Achtung, Lebensgefahr!

Samstag, 04. Februar 2017 23:28

Die Windenseile der Ratrak sind kaum sichtbar. Sie sind eine tödliche Gefahr für Skitourenfahrer. Foto: RIK


Skitouren boomen. Beinahe-Kollisionen von Sportlern und Pistenbullys nehmen zu.

Während die Wintersportler den Tag bei Bier und Schlager in den Bars von Saas Fee VS ausklingen lassen, beginnt die Arbeit der Pistenbully-Fahrer. 100 Kilometer gilt es zu präparieren. 14 bis zu 12 Tonnen schwere Gefährte werden bis in die frühen Morgenstunden verteilt übers Skigebiet unterwegs sein. «Eine schöne Arbeit. Schaue ich in den Rückspiegel, sehe ich gleich das Resultat», sagt Stephan und startet den Motor.

In der rechten Hand hält er den Joystick, mit dem er die Schaufel bewegt, links steuert er den Ratrak. Meter für Meter walzt das Ungetüm Schneehügel und Carving-Spuren platt und zaubert einen ebenmässigen Pistenteppich. Stephan fährt den vierten Winter im Wallis. Unfallfrei. «Ich weiss nicht, ob ich wieder in die Maschine steigen könnte, wenn etwas passiert.»

Die Fahrer und auch die Seilbahnbetreiber sind besorgt. Denn seit zwei, drei Winter häufen sich Beinahe-Kollisionen zwischen Pistenbullys und Skitourengängern. Anders als Skifahrer und Snowboarder sind sie auch nachts unterwegs. Sei es, um nach Feierabend die Pisten als Trainingsstrecken zu nutzen, oder weil sie sich überschätzt haben und erst bei Dunkelheit vom Berggipfel ins Tal kurven. Saas Fee kämpft vor allem mit Letzteren. «Erschöpft und überfordert missachten sie jegliche Warnschilder. Das ist lebensgefährlich», sagt Stephan.

Die Pistenfahrzeuge arbeiten oft an fixen Stahlseilen, die Hunderte Meter über den Schnee gespannt sind. Allerdings sind diese in der Nacht kaum sichtbar. Fährt ein Tourengänger hinein, kann es ihm den Kopf oder ein Bein abreissen. In den Nachbarländern gab es bereits tödliche Unfälle. Die Schweiz hatte bisher Glück. «Doch es ist nur eine Frage der Zeit», sagt Monique Walter von der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu). Deshalb hat die Organisation zusammen mit dem Verband Seilbahnen Schweiz und dem Schweizer Alpen-Club (SAC) eine Kampagne lanciert. «Unternehmen wir nichts, wird das Risiko für schwere Unfälle steigen.»

Skitouren boomen. Über 200 000 Sportler erklimmen regelmässig mit Fellen die Berge. Und von Winter zu Winter kommen neue dazu. «Viele Einsteiger gehen der Fitness wegen auf Touren», sagt Bernhard Hug, Spezialist für Skitourenrennen beim SAC. Sie würden im Sommer Biken oder Trail-Rennen laufen und in der kalten Jahreszeit mit Skitouren die Kondition trainieren. Das Problem: Die Neulinge gehen bevorzugt entlang der Pisten. «Nach Feierabend lassen sich so in vermeintlicher Sicherheit ein paar Höhenmeter machen», sagt Hug.

Büssen nicht erlaubt
Den Bergbahnbetreibern sind die Rennläufer ein Dorn im Auge. «Nachts sind die Pisten gesperrt, damit Lawinen gesprengt und die Abfahrten präpariert werden können», sagt Alexander Stüssi von Seilbahnen Schweiz. «Widersetzen sich Sportler den Regeln, bringen sie sich in Gefahr.» Die Bahnen übernehmen ausserhalb der Öffnungszeiten keine Verkehrssicherungspflicht und damit auch keine Haftung. «Der Skitourengänger ist selbstverantwortlich unterwegs.» Allerdings können die Bahnen auch nicht viel mehr tun, als zu warnen. Büssen oder verzeigen ist ihnen rechtlich nicht erlaubt, da sie meist nicht die Landbesitzer sind.

In der Westschweiz hat sich der Konflikt zwischen Skitourengängern und Seilbahnen so stark zugespitzt, dass der Verband der Seilbahnen Freiburger Alpen (RMAF) handeln musste. In einem Turnus öffnet nun jeden Abend ein anderes Skigebiet die Pisten für Rennläufer. «Dies hat die Situation entschärft», sagt Pascal Fragnière, Sekretär vom RMAF. Das Angebot werde rege genutzt. An manchen Abenden seien bis zu 300 Tourengänger in einem Gebiet unterwegs.

Daran will der SAC anknüpfen. Im Dezember schrieb Bernhard Hug alle Seilbahnbetreiber an und fragte, ob sie sich eine solche Lösung vorstellen könnten. Rund 15 Gebiete, darunter die Mythenregion Handgruobi, Grüsch-Danusa oder Disentis, stellen jetzt ebenfalls an ein bis zwei Abenden pro Woche die Pisten zur Verfügung. Hug ist überzeugt: «Ist auch ein Restaurant offen, kann dies für die Bergbahnen attraktiv sein.» Ebenfalls denkbar: «Wie für Langlaufloipen könnten Gebiete auch von Tourenfahrern einen Unkostenbeitrag verlangen.»

Unverbesserliche, die sich weder an einen Turnus noch an Warntafeln halten, gibt es dennoch. «Wir appellieren an die Vernunft und behalten uns vor, die Zonenordnungen so umzugestalten, dass Pisten mit einem zeitlich beschränkten Betretungsverbot belegt werden könnten», sagt Alexander Stüssi.

An diesem Abend bleibt es in Saas Fee ruhig. Stephan kann die Hänge ohne Zwischenfälle walzen. «So mag ich es am liebsten. Die Piste kann über Nacht aushärten und morgen früh haben die Skifahrer einen perfekten Teppich zur Verfügung.»

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