SBB warten verspätete Anschlüsse nicht mehr ab

Von Stefan Ehrbar


Samstag, 24. Oktober 2015 23:30

Einfahrt des ICN in Zürich. Er dürfte künftig keine Anschlüsszüge mehr abwarten. Foto: Gaetan Bally / Keystone


Das Warten überfordert das hoch belastete Bahnsystem – die Bahn erhofft sich erhöhte Pünktlichkeit

Der Zug will und will nicht abfahren. Die Durchsage soll Verständnis wecken: «Grund für die Verspätung ist das Abwarten eines verspäteten Anschlusszuges». SBB-Pendler kennen die Situation.

Doch mit der zugsübergreifenden Solidarität könnte bald Schluss sein. Denn das Abwarten von Anschlüssen führt im hoch belasteten Bahnsystem Schweiz zu immer mehr Problemen. Die SBB müssen abwägen. Letztes Jahr klappten die Anschlüsse in über 97 Prozent der Fälle. Dafür erreichte jeder achte SBB-Kunde sein Ziel mit einer Verspätung von über drei Minuten.

Nun testen die Bundesbahnen die Nulltoleranz. In einem neuen Pilotprojekt, welches bis Mitte Dezember dauert, warten Fernverkehrszüge im Dreieck Zürich−Bern−Basel keine Anschlüsse mehr ab. Der Test läuft wochentags von Betriebsbeginn bis kurz vor 20 Uhr. «Zu diesen Zeiten haben wir nicht nur ein stark ausgelastetes Schienennetz, sondern auch ein stark ausgebautes Fahrplanangebot», sagt SBB-Sprecherin Lea Meyer. «Wenn Reisende einen Anschluss verpassen, haben sie in der Regel innert kurzer Zeit einen anderen Anschluss an ihr Ziel». Mit dem Pilotprojekt wollen die SBB testen, ob mit kurzen Wartefristen Folgeverspätungen vermieden werden können. Damit soll die Pünktlichkeit im ganzen Netz gesteigert werden.

Die Fernverkehrszüge werden immer länger und schwerer. Das wirkt sich auf das Beschleunigungsverhalten aus und macht die Züge langsamer. Hinzu kommen, nicht zuletzt wegen dem hohen Nachholbedarf bei der Infrastruktur, zahlreiche Baustellen, welche die Züge weiter ausbremsen. «So lassen sich auch kleine Verspätungen bis zum nächsten Knotenbahnhof nicht aufholen», sagt SBB-Sprecherin Meyer. Fahrplananalysen hätten gezeigt, dass die Pünktlichkeit auf dem ganzen Netz erhöht werde, wenn die Wartefristen der Züge knapp seien. Vom Pilotprojekt erhoffe man sich eine Bestätigung dieser Erkenntnisse.

Ziel seien «insgesamt mehr gesicherte Anschlüsse und damit auch mehr zufriedene Kunden». Oftmals werde ein Abschluss abgewartet, der nur wenige Reisende betreffe – für alle anderen Reisenden aber zu Verspätungen führe. Auf Entschädigungszahlungen habe der Test keine Auswirkungen. Denn die sogenannten «Sorry-Checks» gibts bei den SBB erst ab einer Stunde Verspätung, auf den wichtigsten Schweizer Fernverkehrs-Achsen gilt mittlerweile der Halbstundentakt. Sollte das Projekt ausgedehnt werden, weisen Insider auf die Problematik internationaler, seltener verkehrender Züge hin, bei denen ein Anschlussbruch mehrstündige Verspätungen und Entschädigungen mit sich bringen könnte – und verärgerte Kunden im kriselnden Auslandsgeschäft.

In den ersten drei Quartalen betrug die SBB-Pünktlichkeit 87,9 Prozent. In der kritischen Region Zürich werden im Dezember nun diverse S-Bahn-Linien getauscht und verlangsamt. Die S3 und S5 erhalten beispielsweise auf den Strecken Uster–Hardbrücke und Dietlikon–Altstetten zwei Minuten mehr Zeit. Auch so können Züge pünktlicher werden.

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