Ringen um Gisels zweiten Plan

Von Niklaus Vontobel


Samstag, 11. Februar 2017 23:28

Nächster Vorstoss: Patrik Gisel, Chef der Raiffeisenbank, scheiterte beim ersten Versuch an Finma-Direktor Mark Branson (rechts). Foto: Heller/Iseli


Raiffeisen-Chef Patrik Gisel will doch noch Hypotheken erleichtert vergeben – die Aufsicht schaut genau hin.

Patrik Gisel musste seinen Plan aufgeben, jungen Familien den Zugang zu Hypotheken zu erleichtern. Der Raiffeisen-Chef wurde von der Finanzmarktaufsicht Finma zurückgepfiffen. Das gab Gisel letzte Woche bekannt. Dabei ging unter, dass er einen zweiten Plan hat. «Wir suchen nach neuen Wegen», sagte Gisel dieser Zeitung. «Wir könnten etwa Hypotheken über regulatorisch vorgesehene Ausnahmen speziell für junge Familien anbieten.»

Gisel will diese Regel nutzen: Die Finma gestattet den von ihr beaufsichtigten Instituten, in Ausnahmefällen auch dann Hypotheken zu vergeben, wenn die Vorschriften eigentlich verletzt wären. Von solchen Ausnahme-Hypotheken – im Jargon «execptions to policy» – macht Raiffeisen derzeit wenig Gebrauch. Das könnte sie nun ändern.

Im Detail ginge das so: Raiffeisen Schweiz muss als Zusammenschluss von rund 300 Genossenschaftsbanken ausweisen, wie viele Ausnahmen sie gewährt; gemessen an den total vergebenen Hypotheken. Aus dieser Quote für Raiffeisen Schweiz wird abgeleitet, wie viele Ausnahmen die einzelne Genossenschaftsbank machen darf. So könnte Raiffeisen Schweiz gar mehr als die unter dem ersten Plan vorgesehenen 5 Milliarden Franken an Hypotheken erleichtert vergeben.

Bei Ausnahme-Hypotheken könnte die 5-Prozent-Tragbarkeitsregel unterschritten werden. Junge Familien dürften also mehr als einen Drittel des Einkommens für die Zinsen ausgeben, wenn ein 5-Prozent-Zins angenommen würde. Hingegen würde Raiffeisen von den Familien verlangen, die Hypothek schneller zurückzahlen. Die sehr tiefen Zinsen ermöglichen ihnen dies.

Ein hoher Raiffeisen-Manager ist zuversichtlich: «Gegen den Weg über die ‹exceptions to policy› kann die Finma nun wirklich nichts einwenden.» Doch auf Anfrage gibt die Behörde eine Stellungnahme ab, die diesen Optimismus nicht stützt. Auch um Gisels nächsten Vorstoss wird gerungen werden.

Finma-Sprecher Tobias Lux hält zwar fest, die Finma äussere sich wie üblich nicht zu einzelnen Produkten von Beaufsichtigten. Doch aus den allgemein gehaltenen Statements lässt sich die Position des Regulators herauslesen. So seien «Exceptions für begründete Ausnahmefälle vorgesehen, die eine besondere Behandlung rechtfertigen». Sie seien für die Finma ein wichtiger Indikator. So werde etwa beobachtet, wie sich die Zahl der gewährten Ausnahmen verändere. «Gibt es hier Auffälligkeiten, geht die Finma diesen Ausnahmen nach und ergreift, wo nötig, Massnahmen.»

Finma kontrolliert sehr genau
Die Finma schaut, ob Raiffeisen mit System vorgeht. Also ob die Bank systematisch etwa von der 5-Prozent-Tragbarkeit abweicht. Dann würde die Finma verlangen, dass Raiffeisen für Ausnahme-Hypotheken mehr Eigenkapital hält. Das würde deren Vergabe verteuern. Ob das Raiffeisen stoppt, ist unklar. Der erste Plan wurde laut Raiffeisen nicht wegen der Androhung höherer Eigenkapital-Forderungen aufgegeben.

Die Statements der Finma zeigen: Sie achtet peinlich genau auf die Einhaltung der Regeln. «Die über mehrere Jahre aufgebauten Überhitzungsrisiken im Immobilienmarkt bestehen weiterhin», so Sprecher Lux. Daher sei es notwendig, konsequent die Regeln zu Tragbarkeit, Belehnung und Amortisation einzuhalten. «Entsprechend steht die Finma einer Lockerung der Tragbarkeitsstandards ablehnend gegenüber und kommuniziert dies auch gezielt gegenüber Instituten.»

Gelockerte Selbstregulierungsvorgaben können dazu führen, das Hypothekarkredite von Haushalten abgeschlossen würden, die sie sich längerfristig nicht leisten können, sagt Lux. «Mit den entsprechenden negativen Konsequenzen für Bankbilanzen, den Hypothekarmarkt und nicht zuletzt für die betroffenen Kunden.» Eine Lockerung könne zudem «eine Beschleunigung am Hypothekarmarkt auslösen mit unvorhersehbaren Folgen».

Die Schweiz sei mit ihren Bestimmungen für den Hypothekarmarkt seit vielen Jahren sehr gut gefahren, sagt Lux. «Die Finma setzt sich dafür ein, dass dies nicht aufs Spiel gesetzt wird.»

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