Umstrittene Werbebildschirme erobern die Schweiz

Von Stefan Ehrbar und Niklaus Vontobel


Samstag, 31. Dezember 2016 23:29

«Bewegte Bilder lenken unsere Aufmerksamkeit auf sich. Gnadenlos.»: Werbescreen beim Zürcher Hauptbahnhof. Foto: Mario Heller


Neue Zahlen zeigen eine rasante Verbreitung von Werbescreens. Werber jubeln, Gegner wollen Regeln.

Sie blinken und leuchten in den Einkaufsmeilen, festliche Stimmung verbreiten sie nicht: digitale Werbebildschirme. Die Wirtschaft liebt diese Werbeform, denn bewegte Bilder wecken die Aufmerksamkeit nicht nur, sie erzwingen sie. Eine Auswertung zeigt die rasante Verbreitung.

Der grösste Anbieter, die APG mit einem Marktanteil von 75 Prozent, betreibt 328 grossflächige digitale Werbescreens – viermal mehr als 2011. Sie profitiert von ihrem Vertrag mit den SBB. In deren Bahnhöfen ist sie exklusiv zuständig. Etwa 130 digitale Screens hat APG auf SBB-Grund installiert.

Die Nummer zwei, Clear Channel, hat 250 Screens im Angebot, 170 davon am Flughafen Zürich und 72 in Shoppingcentern. Das sind 150 mehr als noch 2011. Seit einem Jahr betreibt Clear Channel in Zürich zehn Werbebildschirme auf öffentlichem Grund.

Die Werber jubeln. Gemäss Schätzungen der Beratungsfirma PwC sei jährlich ein Wachstum von 16 Prozent zu erwarten, sagt Beat Holenstein, Leiter des APG-Produktmanagements. «Grossflächige digitale Werbeträger sind im Trend.» Heute würden bereits etwa zehn Prozent des Umsatzes mit ihnen erzielt.

Kommunen machen Kasse mit den Werbescreens. Der Stadt Zürich spülen zehn Screens und 20 Leuchtdrehsäulen jährlich über drei Millionen Franken in die Kasse. Von diesem Geldregen wollen auch andere Städte profitieren: Neben Winterthur und Luzern hat nun Basel digitale Screens auf öffentlichem Grund ausgeschrieben. «Dieser Trend wird sich in anderen Städten fortsetzen», sagt Urs Zeier, Entwicklungschef bei Clear Channel. «Man wird sehen, dass die digitale Werbung stark anwächst. Unsere Erfahrungen in Zürich sind ausserordentlich positiv.»

Leuchtreklame im Spital
Passanten haben kaum eine Möglichkeit, den Spots zu entkommen. Die Werber haben immer neue Ideen: Im Zürcher Hauptbahnhof platziert APG zurzeit entlang von Rolltreppen mehrere Bildschirme, welche die Pendler auf der Fahrt begleiten. Die Zielgruppe werde damit «in einer aufnahmebereiten Wartesituation erreicht» und könne «während der ganzen Fahrt begleitet werden», schwärmt APG-Manager Holenstein in einer Mitteilung.

Dagegen sind die allgegenwärtigen Screens für Christian Hänggi ein Gräuel. Er ist Präsident der «IG Plakat Raum Gesellschaft», die weniger Werbung im öffentlichen Raum will. «Die Schweiz hat schon eine der höchsten Dichten an Plakaten. Es ist nicht einzusehen, warum es Werbescreens braucht.» Zumal diese eine «besonders perfide» Werbeform seien. «Bewegte Bilder lenken unsere Aufmerksamkeit auf sich. Gnadenlos. Ob wir das wollen oder nicht.» Den gleichen Zwang würden Gäste in Restaurants erleben, wo ein laufender Fernseher sie aus dem Gespräch reisse. Aus der Forschung sei dies bekannt. «Bewegt sich in unserer Umgebung etwas, schauen wir reflexartig hin.»

Die Aktivisten von Darksky, ein Verein gegen Lichtverschmutzung, verlangen feste Regeln. «Haben die Werber freie Hand, loten sie die Grenzen des Machbaren aus, selbst wenn es gegen die Natur des Menschen und der Umwelt geht», sagt Präsident Lukas Schuler. So habe er selbst in Spitälern animierte Leuchtreklame gesehen. «Die ständigen Bewegungen machen die Patienten nervös, die doch Ruhe bräuchten.» Es brauche feste Grenzwerte, etwa für Leuchtstärke oder Blendung.

Lücke in den Regeln
Die Screens sind auch im Innern auf dem Vormarsch. Ein Beispiel ist die grösste Schweizer Einkaufsmeile, die Zürcher Bahnhofstrasse. Ein Bildschirm nach dem anderen strahlt aus den Filialen. Beim Schuhhändler Dosenbach wie bei den Modemarken Tally Weill und Michael Kors, beim Taschenverkäufer Longchamp oder am Paradeplatz bei der Grossbank UBS. Jegliche Zurückhaltung ist weg, spätestens seit der Modehändler PKZ eine sechs Meter hohe Leuchtreklame aufzog.

«Die Läden nutzen eine Lücke in den Regeln», sagt Kritiker Hänggi. Die Stadt greife nicht ein, wenn aus einem privaten Laden in den öffentlichen Raum hinausgestrahlt werde. «Obschon die Passanten sich so oder so von Werbung berieseln lassen müssen.» Die Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse stört sich nicht an den Screens. «Wir stehen in Konkurrenz mit Topadressen wie Mailand, London oder Paris», so ein Sprecher. «Da müssen wir mitziehen.» Alles, was die Menschen in die Bahnhofstrasse locke, sei im Interesse der Läden.

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