SNB: 30 Milliarden Jahresverlust

Beat Schmid

Beat Schmid ist stv. Chefredaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 02. Januar 2016 23:31


Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses blähten sich die Devisenanlagen weiter auf – sie betragen 587 Milliarden Franken.

Seit dem 15. Januar 2014 ist in der Schweiz vieles anders. Seit jenem Tag , als die Nationalbank (SNB) den Euro-Mindestkurs aufhob. Wichtige Wirtschaftsindikatoren haben nur eine Richtung gekannt: nach unten. Die Konsumentenstimmung sank ebenso wie die Exporte und die Gästezahlen in den Bergen. Uhrenunternehmer Nick Hayek schrieb in einem Gastbeitrag für die «Schweiz am Sonntag» letzte Woche: «Unsere Währungshüter von der braven, etwas biederen Nationalbank haben uns deutlich gezeigt, wie schwach wir mittlerweile geworden sind.» Er wirft ihnen vor, in einer Welt der Theorien, der Rechtfertigungen zu leben, die von Ratlosigkeit, Mutlosigkeit und mangelnder Kreativität zeugen würden.

In zwei Wochen jährt sich die Aufhebung des Mindestkurses von Fr. 1.20 pro Euro. Über die Folgen dieses Entscheids für die Schweizer Wirtschaft wurde viel geschrieben und debattiert, doch was sind die Auswirkungen auf die SNB selbst? Steht die Notenbank nun auf sichereren Beinen, wie sich das SNB-Direktoriumspräsident Thomas Jordan erhofft hat?

Tatsache ist zunächst einmal: Seit dem 15. Januar schreibt die SNB weiterhin grosse Verluste. Weil der Franken stärker wurde, werteten sich die Devisenreserven in Euro, Dollar, Pfund und anderen Währungen deutlich ab. Die Verluste summierten sich bis Mitte Jahr auf pyramidale 50 Milliarden Franken. Dann liefen die Märkte bis Ende September für die Nationalbank: Die Verluste konnten auf 33,6 Milliarden Franken reduziert werden. Das letzte Quartal wiederum lief eher gegen die Nationalbank. Aus den Kursverläufen der letzten drei Monate lässt sich herauslesen: Die Europositionen dürften in den letzten drei Monaten an Wert verloren haben (am 31. Dezember lag der Euro-Franken-Kurs bei 1.08, per Ende September bei 1.09). Bei den Dollaranlagen gibt es einen leichten Gewinn. Die Goldbestände werteten sich weiter ab (minus 3 Prozent). Die Aktienmärkte legten leicht zu. Einnahmen generierten die umstrittenen Negativzinsen, welche die Nationalbank den Banken auf geparktem Cash abknöpft.

Über das ganze Jahr betrachtet, dürfte die Nationalbank einen Rekordverlust von 30 Milliarden Franken eingefahren haben. Diese Summe entspricht etwa 5 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung (BIP). Zum Vergleich: Im Jahr 2014 -- noch mit dem Mindestkurs -- hatte ein Rekordgewinn von 38 Milliarden Franken resultiert. Das Ergebnis 2015 ist rund 70 Milliarden Franken schlechter als noch vor einem Jahr. Wäre die Nationalbank eine normale Geschäftsbank, wäre das gesamte Top-Management längst in die Wüste geschickt worden.

Durch die riesigen Verluste 2015 wird das Eigenkapital der SNB stark dezimiert. Die Ausschüttungsreserven werden durch den Milliardenverlust voraussichtlich ins Negative gedrückt. Das hat zur Folge, dass die Ausschüttungen an Bund und Kantone ins Wasser fallen können. Dabei haben viele Kantone die Einnahmen bereits ins Budget eingeplant.

Der Entscheid der Nationalbank, den Mindestkurs aufzuheben, war unter anderem getrieben von der Angst um die eigene Bilanz. Vor einem Jahr öffnete die Europäische Zentralbank die Geldschleusen mit dem Ziel, den Euro zu schwächen. Die Anleger flüchteten in den Franken. Die SNB musste ab Ende November 2014 am Markt intervenieren, nachdem die Untergrenze während langer Zeit ohne Eingreifen gehalten hatte. Die Devisenreserven schwollen innerhalb von kurzer Zeit an. Im Dezember 2014 wurde der Druck auf den Franken immer grösser. Die SNB wendete Milliarden zur Stützung des Mindestkurses auf, die Bilanz blähte sich immer weiter auf. Dieser Entwicklung wollte Thomas Jordan ein Ende setzen und gab den Euro-Mindestkurs auf.

Ein Jahr später zeigt sich: Auch ohne Mindestkurs erhöhten sich die Devisenreserven weiter. Die SNB musste auch in den vergangenen zwölf Monaten massiv intervenieren, damit der Franken nicht unkontrolliert nach oben schiesst. Marktbeobachter gehen von bis zu einer Milliarde pro Tag aus. Am 31. Dezember publizierte die SNB ihre Zahlen für den November: Sie weist Devisenanlagen von 587 Milliarden aus. Das entspricht einem absoluten Rekord. Allein im November stiegen die Reserven um 15 Milliarden Franken an. Da der Franken gegenüber dem Euro leicht stärker wurde, ist davon auszugehen, dass die SNB intervenieren musste. Seit Aufhebung des Mindestkurses im Januar ist der Devisenberg um 79 Milliarden Franken angewachsen.

Selbst im Jahr 2014, als der Druck auf die Eurountergrenze zunehmend stärker geworden war, musste die SNB nicht so viele Schweizer Franken in den Rachen der Märkte werfen, um die eigene Währung abzuschwächen. Die Risiken für die Nationalbank sind seit dem denkwürdigen 15. Januar 2015 nicht kleiner geworden.

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