«Mein Plan funktionierte sofort»

Samstag, 19. November 2016 23:30

Lucien Favre arbeitet bei OGC Nice an seiner nächsten wunderbaren Geschichte. Foto: Keystone


Trainer Lucien Favre über den Aufschwung seiner OGC Nice, den exzentrischen Mario Balotelli und eine Horror-Nacht.

Von Sven Schoch

Lucien Favre besitzt eine seltene Gabe: Seit bald zwei Dekaden macht er Fussball-Klubs markant besser. Borussia Mönchengladbach vergrösserte den Umsatz während der Amtszeit des Romands um 80 Prozent, mit dem OGC Nice schreibt er jetzt die nächste wunderbare Geschichte.

Der Westschweizer entzückt im ersten halben Jahr seit seiner Ankunft in Frankreich alle. Prominente Kommentatoren verneigen sich in corpore vor dem 59-Jährigen: «Hut ab, Monsieur Favre.» Trotz erheblicher Substanzverluste im Sommer positionierte der herausragende Taktiker die verjüngte «Gym»-Auswahl nach Verlustpunkten vor den beiden Schwergewichten Paris Saint-Germain und Monaco an der Spitze der Ligue 1.

Im exklusiven Interview mit der «Schweiz am Sonntag» spricht der derzeit erfolgreichste Schweizer Klubtrainer über seine zahlreichen Herausforderungen im heissen Süden und äussert sich zur speziellen Zusammenarbeit mit Mario Balotelli.

Sie arbeiten nun bald ein halbes Jahr lang in der Ligue 1. Wie schätzen Sie die französische Meisterschaft im Vergleich zur Bundesliga ein?
Lucien Favre: Es ist schwierig, Vergleiche zu machen. Frankreich ist ein anderes Terrain. Es ist eine Liga mit zahlreichen renommierten Vereinen. Klubs wie Paris und Monaco wirtschaften mit viel grösseren Etats als der Rest, ihr Potenzial ist beträchtlich. Dazu kommt Lyon, das ein tolles Stadion mit 61 000 Plätzen besitzt und von einer faszinierenden Ambiance profitiert. Marseille wird nach dem Einstieg eines neuen Investors zurückkommen, weiter rechne ich mit den Traditionsklubs Saint-Etienne und Bordeaux.

Was ist in Frankreich vom Boom der EM-Endrunde noch zu spüren?
Der Klubfussball war schon vor dem Turnier sehr populär. Von einem Euro-Schub zu sprechen, wäre deshalb falsch. Aber klar, die Infrastruktur ist erstklassig, die meisten Stadien sind in einem Top-Zustand, niemand kann sich beklagen.

Sie sind im Sommer gekommen und haben trotz namhafter Abgänge ohne Verzögerung ein Spitzenteam geformt. Zeigen Sie uns die Hintergründe des Traumstarts auf.
Man muss als Trainer die Adaption beherrschen und das System, die Spielidee auf das vorhandene Kader ausrichten. Es geht in erster Linie darum, die geeignete Balance zu finden, das passende Konzept festzulegen. Wir haben im Sommer erfahrene Leaderfiguren wie Hatem Ben Arfa, Nampalys Mendy und Valère Germain verloren. Einige Neue stiessen erst spät dazu – Younès Belhanda, eine sehr gute Neuneinhalb, Dante, Wylan Cyprien, ein Talent aus Lens, und natürlich Mario Balotelli. Wir erzielten trotz vieler Umstellungen ohne Verzögerung gute Ergebnisse. Mein Plan funktionierte sofort, weil wir das Glück teilweise auch erzwingen konnten.

Inzwischen sind 12 Runden gespielt, Nice führt die Tabelle nach Verlustpunkten an. Steckt mehr dahinter als Glück und schöne Momentaufnahmen?
Okay, wir haben bald ein Drittel des Pensums erreicht und sind Leader der Ligue 1. Aber das Bild kann sich mit der Drei-Punkte-Regel extrem schnell verändern. Wir haben den Parcours bis anhin gut gelöst. Nur erinnere ich daran, dass wir ohne Ausnahme ans Limit zu gehen hatten. Wenn uns das nicht gelingt, geraten wir sofort in Schwierigkeiten – wie vor zwei Wochen in Caen (0:1) wegen eines völlig unnötigen Fehlers. Warten wir bis Weihnachten, erst dann ist eine seriöse Zwischenbilanz möglich.

Dennoch: Die Stilsicherheit von Nice verblüfft die Experten in ganz Frankreich.
Sind wir ehrlich, manchmal sind Nuancen entscheidend. Wir bewegen uns nach wie vor auf dünnem Eis, vor allem wenn man unser Budget mit der Finanzkraft der direkten Ligue-1-Konkurrenten vergleicht. Wir haben 42 Millionen Euro zur Verfügung, sogar der Schweizer Meister Basel besitzt mehr finanziellen Spielraum als wir.

Und doch spielt Mario Balotelli für Nice und nicht beim FC Basel. Mit seiner Entwicklung hat kein internationaler Beobachter gerechnet. Sechs Tore in sechs Spielen – vom befürchteten Problemfall zum Topskorer. Wie ist eine solche Wandlung möglich?
Mario hat bereits ein paar unglaubliche Tore geschossen, aber sein Weg zurück ist nicht fertig, er hat noch sehr viel zu arbeiten. Er wird sich in Zukunft vermehrt für das Kollektiv engagieren müssen, um peu à peu weitere Schritte voranzukommen.

Er ist nicht nur in England gescheitert, seit Jahren haftet dem Italiener das Bad-Boy-Image an. Wie gelingt es Ihnen, seinen Fokus auf das Wesentliche zu richten? Wie gehen Sie mit ihm um?
Hinter ihm liegen problematische Saisons, er wurde teilweise in eine Ecke gedrängt. Man muss mit ihm behutsam umgehen, mit ihm sprechen, versuchen, ihn zu Zusatzschichten zu animieren, ihn zu korrigieren. Ganz einfach: Ich behandle ihn korrekt und konstruktiv. Es geht darum, ihn zu verbessern, seine Balleroberung zu schulen, seine Laufwege zu intensivieren – denn Mario hat noch viel vor.

Warum kann Balotelli an guten Tagen auf höchstem Level jederzeit für den Unterschied sorgen?
Er spürt, was auf den letzten 30 Metern zu tun ist, um die Kontrahenten zu destabilisieren. Mario ortet die gegnerischen Schwächen. Sein Schuss ist sehr, sehr stark, in der Luft antizipiert er gut, sein Timing stimmt oft. Er besitzt ohnehin eine exzellente Technik.

Zurück zu Ihnen. Sie kommunizieren nach über 13-jährigem Engagement im deutschsprachigen Raum erstmals wieder ausschliesslich in Ihrer Muttersprache – ein wesentlicher Vorteil?
Meines Erachtens nicht. Klar hatte ich in meinen ersten Monaten in Deutschland Mühe, jedes Detail zu verstehen und mich perfekt zu verständigen. Aber in Gladbach war die Sprache nie ein Thema. Für mich ist Frankreich deshalb primär auf sportlicher Ebene eine neue Herausforderung.

Französische Kommentatoren und prominente Kolumnisten wie der Ex-Nationalcoach Raymond Domenech haben Sie mit Komplimenten überhäuft. Der Tenor: Nice hat keine Schwachstellen. Berühren Sie solche Lobeshymnen?
Ich habe mir vor meinem Wechsel nach Nice in Deutschland und zuvor in der Schweiz einen Namen geschaffen. Es ist schön, dass die Leute nun auch in Frankreich positiv über mich sprechen. Das schätze ich, aber ich bilde mir wenig darauf ein. Für mich steht nie die Person, sondern immer das gesamte Projekt im Vordergrund.

Was hat Sie bis anhin bei Nice am meisten beeindruckt oder positiv überrascht?
Es gibt Leute, die mich gewarnt haben, ich würde in Frankreich auf Spieler mit einer mangelhaften Arbeitsmoral treffen. Dazu sage ich nur etwas: totaler Quatsch! Wir legen vereinzelt sogar Sonderschichten ein, jeder nimmt daran teil, jeder ist präsent und fokussiert, niemand schont sich.

Die Topklassierung des OGC Nice wird auch ausserhalb Frankreichs von deutschen und englischen Managern registriert. Sie sind immer wieder Teil von Transferspekulationen und medialen Geschichten.
Die Gerüchte in Deutschland und England gehören dazu, meine Visitenkarte ist bekannt. Wissen Sie, das Interesse ehrt mich, aber meine volle Konzentration gilt dem Tagesgeschäft. Wir haben jetzt zehn Spiele in 31 Tagen vor uns. Unser Kader ist dünn, ich erwarte einen verrückten Monat. Europa League, Meisterschaft, Liga-Cup.

Sie ziehen sich dann und wann ins Hinterland der Côte d’Azur zurück und regenerieren beim Spazieren.
In diesen Tagen und Wochen bleibt keine Zeit zur Erholung. Wir spielen Sonntag, Donnerstag, Sonntag, Mittwoch, Samstag, dann wieder Donnerstag. Ich habe kaum eine freie Stunde für mich.

Wie intensiv haben Sie sich bisher mit der Stadt beschäftigt, die im vergangenen Sommer von einem schweren Terroranschlag erschüttert worden ist? Wie hat dieses Attentat das Klima in Nice verändert?
Es fällt mir noch immer schwer, über den Horror vom 14. Juli zu sprechen. Wir waren damals im Trainingslager und haben in der Nacht von dieser schrecklichen Tat erfahren. Jeder hatte während Stunden mit der Angst zu kämpfen, dass auch Familienangehörige vom Anschlag betroffen sein könnten. Der Schock lähmte uns alle, es war unbegreiflich. Eine Tragödie dieser Tragweite kann man nie mehr vergessen, nie mehr!

Die Auswirkungen auf den FussballAlltag waren unabsehbar. Zogen Sie gar eine teaminterne Aufarbeitung der traurigen Geschehnisse in Erwägung?
Jeder hat einen eigenen Ansatz gewählt, mit dem Thema umzugehen. Aber Sie können es sich ja bestimmt vorstellen, dass entsprechende Gedanken aufkommen. Es hätte überall passieren und jeden treffen können. Aber ich will mich nicht mehr weiter dazu äussern.

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