Swiss erneuert Prestige-Flotte - Neue C-Series-Flieger haben Verspätung

Von Benjamin Weinmann


Samstag, 10. November 2012 23:10

2013 kauft Airline-Chef Harry Hohmeister Langstrecken-Flugzeuge für einen Milliardenbetrag. Foto: AZ


Trotz Sparprogramm: Die Schweizer Fluggesellschaft steht vor riesigen Investitionen. Sie bestellt neue Flieger und schafft 300 Stellen im Cockpit und in der Kabine. Beim Bodenpersonal drohen hingegen Entlassungen.

Die Lufthansa und die zu ihr gehörende Swiss absolvieren zurzeit ein rigoroses Sparprogramm. Dennoch kommen auf die Schweizer Airline Investitionen in Milliardenhöhe zu, wie Swiss-Chef Harry Hohmeister im Gespräch mit dem «Sonntag» bestätigt: «Die Frage nach dem A340-Ersatz werden wir sicher in den nächsten zwölf oder gar sechs Monaten beantworten müssen.» Heute umfasst die Langstreckenflotte der Swiss 15 Airbus A340 mit je 219 Sitzplätzen. Doch die Entwicklung geht in Richtung grössere Flugzeuge. Die Swiss hätte gerne rund 50 Plätze mehr in ihren Maschinen.

Ursprünglich wurde in Branchenkreisen bereits diesen Herbst eine Entscheidung erwartet. Hohmeister streitet dies nicht ab: «Intern sind wir alle vom Herzen her Flieger und freuen uns immer auf neue Maschinen. Aber wir können nicht jeden Tag Weihnachten feiern.» Für eine Bescherung müsse die Swiss zuerst noch ein bisschen arbeiten. «Man darf nicht vergessen, dass wir bei solchen Beschaffungen von mehreren Milliarden Franken Investitionen sprechen. Die wollen verdient sein und wir müssen sie auch gegenüber dem Konzern rechtfertigen.» Die Flottenerneuerung muss vom Aufsichtsrat der Lufthansa abgesegnet werden. Zum Vergleich: 2011 setzte die Swiss 4,9 Milliarden Franken um, und in den ersten neun Monaten dieses Jahres verdiente sie 185 Millionen Franken.

Die Flottenerneuerung wird schrittweise vollzogen. Allerdings lässt sich die Swiss nicht in die Karten blicken, wie viele Maschinen zu welchem Zeitpunkt ausgewechselt werden. Laut «Sonntag»-Recherchen könnte es bereits ab 2015 zu einer Teilerneuerung kommen. Zur Diskussion steht offenbar auch, ob dann zusätzliche Flieger bestellt werden.

Spannend wird sein, welche Maschinen auf die A340-Flotte folgen. Swiss-Insider sind überzeugt, dass die moderne Boeing 777-300ER zuoberst auf dem Wunschzettel von Harry Hohmeister steht. «Die Frage ist, wann wir wieder richtig Geld verdienen», sagt Hohmeister. «Und ob wir uns dann für die 777 oder eine Maschine aus Toulouse (Airbus, Anm. d. Red.) entscheiden, unterliegt noch laufenden Verhandlungen. Dabei ist der Preis ein wichtiges Element.»

Die «Triple 7» mit ihrem effizienten Kerosinverbrauch gilt zurzeit als eines der gefragtesten Flugzeuge seiner Art. Deshalb müsste Hohmeister seine Bestellungen früh platzieren. Der Haken: Eine «Triple 7» kostet gemäss Listenpreis 315 Millionen Dollar. Zwar kann die Swiss bei einer Grossbestellung mit Rabatten rechnen, aber die Boeing bleibt auch dann teurer als das Konkurrenzmodell von Airbus, dem A340-600, mit dem die Lufthansa fliegt. Anstatt die Maschinen in einigen Jahren in die Wüste zu stellen, könnte Lufthansa sie an die Swiss abschieben. Intern wird aber erzählt, Hohmeister sei an der A340-600 nicht interessiert, da die Kosten pro Passagier deutlich höher sind als bei der 777 und es kein Flugzeug der neusten Generation ist. Dann gäbe es noch den neuen A350. Doch diese Maschine dürfte allerfrühestens 2018 erhältlich sein. Ein weiterer Pluspunkt für die 777.

Sollte die Lufthansa die 777 für zu teuer befinden, könnte die Swiss notfalls zur bestehenden Flotte weitere A340-Maschinen leasen, um die Entscheidung hinauszuzögern. Doch damit liessen sich weder die Kosten-Effizienz noch die Öko- und Lärmbilanz verbessern.

Die Swiss bleibt eine der wenigen Airlines Europas, die 2013 weiter expandiert. Ab Mitte Mai erweitert sie ihr Streckennetz mit Singapur. Für den täglichen Nonstop-Flug setzt sie zwei A340 ein. «Dafür brauchen wir allein beim fliegenden Personal 200 neue Mitarbeitende, und dann kommen rund 50 am Boden und in anderen Bereichen hinzu», sagt Hohmeister. Insgesamt rechnet er gar mit bis zu 300 neuen Stellen.

Aber es gibt nicht nur gute Nachrichten. Im Rahmen des Sparprogramms kommt es im Lufthansa-Konzern zu Umstrukturierungen. Im Zentrum stehen die administrativen Bereiche Finanzen, Human Resources und Einkauf. Laut einer Sprecherin wurde bei der Swiss eine Stellenzahl «im oberen zweistelligen Bereich» identifiziert, die möglicherweise betroffen ist und für eine Verlagerung oder einen Abbau infrage kommt. Man hoffe, Entlassungen zu vermeiden, könne sie aber nicht ausschliessen.

Laut Philipp Hadorn, Präsident der Bodenpersonal-Gewerkschaft SEV-GATA, werden die Sozialpartner am Dienstag informiert. Er befürchtet eine Verlagerung ins günstigere Ausland und warnt vor dem Verlust der Swissness. Zudem habe der seit Monaten wirksame Anstellungsstopp in der Administration – in einer Expansionsphase – bei einigen Mitarbeitern zu Erschöpfungsanzeichen geführt.

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