«Leichtfertiger Ausverkauf»

Patrik Müller

Patrik Müller ist Chefredaktor der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 06. Februar 2016 23:29

«Wahres Unternehmertum ist nicht geldgetrieben»: Peter Nobel. Foto: Mario Heller


Von Holcim bis Syngenta: Wirtschaftsanwalt Peter Nobel über die Übernahmen von Schweizer Firmen durch Ausländer.

Herr Nobel, die Verkäufe von Schweizer Firmen ins Ausland häufen sich. Ist es überhaupt wichtig, ob die Aktionäre im In- oder Ausland sitzen, solange das Unternehmen selbst in der Schweiz bleibt?
Peter Nobel: Man muss die Situation für jeden Fall einzeln beurteilen. Aber wenn der kontrollierende Mehrheitsaktionär ein ausländischer Konzern ist, dann bringt das aus Schweizer Sicht schon Nachteile mit sich, die möglicherweise unterschätzt werden. Die Schweiz ist wirtschaftlich eine Macht – noch. Ein Teil der wirtschaftlichen Macht eines Landes beruht darauf, die Kontrolle über die eigenen Assets (Vermögenswerte; die Red.) zu haben. Wenn diese verloren gehen, verliert ein Land zunehmend auch seine Unabhängigkeit.

Inwiefern wird es dadurch geschwächt?
Ich halte es zum Teil für fragwürdig, wie wir Wirtschaftsfaktoren unter ausländische Kontrolle geben. Gerade auch, weil wir ein kleines Land sind. Die Schweiz lebt von ihrem Know-how, ihrem Qualitätsdenken, ihrer Reputation und ihrer Innovationskraft. Solche Werte sind ein Stück weit mit der Eigentümerschaft verbunden. Wenn diese verloren geht, können sich auch unsere Werte verflüchtigen. Andere Länder – zumal die USA und China – geben ihre Wirtschaftsfaktoren nie und nimmer so unüberlegt preis. Bei uns findet bisweilen ein leichtfertiger Ausverkauf statt.

Das sagen Sie als Liberaler?
Absolut. Ich bin dagegen, dass der Staat verhindert, dass Ausländer die hiesigen Firmen übernehmen – hier würde ich beispielsweise China nie als Vorbild sehen. Aber ich bin dafür, dass wir uns der Folgen bewusst werden, und dieses Bewusstsein fehlt leider in vielen Unternehmen. Das begann schon vor längerem: Dass die Winterthur-Versicherung – ein stolzes, traditionsreiches Unternehmen – in einen französischen Konzern integriert wurde, war nicht notwendig. Gleiches gilt meines Erachtens für den Zusammenschluss von Holcim mit Lafarge. Anders sieht es bei Unternehmen aus, bei denen Skaleneffekte eine Rolle spielen und die sich aus eigener Kraft nicht mehr optimal entwickeln können.

Firmen wie Axa Winterthur, LafargeHolcim oder auch General Electric (früher Alstom) haben aber nach wie vor wichtige Stellungen in der Schweiz.
Ja, aber man hat auch gesehen, dass Arbeitsplätze oft ohne grosse Rücksichtnahme verlagert werden. Es entscheidet eine ausländische Kommandozentrale, und deren Interessenabwägung verläuft anders.

Wenn der Ausverkauf weitergeht – wohin führt das?
Angenommen, der Standort Schweiz würde fast nur noch grössere Unternehmen beherbergen, die Teil ausländischer Konzernorganisationen sind, dann droht er zu einem Satelliten zu werden. Diese Gesellschaften sind dann nur so lange hier, als die Rahmenbedingungen aus ihrer Sicht stimmen. Sonst sind sie schnell weg.

Was bedeutet es, wenn – wie bei Syngenta – kein freies Unternehmen, sondern letztlich ein fremder Staat die Kontrolle übernimmt?
Die erwähnten Probleme verschärfen sich dann noch. China ist nun mal kein liberales Wirtschaftssystem – es ist eine politisierte Bürokratie. Und diese hat letztlich den Durchgriff auf ihre Unternehmen. Ein chinesisch beherrschtes Unternehmen ist ein Anhängsel des Staatsapparats und dient der Rohstoff- und Know-how-Beschaffung.

Verkäufe ins Ausland gibt es nicht nur bei Grossunternehmen . . .
Das ist richtig. Manchmal haben Familienunternehmen ein Nachfolgeproblem, das gelöst wird, indem man zum besten Preis ins Ausland verkauft. Es ist der Weg des geringsten Widerstands.

Zum besten Preis verkaufen – so funktioniert doch Marktwirtschaft?
Ich rede von Unternehmertum. Und wahres Unternehmertum, so behaupte ich, ist nicht geldgetrieben. Sonst hätten wir schon lange keine tollen, eigenständigen Unternehmen mehr. Schindler oder Bühler Uzwil, das sind Weltfirmen, die man schon lange zu horrenden Preisen hätte verscherbeln können. Doch es sind nach wie vor selbstständige Unternehmen mit Schweizer Dominanz. Das ist sehr gut für unser Land und erhöht dessen Stabilität.

Schwingt da nicht vor allem Nostalgie mit?
Vielleicht. Der Stolz auf die eigenen Unternehmen ist nichts Schlechtes, und Emotionen helfen, ein Bewusstsein für ein Problem zu schaffen. Das sah man, als Valser an Coca-Cola verkauft wurde und Mario Botta, der die Flasche gestaltet hatte, sich darüber aufregte.

Früher waren Stellen in internationalen Konzernen äusserst begehrt, während KMU oft Mühe hatten, Leute zu finden. Wird sich das in diesem Zusammenhang ändern?
Ich habe den Eindruck, dass die Mitarbeiter in KMU wahrscheinlich zufriedener sind als in Grossunternehmen, die bürokratische Kolosse sind und wo die Entscheidungen weit weg vom eigenen Arbeitsplatz fallen. Volkswirtschaftlich betrachtet, halte ich eine dezentrale Wirtschaft ebenfalls für ein positives Strukturmerkmal, das stabilisierend wirkt.

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