«Trump kann die Lösung sein»

Thomas Renggli

Thomas Renggli ist Journalist und lebt in Zürich. Er arbeitete unter anderem bei der Sportinformation, war Reporter und Kolumnist für die «Neue Zürcher Zeitung» und die «Schweizer Illustrierte». Zuletzt war er bei der Fifa tätig.


Samstag, 12. November 2016 23:30

Gebrselassie steht auf der Sonnenseite des Lebens – das war nicht immer so. Foto: Keystone


Die Laufsport-Legende Haile Gebrselassie zieht überraschende Schlüsse aus der US-Präsidentenwahl.

Er ist eine Ikone des Weltsports, eine laufende Legende. Mit einem Lächeln pflegte er seine Gegner stehen zu lassen. Zweimal Olympia-Gold, zehn WM-Titel, 27 Weltrekorde sind die sagenhaften Zahlen von 25 Jahren Fortbewegung auf Topniveau. Vor anderthalb Jahren schnürte er die Leichtathletikschuhe ein letztes Mal. Doch Haile Gebrselassie, mittlerweile 43, bestimmt noch immer die Pace. In seiner Heimat Äthiopien ist er zu einem erfolgreichen Geschäftsmann und einer der einflussreichsten Persönlichkeiten avanciert. In Addis Abeba besitzt er eine Baufirma, zwei Geschäftshäuser mit Kinos, einem Café und Fitnesscenter. Zusammen mit Partnern gründete er eine Bank. Ausserdem ist er Generalimporteur einer südkoreanischen Automarke.

Sie sind vor anderthalb Jahren offiziell zurückgetreten. Trainieren Sie nicht mehr?
Haile Gebrselassie: Sie könnten mich auch fragen, ob ich noch esse. Das Laufen gehört zu meinem Alltag wie das Frühstück oder das Abendessen. Wenn ich morgens aufstehe, gehe ich laufen – täglich zwischen 15 und 20 Kilometern. Wenn ich an einem Tag nicht trainiere, bin ich ein anderer Mensch und reagiere weniger gelassen. Im Büro realisieren dies meine Mitarbeiter sofort und sie fragen: Haile, hast du nicht trainiert?

Es heisst, Sie hätten als 13-jähriger in einer Schulpause einen Wettlauf gegen Ihren Lehrer gewonnen. Wurde Ihnen das Talent in die Wiege gelegt?
Wissen Sie, die Lehrer waren bei uns kein besonders harter Massstab. Seit ich denken kann, bin ich immer gelaufen. Mein Schulweg betrug zehn Kilometer. Ich bin morgens hingerannt – und abends zurück. Heute ist das anders. Die Menschen bewegen sich weniger. Sie benutzen den Lift oder das Auto. Früher war das Leben ein Rennen für sich.

Sie haben neun Geschwister. War da immer genug für alle Kinder da?
Meine Eltern haben immer hart gearbeitet und alles für uns gegeben. Man kann sich vorstellen, dass es nicht leicht war, für zehn Kinder zu sorgen. Dank meinen Erfolgen im Sport kann ich meiner Familie jetzt etwas zurückgeben. Ich betrachte das als meine Pflicht, auch meinem Land gegenüber. In meinen Firmen biete ich 2000 Menschen Arbeit. Daneben unterhalte ich zwei Schulen für 3500 Kinder. Neben dem Unterricht bieten wir jedem Schüler und jeder Schülerin eine Mahlzeit pro Tag. Das garantiert, dass die Eltern die Kinder in die Schule schicken.

Sie wurden zum Präsidenten des äthiopischen Leichtathletik-Verbandes gewählt. Was ist Ihre Motivation für das Amt?
Es ist doch schön, Präsident zu sein (lacht). Ich liess mich in dieses Amt wählen, weil ich den Sport fördern will. Es ist wichtig, dass wir unser Nachwuchspotenzial wieder besser ausschöpfen und die jungen Sportler erreichen. Ich denke, dass mir meine Erfolge als Aktiver an der Basis mehr Gehör verschaffen.

1960 gewann Ihr Landsmann Abebe Bikila als erster Schwarzafrikaner Olympia-Gold. Welche Bedeutung hatte dieser Erfolg für Ihre Karriere?
Er war das entscheidende Ereignis für mich und für den Sport in Äthiopien generell. Ohne Abebe würde ich heute nicht dasitzen und zu Ihnen sprechen. Er hat uns gezeigt, dass wir gewinnen können – selbst ohne Schuhe (Bikila lief barfuss; d. Red.). Er zeigte uns, dass für uns alles möglich ist.

Apropos barfuss: Sportwissenschafter behaupten, dass Sie barfuss noch schneller gewesen wären …
… ich lief als Kind barfuss, weil ich keine Schuhe besass. Heute würde ich das nie mehr machen. Ich bin zu bequem geworden. Sogar zu Hause mache ich kaum einen Schritt ohne meine Badelatschen.

Themawechsel: In Äthiopien herrscht der Ausnahmezustand. Wie empfinden Sie die Situation in Ihrer Heimat?
Die Lage hat sich zuletzt wieder etwas entspannt. Aber die Situation ist fragil. Wenn die Leute auf die Strassen gehen, um zu demonstrieren, kann es leider immer zu Aggressionen und Gewalteskalation kommen.

Wenn wir in Europa momentan von Afrika lesen, geht es meistens um Krieg, Elend und Flüchtlinge. Wo liegt die Hoffnung für Afrika?
Das Desaster von Afrika ist auch das Desaster der westlichen Welt. Nehmen wir das Beispiel Syrien – ein wunderschönes Land und kultiviertes Volk. Nun wird es zwischen lokalen und globalen Interessen aufgerieben. Aber wer die Schuld trägt, kann niemand genau sagen: Die USA, Russland oder Präsident Baschar al-Assad?

Was wünschen Sie sich von der westlichen Welt?
Dass die Menschen miteinander sprechen. Einige Probleme auf der Welt sind künstlich gemacht. Und solange die Menschen nicht miteinander sprechen, wird sich daran nichts ändern. Vielleicht aber ist der neue Präsident der USA eine Lösung. Als ich vernahm, dass Wladimir Putin zu den ersten Gratulanten von Donald Trump zählte, wurde ich hellhörig. Wenn die beiden Weltmächte wieder eine gemeinsame Basis finden, ist eine Besserung möglich. So gesehen, kann Trump die Lösung sein – und nicht das Problem.

Sie verfolgen die Politik ganz genau …
Natürlich. Die Politik bestimmt unser Leben.

Dann müssten Sie Politiker werden ...
… ich fühle mich als Verbandspräsident wohl.

Sie sind in diversen karitativen Projekten involviert. Was kann der Sport den Menschen geben?
Er kann die Menschen zusammenbringen und von den Alltagssorgen ablenken. Nächste Woche findet in Addis Abeba der «Great Ethiopia Run» statt – mit 42 000 Teilnehmern. Stellen Sie sich vor, welch starkes Signal dieser Anlass ist: Quasi eine öffentliche Demonstration im Zeichen des Friedens. Das schafft fast nur der Sport.

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