Bilderstreit um die Wintersaison

Von Niklaus Vontobel


Samstag, 02. Januar 2016 23:30

Zeigt laut Tourismus-Vertretern den wahren Winter 2015/16: Zugefrorener Oeschinensee oberhalb Kandersteg BE. Foto: Keystone


Mit Kunstschnee, Nachtwanderungen und viel Einsatz bemühen sich die Bergbahnen um ein «Wintererlebnis». Durch «negative Medienberichte» sehen sie ihre Arbeit schlechtgeredet.

Selbst das «Wall Street Journal» berichtete über den zugefrorenen Oeschinensee BE. Die lokale Godelbahn durfte über Rekordzahlen jubeln. Vor der Talstation bildeten sich über die Feiertage lange Schlangen. Auf den sozialen Medien behaupten begeisterte Gäste, Alt-Bundesrat Adolf Ogi auf dem glatten Eis gesehen zu haben.

Es sind solche Eindrücke vom Winter 2015/16, die die Touristiker in den Bergregionen verbreitet haben wollen. Im Unterland sind sie beste Werbung. Doch bislang werden sie erdrückt von einer Lawine abschreckender Bilder: Schmale weisse Bänder schlängeln sich durch grün-braune Wiesen. Nach dem Frankenschock ereilt die Bergregionen offenbar nun ein Klimaschock.

Die Bilder seien «irreführend», so Ueli Stückelberger. Der Direktor des Verbands Seilbahnen Schweiz sagt: «Diese Bänder sind nicht die eigentlichen Skipisten.» Meist seien sie bloss ein Zusatz-Service. «Damit können die Gäste ins Tal gelangen, ohne 20 Minuten auf einen Platz in der Bergbahn zu warten.» Da es dieses Jahr sehr wenig Schnee habe, würden die Schneebänder mehr auffallen. «Sonst gab es daneben zumindest noch eine dünne Schicht von Naturschnee.»

Auf den eigentlichen Skipisten präsentiere sich den Gästen laut Stückelberger ein anderes Bild. «Hoch gelegene Regionen können ihren Gästen anständige Bedingungen zum Skifahren bieten. Und nicht etwa nichts, wie diese Bilder von Schneebändern das suggerieren.» Immerhin sei gegen Jahresende ein Drittel der Skipisten offen gewesen.

In den Bergregionen hat man daher wenig Verständnis für die Flut von Schneeband-Bildern. Urs Wohler, Tourismusdirektor von Scuol Samnaun Val Müstair, sagt: «Für uns ist das sehr ärgerlich. Man kann bei uns wunderschöne Schneewanderungen machen, Langlaufen, Schlittschuhlaufen und – jawohl – auch sehr gut Skifahren. Aber im Unterland glauben doch die Leute, sie müssten auf zentimeterdünnen Schneeschichten zwischen Steinen und Grasstücken gleichsam Slalom fahren.» Natürlich sei das Wetter unüblich warm und der Naturschnee knapp. «Aber dafür hatten wir so lange schönes Wetter, wie ich es noch nicht erlebt habe.» Daher hätten die Gäste diese Ferien mehr geniessen können als in manchen verschneiten und nebligen Wintern.

Ein Bergbahnen-Direktor will seinen Namen nicht mehr in den Medien sehen, weil er weitere Schneebandbilder fürchtet. «Dann muss ich wieder erklären, warum ich bei so einseitigen Berichten mithelfe.» Noch habe er nicht auf alle kritischen Anfragen nach dem letzten Medienbericht geantwortet. «Die Gäste sind hochzufrieden mit ihren Winterferien und können solche negativen Darstellungen nicht verstehen.»

André Rellstab, Marketingleiter der Bergbahn Davos-Klosters, kämpft auf Facebook gegen die Bilderflut an. Über ein Foto schrieb er: «Entgegen allen negativen Medienberichten zeigen wir Euch gerne, wie es wirklich in Davos in den Skigebieten aussieht.»

Auf Anfrage sagt Rellstab, teilweise seien Medienberichte erschienen, in denen absichtlich Bildausschnitte ohne Schnee gewählt wurden. «Ich will nichts schönreden: Es war bisher ein schneearmer Winter. Aber die Realität bei uns ist, dass im Gebiet Parsenn etwa 80 Prozent der Pisten offen sind, im Jakobshorn alle.» Von den 550 Parkplätzen sei bereits um 9.15 Uhr kein einziger mehr frei.

In welchem Zustand die Pisten schweizweit sind, formuliert der Schneeforscher Christoph Marty vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung so: «Es war schon schlimmer.» Den Bergbahnen helfe heute, dass sie in den letzten Jahren in die Beschneiung investiert hätten. «Viele grössere Skigebiete können heute innerhalb einer Woche genügend Schnee produzieren», sagt Marty. Die wenigen kalten Tage Ende November reichten so häufig aus. «Die Schneeverhältnisse auf den Pisten sind deswegen heute nicht so schlecht.»

Ohne diese Investitionen sähe es für die Skiregionen düster aus. Denn das Wetter war im Dezember tatsächlich extrem. «Berücksichtigt man alle Tage des Dezembers, dann hatten wir diesen Frühwinter schweizweit die zweitgeringste Schneemenge seit Beginn der Messungen vor 80 Jahren», sagt Marty. Ende Dezember wurde gar ein Negativrekord aufgestellt. «Schweizweit lag zum Jahreswechsel noch nie so wenig Schnee seit Messbeginn.»

Dieser Schneemangel richtet wirtschaftlichen Schaden an. «Natürlich verdienen die Bergbahnen weniger, wenn die Gäste etwa auf dem See gratis schlittschuhfahren, statt sich mit den Ski auf den Berg bringen zu lassen», sagt Seilbahnen-Direktor Stückelberger. Dazu geselle sich noch die psychologische Wirkung. «Es kommt weniger Lust auf ein Wintererlebnis auf, wenn es im Unterland frühlingshaft warm ist.»

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