Mit dem Schiff kam der Tod

Von Niklaus Vontobel


Samstag, 31. Dezember 2016 23:30

Die chinesische Billiglohn-Konkurrenz traf die lokale Wirtschaft in den US-Industrieregionen mit voller Wucht: Ein Container-Schiff bringt Waren in den Hafen von New York. Foto: Mark Lennihan/Keystone


Der freie Handel verursacht weit mehr menschliches Leid, als es die Ökonomen bisher wahrhaben wollten.

Also doch. Nun bestätigen seriöse Ökonomen, worüber zuvor in der US-Politik nur Donald Trump hinausposaunte. Der freie Handel mit China hat die USA einige Millionen von Industrie-Jobs gekostet. Das Leben Tausender Industriearbeiter und ihrer Familien wurde zerstört.

In den besonders betroffenen Industrieregionen ist gar eine steigende Sterblichkeit feststellbar. Der freie Handel mit China war für viele Menschen buchstäblich tödlich.
Lange behauptete die Ökonomen-Zunft: der freie Handel sei ein Gewinn für alle beteiligten Länder. Ihre Modelle würden zwar zeigen, es könne Verlierer geben. Aber gemäss ihren Daten seien die Verluste moderat. Ein geringer Lohndruck für Niedrigqualifizierte; Jobs würden kaum welche verschwinden, und wenn, entstünden neue im Export.

Also klatschen die Ökonomen fleissig Beifall, als 2000 Präsident Bill Clinton den Handel mit China dauerhaft liberalisierte.

Jahre später liegen zu diesem historischen Experiment die Resultate vor. In verschiedenen Studien wurden die Daten für einzelne Gemeinden und Regionen ausgewertet. Eine Arbeit mit dem Titel «China-Schock» gilt als wegweisend, sie habe – so die Newsagentur Bloomberg – die Welt der Ökonomen durchgeschüttelt. Zahlreiche Mythen zum freien Handel werden zu Grabe getragen.

Negative Folgen würden, wenn überhaupt, breit verteilt in den ganzen USA anfallen, so die Ökonomen. Also überall ein wenig, niemand kommt unter die Räder.

Tatsächlich traf die chinesische Billiglohn-Konkurrenz die lokale Wirtschaft in den amerikanischen Industrieregionen mit voller Wucht. Zahlreiche Fabriken mussten auf immer schliessen, die Arbeitslosigkeit stieg lokal sehr stark an.

Bis zu 2,4 Millionen Jobs weg
Der Arbeitsmarkt fange den Schock auf, hiess es, er gilt als superflexibel. Doch Hunderttausenden Arbeitern misslang der Wechsel zu einem neuen Job; in einer anderen Branche oder Region. Auch zehn Jahre später ist die Arbeitslosigkeit lokal deutlich höher als vor dem China-Schock.

Entlassene Arbeitnehmer erlitten dadurch dauerhafte Einkommensverluste oder mussten vom Staat unterstützt werden. Für die weisse Arbeiterklasse war dies eine Katastrophe, für sie sind industrielle Jobs besonders wichtig.

Mit den Gewinnen durch den freien Handel könnten die Verlierer entschädigt werden, so die Ökonomen. In der Realität geschah dies nicht. Zwar gibt es tatsächlich Transferzahlungen für wirtschaftlich geschädigte Regionen. Aber damit wurden nur etwa 15 Prozent der Einkommensverluste ausgeglichen.

Es würden neue Jobs entstehen und die Job-Verluste somit wieder gutgemacht. Immerhin gewannen die amerikanischen Unternehmen ja freien Zugang zum chinesischen Mega-Markt. Daraus wurde nichts. Eine Studie schätzt, dass die USA unter dem Strich bis zu 2,4 Millionen Industrie-Arbeitsplätze verloren.

Total daneben lagen die Ökonomen mit der generellen Einschätzung, der Handel habe nur harmlose Folgen für den Arbeitsmarkt. Nach der Schliessung von Fabriken bekamen zahlreiche Industriearbeiter ihr Leben nicht mehr in den Griff.

Es ist daher selbst ein Zusammenhang zwischen dem China-Schock und der regionalen Sterblichkeit zu erkennen. Gemäss einer Studie starben pro hunderttausend Einwohner jährlich rund 14 Menschen mehr an internen Todesursachen – etwa Krebs oder Lungenerkrankungen – als vor dem China-Schock.

An Selbstmorden oder unabsichtlicher Vergiftung – etwa durch eine Überdosis an Drogen, häufig starke Schmerzmittel – starben jährlich 3,3 Menschen mehr.

Der China-Schock gilt nun als eine Erklärung für ein bisheriges Mysterium. Weisse Amerikaner ohne Universitätsabschluss sterben plötzlich häufiger bereits im mittleren Alter. Davor war dieses Risiko über Jahrzehnte zurückgegangen.

Was all diese Studien beschrieben, ist ein soziales Desaster für die betroffenen Regionen. Und vielleicht gar ein wirtschaftliches Null-Geschäft für die gesamten USA. Eine Studie kommt zumindest auf einen wirtschaftlichen Nettonutzen von nahezu null; also selbst wenn der Nutzen für die Konsumenten durch billige China-Produkte einbezogen wird.

Für eine positive Bilanz hätte den USA die Anpassung an den China-Schock gelingen müssen. Arbeiter hätten neue Jobs finden müssen, Branchen hätten durch die Exporte nach China gestärkt werden müssen.

Der Spruch auf der Kappe
Dazu kommen die politischen Kosten. Die Ökonomen stellten in den Industrieregionen bereits vor der Präsidentschaftswahl eine politische Polarisierung fest – getrieben durch den China-Schock. Die rechtspopulistische Tea-Party gewann an Stärke. Folgerichtig stimmte die weisse Arbeiterklasse überwältigend für Donald Trump.

Die Demokraten wollten vor den Wahlen lieber nicht über den freien Handel reden. Sie hatten den freien Handel mit China unterstützt, die Nebenwirkungen unterschätzt. Präsident Barack Obama hatte gar ein neues Abkommen vorangetrieben.

Der Showman Donald Trump hingegen sprach in jeder Rede über das Verschwinden von Jobs. Sein «Make America Great Again» – immerzu auf dem roten Käppchen zu sehen – war sein Versprechen an die Wähler in den Industriestaaten. Dass er den Industrieregionen tatsächlich helfen kann – das glaubt in den USA kaum ein ernstzunehmender Ökonom.

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