des FC Basel – ihr seid toll! –, bei Georg Heitz und Bernhard Heusler. Und natürlich bei meiner Familie.

Ihr Vertrag läuft bis 2015. Mit Ihrem Rücktritt verzichten Sie auf viel Geld.
Das ist so. Ich will glücklich sein und Spass haben – da darf Geld keine Rolle spielen.

Der Traum von Philipp und Ihnen war es, im Herbst Ihrer Karriere zusammenzuspielen. Das hat geklappt. Nicht traurig, dass es jetzt vorbei ist?
Wir sind Zwillinge, diese gemeinsame Zeit war toll. Aber Philipp ist Philipp, David ist David. Wir gehören nicht in den gleichen Topf. Bisher war Philipp immer auch schuld, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Das ist nicht fair.

Könnte Ihr Rücktritt für Philipp zum Befreiungsschlag auf dem Platz werden?
Er braucht keinen Befreiungsschlag und wird noch unzählige Spiele bestreiten, davon bin ich überzeugt. Aber ja: Es wird bestimmt ruhiger um ihn, wenn ich nicht mehr da bin (lacht).

Bleibt die WG mit Ihrem Bruder bestehen?
Ja klar.

Was planen Sie denn jetzt zu tun?
Ganz genau weiss ich es noch nicht. Sicher ist: Ich möchte eine Ausbildung im Bereich Management und Wirtschaft absolvieren. Bereits heute tätige ich Investitionen in Start-ups. Das werde ich bestimmt weitermachen – in welchem Bereich, wird sich weisen. Und ich möchte gern eines Tages selber ein Unternehmen leiten. Aber zuerst brauche ich nun etwas Zeit und Distanz, um mich auf eine neue Herausforderung einzulassen.

Wird man Sie wieder im Fussballbusiness sehen?
Vielleicht, aber sicher nicht im operativen Geschäft. Ich bin jedoch auch für andere Branchen offen.

Welche Erfahrungen aus dem Fussball nützen in der Wirtschaft?
Die grössten Tugenden sind Fleiss, Wille und Ehrgeiz. Das habe ich im Fussball gelernt – das kann mir niemand nehmen. Es heisst immer, Fussballer hätten ein schönes Leben. Das mag sein. Aber dafür musst du viel leisten, bei den Spielen auf Knopfdruck funktionieren und mit Druck umgehen, dich vor Publikum beweisen. Das hilft auch im Geschäftsleben – auch wenn mir bewusst ist, dass Fussball und Wirtschaft zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Bisher hatten Sie nicht immer Erfolg mit Ihren Geschäften. So haben Sie zum Beispiel viel Geld verloren mit einem Investment bei Patrick Liotard-Vogt. Was haben Sie daraus gelernt?
Viel habe ich gelernt (lacht). Mit Patrick habe ich gar kein Geld verloren im Gegenteil wir haben uns geeinigt und die Sache hinter uns gelassen. Generell: Ich möchte negative Erlebnisse der Vergangenheit nicht missen, sie bringen mich weiter

Und neben dem Geschäftlichen: Welchen Traum erfüllen Sie sich jetzt?
Ich lerne Helikopter-Fliegen! Ich hatte bereits Flugstunden – ein unbeschreibliches Gefühl. Nirgends bin ich so befreit wie in der Luft, da kann ich alle Sorgen vergessen. Ich bin schon eine Weile dran, doch jetzt werde ich endlich genug Zeit haben, um mich auf die Prüfung vorzubereiten.

Das tönt so, als würden Sie Ihre Zukunft ohne Philipp planen.
Philipp konzentriert sich jetzt voll auf den Fussball. Langfristig haben wir sicher wieder eine gemeinsame Zukunft, privat und geschäftlich.

Spielt Familienplanung in Ihren Plänen auch eine Rolle?
Stand jetzt nicht.

Wie wollen Sie Distanz zum Fussball gewinnen? Schauen Sie sich keine Spiele mehr an?
Sicher nicht. Ich werde ein grosser FCB-Fan bleiben! Und werde auch in den Stadien sein. Jetzt kann ich mal aus der Vogelperspektive zuschauen – und Philipp sagen, was er besser machen muss (lacht)!

Anzeige