Prominente bluffen mit Doktortitel

Von Alan Cassidy


Samstag, 13. Juli 2013 23:30


Die private European University stattet Schweizer Persönlichkeiten regelmässig mit Ehrendoktortiteln aus. Dabei darf sich die Schule bald gar nicht mehr Universität nennen.

André Dosé ist früherer Swiss-Chef und heutiger Präsident des Grasshopper-Clubs Zürich. Was viele nicht wissen: Er ist auch Ehrendoktor. Den Titel verwendete Dosé sogar schon im Handelsregister. Den Zusatz «h. c.», der den Ehrendoktor vom akademischen Grad unterscheidet, liess er dabei weg. Ob sorglos oder bewusst, bleibt offen: Auf mehrere Anfragen der «Schweiz am Sonntag» reagierte Dosé nicht.

Den Ehrendoktor erhielt Dosé, der die Verkehrsschule in Biel und die Pilotenschule in Genf absolviert hat, von der European University. Das private Institut, das in Bürogebäuden in Montreux und Genf untergebracht ist, bezeichnet sich selbst als weltweit führende Wirtschaftshochschule. In der Schweiz kennt sie kaum jemand. Aufgefallen ist sie vor allem mit einer Werbemassnahme in eigener Sache: Sie vergibt grosszügig Ehrendoktorate.

Swatch-Präsidentin Nayla Hayek trägt den Dr. h. c. der European University mit Stolz. Auf der Website des Uhrenkonzerns prangt er neben ihrem Namen. Hayek hatte ein Archäologiestudium abgebrochen, bevor sie an der European University Management studierte. Ihr Sohn Marc ist ebenfalls Abgänger und Ehrendoktor der Schule. Geehrt hat die Schule auch Dosés früheren Mentor und Vorgesetzten Moritz Suter. Auf ihrem Online-Auftritt führt sie den Crossair-Gründer – mit falsch geschriebenem Nachnamen – auch als früheren Gastredner auf.

Zuletzt war es Alt-Bundesrat Adolf Ogi, der zum Ehrendoktor ernannt wurde. Er erhielt die Auszeichnung im Juni wegen seiner Verdienste für den Sport. Und zuvor war die Reihe an Steve Guerdat gewesen, dem Schweizer Olympiasieger im Springreiten: «Steve Guerdat est un docteur», titelte die «Tribune de Genève» im Mai.

Eine «University» nennt sich die in Belgien gegründete und seit 1985 in der Schweiz ansässige Business School schon lange: Dieses Jahr begeht sie ihr 40-Jahr-Jubiläum. Nun wird sie sich jedoch bald einen neuen Namen suchen müssen. Mit dem neuen Hochschulförderungsgesetz, das 2011 vom Parlament verabschiedet wurde und voraussichtlich 2015 in Kraft tritt, verschärft der Bund die Bezeichnungsregeln. Als Universitäten oder universitäre Einrichtungen dürfen dann nur noch Schulen auftreten, die in der Schweiz als solche akkreditiert sind.

Eine Schweizer Akkreditierung hat die European University jedoch nicht. Die Kriterien, die Bund und Kantone an eine Akkreditierung, an Lehre und Forschung stellen, sind hoch. Zu hoch für eine Schule, die auf ihrer Website unter anderem eine Frau als «Professorin für Marketing» aufführt, als deren einzige «akademische Erfahrung» ein Diplom an der Luzerner Journalistenschule MAZ angegeben ist.

Präsident und Kopf der European University ist seit ihren Anfangszeiten der belgisch-schweizerische Doppelbürger Dirk Craen. Er räumt auf Anfrage ein, er sei «besorgt» über die Bestimmungen des neuen Hochschulgesetzes. Lieber als über die fehlende Akkreditierung in der Schweiz spricht Craen aber über die internationalen Zertifikate der European University. Dazu gehören die unter Business Schools geläufigen Zertifikate ACBSP und IACBE.

Tatsächlich scheint die European University im profitablen Geschäft mit Business-Abschlüssen erfolgreich mitzumischen. 98 Prozent der Studenten stammen gemäss Eigenangaben aus dem Ausland. Für einen Abschluss bezahlen sie gutes Geld: 24 000 Franken kostet ein Bachelor in Business Administration, für 32 000 Franken gibt es einen Masterabschluss. 25 000 Absolventen will die Schule gemäss eigenen Abgaben bereits gehabt haben.

Während die European University in der Schweiz bisher wenig Beachtung fand, kämpfte sie im Ausland wiederholt mit Akzeptanzproblemen. Internationale Ableger betreibt die Schule derzeit in Barcelona, München und London. Staatlich akkreditiert ist sie an keinem dieser Standorte. In Barcelona entzogen ihr die katalanischen Behörden 2007 die offizielle Anerkennung, die sie während einiger Jahre genossen hatte. In Malta geriet die European University in die Schlagzeilen, weil sie eine Partnerschaft mit einer dortigen Schule unterhalten hatte, die laut der «Times of Malta» von ehemaligen Abgängern eingeklagt wurde.

Auch in einschlägigen Online-Diskussionsforen stösst man rasch auf Kritik. Ein User auf Degree-Info.com schreibt: «Die European University ist im Prinzip ein Spielplatz für reiche Kinder, die mehr Geld als Verstand haben.»

Dass die Schule so lange im Geschäft ist, verdankt sie ihrem umtriebigen Präsidenten. Regelmässig gewinnt Craen Prominenz aus Politik und Wirtschaft für Netzwerkanlässe seines Instituts. Daraus ergeben sich offenbar auch Geschäftsgelegenheiten. 2002 kündigte Craen gemeinsam mit dem früheren Swiss-Chef André Dosé eine «European Aeronautical University» am Basler Euro-Airport an. Diese sollte im Swiss-Gebäude am Flughafen «Entscheidungsträger» für die Luftfahrtindustrie ausbilden. «So können unsere Leute einen MBA gleich im eigenen Haus machen», sagte Dosé in der «Basler Zeitung». Das Projekt hob jedoch nie ab.

Ähnlich verhält es sich mit dem Unesco-Lehrstuhl «für internationale Beziehungen und Unternehmergeist», den Craen an seiner Schule seit 1999 inne hat. Eine Nachfrage bei der Schweizer Unesco-Kommission in Bern ergibt, dass der Lehrstuhl gar nie aktiv war: Zwischen der European University und der Kommission besteht seit Jahren kein Kontakt. Auch die vorgeschriebenen jährlichen Fortschrittsberichte über die Tätigkeiten des Lehrstuhls hat die Schule nicht an die Unesco eingereicht. Derzeit überprüft die Unesco alle ihre Lehrstühle, und aus dem Umfeld der Unesco-Kommission heisst es, dass jener der European University wohl abgeschafft wird.

Craen sagt, er habe ohnehin schon lange nicht mehr auf den Lehrstuhl hingewiesen. Seine Aufmerksamkeit gelte derzeit dem 40-Jahr-Jubiläum der Schule, auf das er stolz sei. Seine Absolventen, von denen die meisten gute Stellen gefunden hätten, seien ein Beweis für die Qualität der Lehrgänge.

Stellen generiert Craens Schule auf jeden Fall für die eigene Familie: Seine Söhne führen die Campus der European University in der Schweiz und Barcelona.

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