«Irgendwann gehen die Lichter aus»

Von Patrik Müller und Othmar von Matt


Samstag, 05. März 2016 23:31

Unternehmer, Ex-Nationalrat, ZSC-Vizepräsident: Peter Spuhler im Interview. Foto: Mario Heller


Vor drei Jahren trat er als SVP-Nationalrat zurück, um sich ganz seinem Unternehmen Stadler Rail zu widmen. Peter Spuhler (57) sagt, warum seine Firma heute wieder besser dasteht, wieso er sich um den Industriestandort Schweiz sorgt und was er sich vom neuen ZSC-Stadion erhofft.

Peter Spuhlers Statur erinnert an seine Eishockey-Karriere bei GC. Wenn er durch die Gänge des Hallenstadions schreitet, ginge er locker als Hockeytrainer durch. Als Ort für das Interview hat Spuhler ein Restaurant in der Heimarena der ZSC Lions ausgewählt, desjenigen Klubs, der 1997 aus der Fusion «seines» GC mit dem Zürcher SC hervorgegangen ist.

Herr Spuhler, nach einer längeren Absenz sind Sie wieder Vizepräsident der ZSC Lions. Wie kam es zum Comeback?
Peter Spuhler: Ich habe früher selber bei GC Eishockey gespielt. Walter Frey war als GC-Präsident ein absoluter Glücksfall. Ich baute mit ihm zusammen die Grasshoppers mit auf und präsentierte ihm nach dem dritten Nicht-Aufstieg in die Nationalliga A die Idee einer Fusion. Ich trat dann als Vizepräsident zurück, weil ich zu viel am Hut hatte. Doch ich versprach Walter Frey, dass ich bei der Finanzierung des neuen Stadions mitmachen werde. Deshalb kam ich zurück.

Es ist ziemlich klar: Sie sind als Nachfolger von Walter Frey als ZSC-Präsident vorgesehen.
Das lassen wir offen. Sollte dies eines Tages zur Diskussion stehen, würde ich es mir jedenfalls ernsthafter überlegen, als Bundesrat zu werden (lacht).

Würden Sie darauf wetten, dass das neue Stadion, das in Altstetten geplant ist, wirklich kommt?
Ich glaube schon. Kommt es nicht, sind die ZSC Lions in ihrer heutigen Form nicht mehr finanzierbar.

Es gibt Widerstand gegen das Stadionprojekt, denn 120 der 169 Millionen Franken, die es kostet, werden über ein zinsloses Darlehen der Stadt finanziert. Und die Stadt zahlt 2 Millionen Franken pro Jahr als Zuschuss. Ein ordnungspolitischer Sündenfall!
Nein. Das Darlehen zahlen wir zurück. Und der jährliche Zuschuss an die Betriebskosten des Stadions rührt daher, dass wir in Altstetten eine massive Einschränkung von Veranstaltungen haben, die das Hallenstadion konkurrenzieren könnten: Wir dürfen beispielsweise keine Konzerte und andere lukrative Events durchführen. Der Sündenfall liegt, wenn schon, darin, dass man den Markt nicht spielen lässt.

Sie persönlich investieren 12 Millionen Franken ins neue Stadion. Warum?
Auch Walter Frey und die Swiss Life mit Rolf Dörig zahlen je 12 Millionen. Wir engagieren uns für diesen Verein, der 1200 Nachwuchsspieler hat, Jugendliche von der Strasse holt und ihnen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung bietet. Wir haben die grösste Nachwuchsabteilung Europas.

Mit dem neuen Stadion könnte der ZSC das strukturelle Defizit reduzieren, das heute bei 5 bis 7 Millionen pro Jahr liegt und im Wesentlichen von Walter Frey gedeckt wird.
Nimmt man die ganze Pyramide, muss jährlich ein strukturelles Defizit von 4 bis 6 Millionen gedeckt werden. Wir glauben, dass wir mit dem neuen Stadion auf ein erträgliches Defizit kämen. Der SC Bern beweist, dass die Restauration ein Geschäft sein kann. Unser Ziel ist es, das Defizit nach unten zu bringen.

Auf zwei bis drei Millionen?
Weniger!

Sie hätten zu viel am Hut gehabt, sagten Sie. Das führte dazu, dass Sie vor drei Jahren aus dem Nationalrat zurückgetreten sind, um sich ganz Ihrem Unternehmen zu widmen. Damals war der Franken stark – jetzt ist er noch stärker. Wie sehr trifft das Ihre Firma?
Wir sind heute besser aufgestellt als damals. Als im November 2011 der erste Währungsschock über die Schweizer Exportindustrie hereinbrach, waren wir weniger vorbereitet und die Auftragsbücher nicht so gefüllt wie 2015. Ich kann in einer solchen Krise nicht meinen politischen Ambitionen in Bern nachgehen und meine Mannschaft im Stich lassen. Das war der Grund für meinen Rücktritt aus dem Nationalrat.

Wären Sie in der Politik geblieben, wären Sie nun vielleicht Bundesrat.
Auch wenn es die Journalisten nie glauben werden: Ich wollte nie Bundesrat werden. Das war nie ein Thema und wird nie eines sein.

Haben Sie ausgerechnet, wie viel Sie die Aufhebung des Euro-Mindestkurses vor gut einem Jahr gekostet hat?
Da wir in Schweizer Franken konsolidieren, haben wir durch die Aufhebung über 200 Mio. Fr. Umsatz verloren. Unter dem Strich hat es uns bei der Ebit-Marge vier bis fünf Prozent gekostet.

Entlassungen bei Ihrer 3000-köpfigen Schweizer Belegschaft gab es keine?
Nein. Wir haben die Arbeitszeit erhöht. Wir nahmen sofort mit der Gewerkschaft Unia Kontakt auf, die sehr kooperativ war. In einer Woche konnten wir die Arbeitszeit um zweieinhalb Stunden erhöhen. Das entlastete uns. Seit Anfang 2016 ist die Arbeitszeit wieder normalisiert, bei netto 40 Stunden pro Woche.

Es ist oft von Deindustrialisierung die Rede. Wie gross ist diese Gefahr?
Entscheidend ist die Entwicklung des Frankenkurses. Genauer: Es geht um die Disparität zwischen Wechselkurs und Kaufkraftparität. Im Moment haben wir etwa 1.10 beim Wechselkurs und 1.27 bei der Kaufkraftparität. Diese Differenz ist das Problem. Wenn sie bleibt, stehen wir unter gewaltigem Margendruck.

Sind die hohen Schweizer Löhne haltbar?
Wir haben rund 1000 Mitarbeiter in Deutschland. Lange Zeit war der Stundensatz in der Schweiz trotz höherer Löhne tiefer – weil man in der Schweiz länger arbeitet und weniger Ferien hat. Das gab einen Ausgleich. Jetzt aber hat es gewendet: Wegen des Frankenkurses ist die Schweiz in unserem Konzern beim Stundensatz nun am teuersten.

Wie lange kann das so weitergehen?
Wenn es so bleibt, dann wird es ganz sicher zu gewissen Verlagerungen führen. So etwas steht man ein, zwei Jahre durch: Man nimmt eine tiefere Marge in Kauf. Aber wenn eine Firma kein Geld mehr verdient, kann sie nicht mehr in Forschung und Entwicklung und neue Maschinen investieren – irgendwann gehen dann die Lichter aus.

Haben Sie Pläne, einen Teil Ihrer 3000 Schweizer Stellen ins Ausland zu verlagern?
Nein. Wir haben sehr viel auf der Kostenseite getan und in neue, innovative Fahrzeugkonzepte investiert. Zudem sind wir in neue Marktsegmente wie Metro und Highspeed sowie neue Märkte eingetreten.

Was würden Sie tun, wären Sie Wirtschaftsminister?
Ich würde mich ziemlich ähnlich verhalten, wie Johann Schneider-Ammann es tut. Konjunkturprogramme bringen nichts, sie verpuffen. Unser Problem liegt bei der Währung. Und da kann die Politik in Gottes Namen nicht viel tun.

Es wirkt aber sehr passiv, wenn Schneider-Ammann sagt, wir müssten uns auf Schliessungen vorbereiten, weil viele KMU die Währungsprobleme nicht mehr lange durchhalten könnten.
Kommunikativ hätte man dies in der Tat besser darlegen können.

Wie denn?
Ich hätte auf die Stärke der Schweiz hingewiesen. Langfristig gesehen, haben wir eine gute Ausgangslage. Ich konnte es kaum glauben, als ich las, dass wir prozentual zur Bevölkerung mehr industrielle Arbeitsplätze haben als Deutschland. Wir haben Trümpfe: die liberale Wirtschaftsordnung, das liberale Arbeitsgesetz, die duale Berufsbildung, die sehr leistungs- und strapazierfähige KMU-Struktur.

Was sollte die Politik verbessern?
Es ist richtig, die Bürokratisierung zu reduzieren. Auch sollten wir unseren flexiblen Arbeitsmarkt nicht unnötig einschränken. Es ist eine Katastrophe, dass der Bundesrat jetzt die flankierenden Massnahmen noch weiter ausbauen will. Sie höhlen das Arbeitsgesetz schrittweise aus. Schärferen Widerstand könnte Johann Schneider-Ammann auch gegen die Allgemeinverbindlichkeit von Gesamtarbeitsverträgen leisten.

Mehr und mehr Unternehmen werden ins Ausland verkauft – erst kürzlich Syngenta an die Chinesen. Bleibt Ihr Unternehmen langfristig in Ihren Händen?
Die Chinesen haben bei uns auch schon angeklopft.

Und da wurden Sie nicht schwach?
Nein, sicher nicht! Ich verkaufe doch nicht mein Unternehmen. Ich bin zu sehr Schweizer. Aber schauen Sie: Ich trete für eine liberale Wirtschaftspolitik ein. Wenn die Syngenta-Eigentümer verkaufen wollen und es keinen inländischen Käufer gibt, ist ein Verkauf ins Ausland zu akzeptieren. Wir sind globalisiert. Schweizer Unternehmen übernehmen ja auch Firmen im Ausland – das gilt auch für Stadler. Wir haben letztes Jahr in Valencia eine Firma mit 850 Mitarbeitern dazugekauft.

Warum interessieren sich die Chinesen für Ihr Unternehmen?
Es gibt in Europa nur noch etwa zehn Unternehmen im Schienenfahrzeugbau. Wenn die Chinesen die europäischen Märkte knacken wollen, brauchen sie eine Basis hier, um die nationalen Zulassungsprozesse zu beherrschen.

Es fehlt ihnen auch das technische Know-how.
Nicht mehr. Das haben ihnen Bombardier und Siemens geliefert. Darum sieht man Kopien dieser Züge in China. Die dortigen Hochgeschwindigkeitszüge sind im Prinzip Siemens-Züge.

Viele Unternehmer sorgen sich nicht nur um den Frankenkurs, sondern auch um die Unsicherheit, wie sich das Verhältnis der Schweiz zur EU entwickelt.
Unsicherheit ist nie gut und hemmt Investitionen. Tatsächlich warten wohl viele Unternehmen ab, bis sie wissen, wie es weitergeht.

Als Worst Case gilt der Wegfall der bilateralen Verträge. Aber wäre das wirklich so schlimm?
Das kommt auf die Perspektive an. Die Unternehmen können sich immer irgendwie arrangieren. Aus volkswirtschaftlicher Sicht hätte ein Wegfall der Bilateralen I aber gravierende Folgen. Ohne Bilaterale I kann es beispielsweise sein, dass wir von Ausschreibungen ausgeschlossen wären. Wir müssten dann von unseren Standorten Deutschland, Polen oder Ungarn aus anbieten.

Was raten Sie dem Bundesrat, um in Brüssel das vermeintlich Unmögliche zu erreichen: Die Beschränkung der Zuwanderung unter Beibehaltung der bilateralen Verträge?
Ich habe nie verstanden, dass der Bundesrat keine Geschäfte verknüpfen wollte und die einzelnen Dossiers mit der EU stets separat verhandelte. Die Schweiz hat in den letzten sechs, sieben Jahren derart viel preisgegeben – im Steuerbereich, beim Finanzplatz –, dass man einmal hätte sagen müssen: Stopp, jetzt wollen wir im Gegenzug auch mal was von euch!

Das wurde nicht versucht?
Ich habe als Nationalrat mit Bundesräten darüber diskutiert, und es hiess immer: «Verknüpfen geht nicht, man muss die Dossiers einzeln abarbeiten.» Ich bin jetzt 28 Jahre lang Unternehmer, und der Fall ist klar: In komplexen Situationen versucht man immer, ein Paket zu schnüren und Gesamtlösungen zu finden. Ich wüsste nicht, warum das in der Politik anders laufen sollte.

Was heisst das für die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative?
Hier ist es für eine Gesamtlösung wohl leider zu spät. Wir haben die «Goodies» über den Tisch geschoben, ohne etwas dafür zu bekommen.

Isoliert sich die Schweiz in Europa?
Nein, wir sehen das viel zu negativ. Die Schweiz hat im Ausland nach wie vor einen hervorragenden Ruf und stösst auf Verständnis. Man sagt mir auch in der EU: Nicht die Schweiz hat ein Problem, sondern die EU. Ich beobachte grosse Zerfallserscheinungen.

Die EU zerfällt?
Schauen Sie sich die Flüchtlingskrise an. Da schliessen einzelne Mitgliedsländer, sogar sozialistisch regierte, die Grenzen – und die EU kann nicht reagieren, ist völlig gelähmt. Die EU wird sich entscheiden müssen, wohin sie sich entwickeln will: Zwei Schritte zurück zu einem lockeren Staatenbund oder zwei Schritte vorwärts zu einem richtigen Bundesstaat. Man kann nicht eine gemeinsame Währung haben, aber keine gemeinsame Wirtschafts- und Steuerpolitik und keine nationalen Budgets.

Ist das Nein zur Durchsetzungsinitiative ein Zeichen, dass sich die Bevölkerung nicht von der EU isolieren will?
Das wäre vielleicht ein bisschen viel hineininterpretiert. Aus meiner Sicht kam das Nein zustande, weil der Ermessensspielraum für die Richter praktisch aufgehoben worden wäre und der Automatismus sehr strikt ausgelegt war. Zudem ist eine massive Gegenkampagne gefahren worden.

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