Euro-Mindestkurs soll weg

Von Michael Heim, Patrik Müller und Benjamin Weinmann


Samstag, 20. Dezember 2014 23:30


1.20-Untergrenze gelte zu lange, kritisieren Finanz-Schwergewichte wie Martin Ebner, Oswald Grübel und Kurt Schiltknecht.

Nach der Einführung von Negativzinsen durch die Nationalbank (SNB) stellen jetzt namhafte Finanzplatzvertreter den Euro-Mindestkurs von Fr. 1.20 infrage. Die Negativzinsen sind laut der Nationalbank nötig, um die 1.20er-Grenze verteidigen zu können.

Financier Martin Ebner kritisiert, die Bindung des Frankens an den Euro habe vor drei Jahren vielleicht Sinn gemacht, «aber sie dauert nun schon viel zu lange». Seine Forderung: «Die Aufhebung ist unausweichlich.» Der Entscheid der Nationalbank vom Donnerstag, Negativzinsen einzuführen, sei «hilflos»: «Er zeigt, dass sich die SNB in etwas hineingeritten hat, aus dem sie nun fast nicht mehr rauskommt», sagt Ebner.

Auch Kurt Schiltknecht, Ex-Chefökonom der SNB, ist überzeugt, dass Negativzinsen nicht die gewünschte Wirkung entfalten: Sie könnten den Kapitalfluss in die Schweiz nicht stoppen, sondern würden höchstens die Immobilienpreise in die Höhe treiben. Schiltknecht ist für ein Ende des 1.20-Mindestkurses, wie er zu Radio SRF sagte. Er regt eine Senkung auf Fr. 1.10 an.

Für den Ex-UBS-Chef und «Schweiz am Sonntag»-Kolumnisten Oswald Grübel zeigt sich jetzt, dass die Kursuntergrenze «von Anfang an eine Schnapsidee» war. Die Anbindung sei heute umso fragwürdiger, als die Europäische Zentralbank gerade versuche, «den Euro weiter zu schwächen, um die Wirtschaft anzukurbeln». Die Konsequenz sei, dass die Schweiz den Franken ebenso schwach machen müsse. Sie könne dann genauso gut der Euro-Zone beitreten. Auch der emeritierte Zürcher Wirtschaftsprofessor Martin Janssen plädiert für einen Ausstieg aus der Kursfixierung, wenn auch nicht für einen plötzlichen: «Die Nationalbank muss einen Ausstiegspfad definieren und den Mindestkurs jeden Tag ein kleines Schrittchen absenken.» Nur so komme man wieder aus dieser Situation heraus. Die anhaltende Kursstützung bei Fr. 1.20 habe immer neue Interventionen zur Folge: «Das ist, wie wenn sie hinter Chur den Rhein stauen», sagt Janssen. «Irgendwann kommt das Wasser.» Lieber früher als später müsse sich der Franken aufwerten. «Er ist schlicht die stärkere Währung als der Euro.»

Nationalbank-Präsident Thomas Jordan sagte am Donnerstag, die SNB sei weiterhin bereit, unbeschränkt Devisen zu kaufen, um den Mindestkurs durchzusetzen. Die Negativzinsen sollten helfen, «Frankenanlagen weniger attraktiv zu machen, wodurch sich der Aufwertungsdruck auf den Franken verringert». Politiker aus SP, CVP und FDP begrüssten die Massnahmen, weil eine Aufwertung des Frankens für die Exportwirtschaft und den Tourismus schädlich wäre.

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