Finma-Präsidentin: «Die Boni werden sinken»

Von Beat Schmid und Florence Vuichard


Samstag, 08. Dezember 2012 23:10

«Der Schweizer Finanzplatz hat klare Stärken»: Anne Héritier Lachat, Präsidentin der Finanzmarktaufsicht (Finma). Foto: Annika Bütschi


Die Präsidentin der Finanzmarktaufsicht äussert sich erstmals zu den ungewöhnlichen Eingriffen nach dem Adoboli-Fall der UBS.

Frau Héritier Lachat, schlafen Sie eigentlich noch gut, da Sie jetzt faktisch für das Investmentbanking der UBS verantwortlich sind?
Anne Héritier Lachat: Einen schlechten Schlaf bereitet mir höchstens meine Enkelin, wenn ich sie über Nacht hüte (lacht). Die UBS raubt mir meinen Schlaf nicht, denn wir sind nicht für ihr Investmentbanking verantwortlich. Wir haben nur Auflagen gemacht, in einem Bereich, in dem es offensichtliche Probleme gab.

Aber künftig entscheiden Sie mit. Da stellt sich automatisch die Frage der Mitverantwortung.
Bei unseren Auflagen geht darum zu vermeiden, dass die UBS Investment Bank in der jetzigen Phase, in der wir gravierende Mängel im Kontrollumfeld und Risikomanagement festgestellt haben, noch grösser und komplexer wird. Nur wenn die Bank in diese Richtung etwas ändern will, ist sie nicht frei und muss das mit uns besprechen. Es geht dabei aber nicht um gemeinsame Entscheide oder gemeinsame Verantwortung.

Wie wollen Sie das beurteilen?
Glauben Sie mir, Komplexität lässt sich in einer Bank sehr gut erkennen.

Warum ein Akquisitionsverbot?
Weil Akquisitionen eine Bank grösser und komplexer machen. Zumindest in einer ersten Phase. Die Lage der UBS war aussergewöhnlich, deshalb sind auch die Massnahmen aussergewöhnlich. Aber sie sind vorübergehend. Sobald die UBS uns beweisen kann, dass sie die Probleme gelöst hat, braucht es diese Massnahmen nicht mehr und es herrscht wieder der normale Aufsichtsmodus.

Wann wird das der Fall sein?
Das weiss ich nicht. Der Ball liegt bei der UBS.

Die UBS ist also ein Jahr nach dem Fall Adoboli noch immer nicht soweit?
Ein Jahr ist sehr kurz. Unser Verfahren und die externe, gemeinsam mit der britischen Schwesterbehörde FSA durchgeführte Untersuchung haben Schwachpunkte aufgezeigt. Die Bank hat schon vieles verbessert, aber sie muss den eingeleiteten Wandel zu Ende führen und im Alltag unter Beweis stellen. Das ist keine Sache, die von heute auf morgen erledigt ist.

Haben Sie die Kontrollmechanismen anderer Banken angeschaut?
Wir haben die wichtigsten Lektionen aus dem Fall früh gezogen. Bereits im Dezember 2011 haben wir den Marktteilnehmern unsere Erwartungen mitgeteilt, die wir an ihr Risikomanagement im Bereich der unautorisierten Händlertransaktionen haben.

Haben Sie die Credit Suisse speziell angeschaut?
Wir sehen uns diese Punkte bei allen Banken an, bei denen das Handelsgeschäft eine grössere Rolle spielt.

Die britische FSA konnte die UBS büssen. Die Finma kann das nicht. Würden Sie das gerne tun?
Nein. Eine Busse ist nur ein einziger Schuss. Die Massnahmen, die wir treffen können, sind schnell, griffig und beeinflussen, dass die Bank allfällige organisatorische Probleme für die Zukunft lösen.

Habe die Banken nun mehr Angst von Ihnen?
Nein, es geht nicht um Angst. Wichtig ist einzig, dass der Aufseher kohärent, verlässlich und effizient arbeitet. Und da gehören, wenn nötig, auch einmal strikte Massnahmen dazu. Es geht hier nicht um Gefühle.

Die Schweiz ist weltweit an vorderster Front bei der Einführung der neuen Eigenkapitalvorschriften wie Basel III. Die USA und die EU hingegen verschleppen die Einführung.
Das ist ärgerlich. Im Financial Stability Board FSB werden wir dafür kämpfen, dass auch die EU und die USA vorwärtsmachen. Wir halten uns aber dennoch an unseren Fahrplan und werden Basel III per Anfang 2013 einführen. Auch andere wichtige Märkte wie Japan, Hong Kong oder Singapur führen Basel III per 2013 ein. Banken, die stark kapitalisiert sind, haben einen Vorteil im Markt. Ihre Risikoaufschläge bei der Geldbeschaffung sind beispielsweise tiefer und die Aktien sind besser bewertet. Die Schweizer Banken haben deshalb aus meiner Sicht keinen Nachteil.

Wie weit sind Sie bei der Aufarbeitung des Libor-Skandals?
Hier müssen Sie sich noch etwas gedulden.

Wie beurteilen Sie die Reputation des Schweizer Finanzplatzes?
Wir sind der Meinung, dass er klare Stärken hat. Dazu trägt unser hohes Ausbildungsniveau, die Stabilität und Zuverlässigkeit und nicht zuletzt eine glaubwürdige Aufsicht bei. Wir unterstützen auch eine Weissgeldstrategie, aber sie muss verständlich und umsetzbar sein.

Was heisst umsetzbar konkret?
Die Strategie muss von den Banken konkret umsetzbar und kontrollierbar sein. Die zentrale Frage ist, wie kann man sicher sein, dass kein unversteuertes Geld zu uns kommt.

Schlecht für die Reputation sind jeweils die hohen Boni, welche sich die Banker selber geben. Wie werden sich die Boni entwickeln?
Es gibt keinen Zweifel: Die Boni werden sinken.

Wie stark wären Schweizer Grossbanken von einer Eskalation der Schuldenkrise betroffen?
Wir beobachten die Risiken genau, machen Stresstests und systematische Befragungen. Es trifft aber nicht nur die Grossbanken und Kreditbanken. Auch Versicherungen und Pensionskassen besitzen Staatspapiere. Wenn aber die Schuldenkrise total eskaliert, dann werden letztlich alle betroffen sein, die ganze Wirtschaft.

Werden die Staaten das Schuldenproblem lösen können?
Ich bin zumindest gegenwärtig nicht besonders optimistisch, bleibe aber gelassen. Im Vergleich zur Finanzkrise hat die Schuldenkrise einen Vorteil: Sie schreitet weniger schnell voran, man kann sich besser darauf vorbereiten.

Wie beurteilt sie die Risiken, die durch die steigenden Immobilienpreise entstehen?
Es ist ein Problem. Wir können heute in der Nachfrage noch immer keinen Rückgang feststellen. An einigen Orten steigen die Preise ununterbrochen weiter, wie zum Beispiel in Genf, wo ich wohne.

Was tun Sie dagegen?
Wir haben Mitte Jahr Mindeststandards zum Eigenkapital festgelegt – in Zusammenarbeit mit dem Finanzdepartement, der Nationalbank aber auch mit der Bankiervereinigung. Jetzt müssen wir schauen wie sie wirken. Seitdem haben nur einige wenige Banken ihre Kreditvolumen reduziert.

Das klingt als ob die Mindeststandards nicht ausreichen.
Sie müssen sehen: Es gibt Faktoren, die wir damit nicht ausschalten können: Die Hypothekarzinsen sind noch immer extrem attraktiv, die Zuwanderung hebt die Nachfrage. Und letztlich gibt es steuerliche Anreize, sich zu verschulden. Im internationalen Vergleich ist die private Verschuldung durch Hypotheken hierzulande sehr hoch. Dies ist jedoch eine politische Frage.

Machen Sie auch Stresstests zur Immobilienblase?
Wir analysieren in Test das Verlustpotenzial im Immobilienbereich und rechnen Szenarien durch, was es beispielsweise für die einzelne Bank bedeuten würde, wenn die Immobilienpreise um einen bestimmten Prozentsatz sinken würden.

Haben Sie nach solchen Test auch schon Banken gesagt, dass sie beim Hypothekengeschäft bremsen müssen?
Bremsen nicht. Aber wir haben mit einzelnen Banken harte Szenarien diskutiert.

Ist der Schweizer Immobilienmarkt eine tickende Zeitbombe?
Das ist schwierig zu sagen. Es ist auf jeden Fall ein Risiko, das wir sehr ernst nehmen und deshalb genau beobachten.

Wie beurteilt sie die Zusammenarbeit mit der Nationalbank?
Sie ist sehr gut. Wir sind uns nicht immer einig, aber wir arbeiten sehr gut zusammen.

Wo sind Sie sich nicht einig?
In einigen Bereichen. Aber das gehört in einer engen Zusammenarbeit dazu.

Die Finma wird oft kritisiert – von Banken wie von Politikern. Nehmen Sie die Kritik wahr?
Wir nehmen sie ernst, analysieren sie – und ziehen auch Lehren daraus. Aber: Wenn man von allen geliebt und gelobt werden will, dann geht man besser nicht zur Aufsicht. Bei der Finma darf man nicht zu empfindlich sein. Je nach Perspektive und Interessen ist der Aufseher ohnehin immer entweder zu lasch oder zu streng. Wer uns zu lasch findet, unterstellt uns oft zu grosse Nähe zu Banken und Versicherungen. Und wer uns als zu streng taxiert, erklärt das mit mangelnder Praxisnähe unserer Mitarbeiter. Damit müssen wir leben. Fakt ist: Wir arbeiten in einem gesetzlich vorgegebenen Rahmen und versuchen dabei kohärent, glaubwürdig und konsequent zu sein.

Aber die Finma pflegt heute eine grössere Distanz zu den Banken als es ihre Vorgängerin, die EBK, tat?
Wir haben unsere Lehren aus der Krise gezogen! Wir sind vielleicht etwas „professioneller“ geworden. Distanz im Sinne von Unabhängigkeit ist eigentlich ein Kompliment. Es gibt natürlich Leute, die sagen, dass wir mehr Distanz pflegen – auch weil sie unsere Entscheidungen nicht mögen.

Die Finma hat die höchste Mitarbeiterfluktuation von allen Bundes- und bundesnahen Einheiten. Wieso?
Im Vergleich zu 2011 ist die Fluktuation merklich gesunken. Aber es ist klar: Für die Uni-Absolventen sowie für jene, die aus der Branche zu uns stossen, wird die Finma in aller Regel nicht der letzte Arbeitgeber sein. Das wissen wir. Wir können nicht allen eine Karriere ganz nach oben bieten. Dafür sind wir viel zu klein.

Sind denn die Mitarbeiter der Finma zufrieden?
Ja, ich denke schon. Eine externe Mitarbeiterbefragung haben wir nicht, doch wir führen zweimal pro Jahr Mitarbeitergespräche. Wir werden aber künftig den Fokus mehr auf die Mitarbeiterförderung legen und so versuchen, eine Finma-Identität zu schaffen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Direktor Raaflaub?
Sehr gut! Er arbeitet viel, ist ein guter Gesprächspartner.

Werden Sie eigentlich stärker kritisiert, weil sie in dieser Banken-Männerwelt eine Frau sind?
Ich habe nie eine solche Bemerkung gehört. Schliesslich sind die Bankiers sehr höflich. (lacht). Aber im Ernst: Das ist kein Thema. Das Problem liegt woanders: Es ist schwierig Frauen zu finden, die bereit sind, auf eine Karriere im Finanzbereich zu setzen – und zwar auf allen Ebenen.

Befürworten Sie eine Frauenquote?
Ich bin für Frauenquoten in Verwaltungsräten. Sicher. An der Uni Genf und an ihrer juristischen Fakultät haben wir Frauenquoten eingeführt – und es hat sich wirklich viel geändert. Jetzt ist die Geschlechterfrage dort kein Thema mehr.

Im Finma-Verwaltungsrat sind Sie die einzige Frau – mit sieben Männern.
Das ist kein gutes Beispiel, ich weiss. Aber ich arbeite dran. Es ist aber nicht einfach Frauen zu finden, insbesondere nicht im Finanzbereich.

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