Löhne: Kritische Studie weggewischt

Beat Schmid

Beat Schmid ist stv. Chefredaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 09. Januar 2016 23:30

Simonetta Sommaruga am 18. November 2015 an der Medienkonferenz, wo sie den Entwurf für eine Änderung des Gleichstellungsgesetzes vorstellte.


Bundesrätin Simonetta Sommaruga spricht gern von Lohndiskriminierung. Doch gibt es das überhaupt?

Bundesrätin Simonetta Sommaruga kennt die Zahlen auswendig. Frauen verdienen 21,3 Prozent weniger als Männer für «gleichwertige Arbeit». 40 Prozent davon oder 678 Franken pro Monat sei das Ergebnis von «Lohndiskriminierung», die es 30 Jahre nach Einführung des Gleichstellungsartikels endlich zu überwinden gelte.

Diese Aussagen machte die Justizministerin an einer Medienkonferenz vom 18. November, an der sie den Entwurf für eine Änderung des Gleichstellungsgesetzes vorstellte. Die Gesetzesänderung soll alle Unternehmen ab 50 Mitarbeitern zu systematischen Lohnkontrollen verpflichten. Doch werden Frauen tatsächlich in diesem Umfang aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert? «Bundesrätin Sommaruga hat den Begriff ‹Lohndiskriminierung› an der Medienkonferenz im Sinne einer Vereinfachung gewählt», sagt ihr Mediensprecher Lorenz Frischknecht auf Anfrage.

Wie sich zeigt, eine sehr starke Vereinfachung. Tatsächlich ist es sehr schwierig und komplex, Löhne zu analysieren. In der Wissenschaft ist man deshalb sehr vorsichtig mit dem Begriff «Lohndiskriminierung». Man spricht lieber von «unerklärbaren Lohnunterschieden». So steht es auch in einer 130-seitigen Studie der Universität St. Gallen, die das Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann in Auftrag gegeben hat.

Die Studienautorin Christina Felfe vom Schweizerischen Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Universität St. Gallen kommt darin zu überraschenden Ergebnissen. Die Kritik setzt bereits bei der statistischen Methode an, mit der die Löhne verglichen werden. Der Bund stützt sich im Wesentlichen auf die Lohnstrukturerhebung, die das Bundesamt für Statistik alle zwei Jahre durchführt. Diese fragt bei der Erwerbsbevölkerung folgende Punkte ab: Potenzielle Erwerbserfahrung, höchste abgeschlossene Ausbildung, Anzahl Dienstjahre im Betrieb, Zivilstand, Nationalität, berufliche Stellung, Kompetenzniveau, Tätigkeitsbereich, Firmengrösse, Branche, Region, Arbeitspensum.

Dies ist aber nicht «state of the art» und erfasse wesentliche Variablen nicht, die aber einen Grossteil der Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau erklären, heisst es in der Studie. Einer der wichtigsten Punkte: Der Bund erhebt die effektive Berufserfahrung der Frauen nicht, sondern eben nur die sogenannt «potenzielle Berufserfahrung» (Alter minus 15 Jahre). Dieser feine Unterschied hat aber einen «entscheidenden Anteil an der Lohnungleichheit» zwischen Mann und Frau, so die Studie. Weitere Faktoren, die den Lohnunterschied erklären und vom Bund ausgeblendet werden: Anzahl Jobwechsel, Arbeitszeitmodelle (Schicht-, Abend- oder Nachtarbeit), physische und psychische Belastung.

Zur «Schweiz am Sonntag» sagt die Studienautorin: «Statistische Methoden erlauben keinen Rückschluss auf Diskriminierung, sondern nur auf unerklärbare Unterschiede. Das kann Diskriminierung sein, muss aber nicht. Es gibt auch andere, nicht diskriminierende Faktoren, die einen Lohnunterschied bestimmen, zum Beispiel unterschiedliche Präferenzen.» Die Wirtschaftsprofessorin sagt: «Ein wichtiger erklärender Faktor für Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern ist die unterschiedliche Arbeitserfahrung. Hauptgrund hierfür ist die unterschiedliche Verantwortung für die Kinderbetreuung. Analysen, welche die Anzahl der Kinder berücksichtigen, können den unerklärten Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern beträchtlich reduzieren. Dieser wissenschaftliche Befund kann für die Schweiz empirisch bestätigt werden.» Die St. Galler Wissenschafterin ist überzeugt, dass Lohnungleichheit zwischen Frauen ohne Kinder und Männern nicht sehr gross ist. «Meiner Meinung nach tritt eine gravierende Ungleichbehandlung zwischen Frauen und Männern vor allem dann auf, wenn Kinder ins Spiel kommen.»

Sommaruga scheint von den Ergebnissen und Empfehlungen der St. Galler Studie nichts wissen zu wollen. Auf der Website zur Medienkonferenz vom 18. November ist die Studie nicht aufgeschaltet. Auch auf der Online-Präsenz des Gleichstellungsbüros ist die kritische Studie nur sehr schwer auffindbar. Die Studie, die einen wichtigen Beitrag zur Gleichstellungsdebatte liefert und Lösungsansätze aufzeigt, wie die unterschiedliche Entlohnung von Frau und Mann besser erklärbar gemacht werden können, wird so einfach weggewischt.

Die Empfehlungen der Studie, weitere Faktoren wie effektive Berufserfahrung bei der Lohnanalyse zu berücksichtigen, werden in den Wind geschlagen. Wird das Gleichstellungsgesetz um Lohnkontrollen erweitert, wie dies Simonetta Sommaruga verlangt, kommen auf Firmen gemäss einer groben Schätzung des Beratungsbüros Infras Zusatzkosten in der Höhe von einer Milliarde Franken zu. «Volkswirtschaftlich gesehen handelt es sich bei diesen Korrekturmassnahmen nicht um eigentliche Regulierungskosten, sondern um einen Umverteilungseffekt zugunsten der Frauenlöhne», heisst es bei Infras.

Christina Felfe sagt dazu: «Ich stehe nach wie vor hinter der Studie. Doch sie ist nicht hinreichend, um daraus politische Empfehlungen abzuleiten, die darauf hinauslaufen sollen, Geschlechterdiskriminierung in der Beschäftigung und im Lohn in der Schweiz zu beseitigen.» Felfe ist überzeugt, dass man an einem ganz anderen Hebel ansetzen muss: «In der politischen Diskussion wird das grundlegende Problem für Lohnungleichheit nicht behandelt. Das Kernproblem wird ignoriert – die institutionellen Rahmenbedingungen erlauben keine gleichberechtigte Teilnahme von Frauen und Männern beziehungsweise von Müttern und Vätern am Erwerbsleben.»

Laut Felfe stellt der für Frauen reservierte Mutterschaftsurlaub die Weichen für die spätere Aufgabenteilung in der Familie. «Fehlende Subventionen für die familienergänzende Betreuung sowie die gemeinsame Besteuerung von Ehepaaren sind negative Anreize für die Erwerbstätigkeit des Zweitverdieners, welcher zumeist die Frau ist. Solange an diesen Schrauben nicht gedreht wird, ist eine Gleichstellung von Mann und Frau am Arbeitsmarkt nicht in Reichweite.»

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