Schweiz soll Apples Testmarkt werden

Michael Heim

Michael Heim ist Redaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag»


Samstag, 20. September 2014 23:30


Die Kreditkartenfirmen setzen auf eine Allianz mit Apple Pay – Swisscoms Tapit hat einen Fehlstart hingelegt.

Die Kreditkarten-Banken wollen erreichen, dass die Schweiz zum Apple-Pay-Testland wird. Das sagt Roland Zwyssig, Marketing-Chef der Kartengesellschaft Viseca/Aduno. «Wir sind in engem Kontakt mit den Kreditkartenfirmen Visa, Amex und Mastercard. Und wir planen im Oktober ein Meeting mit Apple.»

Natürlich wollten alle Länder die Ersten sein, die das neue Handy-Zahlsystem von Apple in Europa einführen können. Aber die Schweiz habe reelle Chancen, sagt Zwyssig. «Wir sind das Land mit dem zweithöchsten Anteil an Funkterminals an den Kassen, die für Apple Pay nötig sind. Und wir haben mehrfach gezeigt, dass wir mit unserer Grösse ein guter Testmarkt sind.»

Den Banken geht es nicht nur um das Prestige. Es geht ihnen auch darum, gegen die Swisscom zu gewinnen.

Der halbstaatliche Telekom-Konzern hatte Anfang Juli formell das HandyZahlen in der Schweiz lanciert. Wer die App Tapit installiert hat und eine passende Kreditkarte besitzt, muss an der Ladenkasse seither nur noch das Telefon ans Terminal halten, und schon hat er bezahlt. Eine spezielle SIM-Karte der Swisscom sorgt im Telefon dafür, dass die Bezahlung autorisiert wird. Die Telekom-Firmen Orange und Sunrise wollen bis Ende Jahr mitziehen und den Dienst ihren eigenen Kunden anbieten.

Doch Tapit ist schlecht gestartet. Nur gerade etwas über 5000 Mal wurde die Software in den fast drei Monaten seit dem Start im Google-Store heruntergeladen – bei mehr als 10 Millionen Schweizer Handys. Und die Bewertungen sind schlecht: 2,5 von 5 Sternen erhält Tapit. Mehr als die Hälfte der User gibt nur einen Stern, denn bei vielen läuft die App noch gar nicht.

Die Swisscom sagt nicht, wie viele Tapit-SIM-Karten sie bisher ausgestellt hat. Es dürften nicht allzu viele sein. Sprecher Carsten Roetz gibt sich optimistisch: Tapit stecke noch «in den Kinderschuhen». Man glaube aber an das Potenzial und gebe Tapit gute Chancen.

Der harzige Start hat verschiedene Gründe. Zunächst mal fehlen die Kunden von Orange und Sunrise, die bisher nicht teilnehmen können. Ferner gibt es die App nur für das System Android. Besitzer eines Apple-, Blackberry- oder Windows-Telefons fallen weg. Bei Apple dürfte das auch so bleiben, deuten doch erste Meldungen aus den USA darauf hin, dass Apple neben seinem eigenen Apple Pay keine anderen Zahlfunktionen auf die neuen iPhones der Serie 6 lassen will. Und frühere Apple-Telefone beherrschen die für Tapit notwendige NFC-Funktechnologie noch gar nicht.

Selbst Android-Kunden werden teilweise enttäuscht. Viele Geräte sind noch nicht von den Kreditkartenfirmen Visa und Mastercard zertifiziert. Sie werden nur Schritt für Schritt freigegeben. Google-Handys der Nexus-Reihe werden zudem gesperrt bleiben, da Google seine eigene Zahlfunktion Google Wallet wie Apple vor Konkurrenz schützen will.

Auch Prepaid-Kunden können noch keine Tapit-SIM-Karte beziehen. Zwar hat Swisscom das per August versprochen. Ab wann das Versprechen eingelöst wird, kann Swisscom-Sprecher Roetz aber «momentan noch nicht sagen».

Zudem legen sich die Kreditkartenfirmen quer. Sie machen entweder nur widerwillig oder gar nicht bei Tapit mit, wie Recherchen zeigen. Momentan funktioniert die Swisscom-App lediglich mit vier Visa-Karten der Cornèr Bank. Ab dieser Woche stösst Aduno/Viseca dazu, wie Marketingchef Zwyssig sagt.

Die UBS mit mehr als einer Million Kreditkarten hingegen befindet sich noch immer in Tests. Und andere haben bereits abgesagt. Cembra (Migros Cumulus) mit 570 000 Karten, Postfinance mit 350 000 Karten und die Credit-Suisse-Tochter Swisscard mit mehr als einer Million Kreditkarten unterstützen Tapit nicht, wie sie auf Anfrage sagen.

Die Zurückhaltung hat einen Grund: Im Stillen arbeiten die Banken an einem Konkurrenzsystem mit dem Projektnamen SwissALPS. Dieses solle «offener» sein als Tapit, sagt Swisscard-Entwickler Tobias Ott. Konkret soll es ohne die Mitbestimmung der Telekomfirmen funktionieren, welche bei Tapit eine zentrale Rolle spielen.

Apple Pay hat die Banken in ihrem Vorhaben bestärkt. «Es hat sich gezeigt, dass man Handyzahlungen auch ohne eine spezielle SIM-Karte abwickeln kann», sagt Aduno-Manager Zwyssig. Zwar läuft bereits ein Test mit einer Pilotversion mit SIM. Man habe nun aber beschlossen, noch eine SIM-freie Version zu entwickeln, sagt Zwyssig. Ziel sei eine Plattform, in die alle möglichen Zahlungssysteme – wie etwa auch Apple Pay – integriert werden können. Und die von einem branchenweiten Konsortium gesteuert wird. Sprich: von den Banken.

«Die Zukunft wird ohne SIM funktionieren», sagt Zwyssig. «Bringen nicht wir eine solche Lösung, tuts ein ausländischer Anbieter.» Und sollte es den Banken gelingen, eine Kooperation mit Apple einzugehen, dürfte es für Swisscoms Tapit schwierig werden.

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