Vekselberg greift durch

Patrik Müller

Patrik Müller ist Chefredaktor der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 27. Februar 2016 23:30

«Wenn Sie in Russland ein Problem haben, dann gehen Sie es von oben nach unten an»: Viktor Vekselberg. Foto: Keystone


Der russische Oligarch entmachtet bei seiner Beteiligungsgesellschaft den CEO und entlässt Kaderleute

Viktor Vekselberg wohnt seit 2004 in der Schweiz, genauer in Zug, und er will sich einbürgern lassen. Doch mit der hiesigen Unternehmenskultur hat er sich nie anfreunden können: «Wenn Sie in der Schweiz ein Problem haben, gehen Sie es von unten nach oben an. Wenn Sie in Russland ein Problem haben, dann gehen Sie es von oben nach unten an», sagte der Oligarch in einem seiner letzten Interviews, das er vor drei Jahren der «Nordwestschweiz» gewährte.

Jetzt hat der Russe ein Problem, und zwar in der Schweiz. Er löst es auf russische Art. In dieser Woche kam es bei Renova in Zürich zum Eklat. Renova – das ist Vekselbergs Beteiligungsgesellschaft, die die vier Schweizer Unternehmen Sulzer, OC Oerlikon, Schmolz + Bickenbach und Züblin kontrolliert. Vekselberg hat mit diesen Beteiligungen Milliarden verloren, zuletzt stürzten die Aktienkurse der beiden letztgenannten an der Börse ins Bodenlose. Nun ist Vekselberg der Kragen geplatzt. «Wir haben eine russische Machtdemonstration erlebt, eine Art Sowjet-Takeover», sagt ein Insider gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Der CEO von Renova, der Österreicher Peter Löscher, wurde entmachtet. Zwar darf der ehemalige Siemens-Chef jetzt bei Renova den Titel des «Vice Chairman» tragen, aber er hat seine operative Verantwortung verloren.

Damit nicht genug. Auch weitere Schlüsselstellen bei Renova – auffälligerweise allesamt von Nicht-Russen besetzt – liess Vekselberg räumen. Der Finanzchef und der Rechtschef treten ab, ebenso der Kommunikationschef. Dieser will sich gegenüber der «Schweiz am Sonntag» nicht äussern: «Kein Kommentar», sagt Reto Giudicetti und verweist an die Konzern-Kommunikationsstelle in Moskau, wo jedoch niemand erreichbar ist. Offenbar ist nicht geplant, die Veränderungen und Entlassungen bei Renova in Zürich zu kommunizieren. Die Renova ist nicht börsenkotiert und bekannt dafür, dass sie äusserst zurückhaltend oder gar nicht informiert.

Ein Insider sagt: «Vekselberg nimmt Abstand von der Idee, Renova nach den kulturellen Standards des Westens zu führen. Diese sind ihm zu kompliziert, er will schnell entscheiden und durchgreifen können.» Als Löscher vor gut zwei Jahren zu Renova wechselte, ging er davon aus, dass er zu einem Unternehmen komme, das zunehmend westlich geprägt sein werde. Dies umso mehr, als mit Josef Ackermann, dem Schweizer Ex-Chef der Deutschen Bank, ein starker Mann in den Renova-Verwaltungsrat berufen wurde. Noch Mitte Januar lobte Löscher seinen Chef Vekselberg öffentlich: «Ohne ihn als Ankeraktionär und Kapitalgeber würde es Schweizer Traditionsunternehmen wie Sulzer oder Oerlikon so nicht mehr geben», sagte er der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Aufkeimende Gerüchte, Vekselberg habe das Vertrauen in ihn schon wieder verloren, dementierte Löscher entschieden: «Absolut absurd» sei das.

Löscher habe sich in Vekselberg getäuscht, sagt eine ihm nahestehende Quelle. Trotz seiner Herabstufung bei Renova macht der Österreicher zurzeit noch gute Miene zum bösen Spiel. Denn Löscher ist nach wie vor Verwaltungsratspräsident bei Vekselbergs wichtigster Beteiligung, dem Winterthurer Industriekonzern Sulzer. Dieser gab diese Woche seinen Jahresabschluss 2015 bekannt. Der Gewinn brach um 73 Prozent auf 275 Millionen Franken ein. Es laufen Sparprogramme, dennoch zahlt Sulzer seinen Aktionären – Vekselbergs Renova hat mit 63 Prozent die Mehrheit – eine halbe Milliarde Franken Sonderdividende aus. Das Geld stammt aus dem Verkauf einer Firmensparte. Sulzer produziert unter anderem Pumpen für die Ölindustrie und spürt den Zerfall des Ölpreises. Noch immer beschäftigt das Unternehmen über 14 000 Mitarbeiter.

Es stellt sich die Frage, ob Löscher seinen Posten bei Sulzer wird halten können und wollen. Der fürstlich entlöhnte Österreicher (8 Millionen Euro pro Jahr) hat bis jetzt wenige Erfolg vorzuweisen; peinlich für ihn war, dass der damalige Sulzer-CEO Klaus Stahlmann vor einem halben Jahr unvermittelt ging – den Verwaltungsrat hatte er per SMS über seinen Abgang informiert. Ihm folgte der Franzose Greg Poux-Guillaume nach.

Bei Sulzer stieg Vekselberg im Jahr 2007 ein; bei dieser Beteiligung ist der Aktienkursverlauf noch am wenigsten schlecht (siehe Grafik). Vernichtend ist der Verlauf beim Technologiekonzern OC Oerlikon (ehemals Unaxis), bei dem Vekselberg 2006 einstieg – damals gemeinsam mit den Österreichern Ronny Pecik und Georg Stumpf. Der Aufbau dieser Beteiligung war juristisch umstritten und wurde zum Fall für das Bundesstrafgericht, das am Ende alle Beteiligten freisprach. Keine glückliche Hand hatte Vekselberg auch mit seinen beiden kleineren Beteiligungen: Die Immobiliengesellschaft Züblin (Vekselberg stieg schon 2004 ein) und der Innerschweizer Stahlkonzern Schmolz + Bickenbach (Einstieg 2013) haben massiv an Wert verloren. Der Kurs der Züblin-Aktie lag am Freitag bei homöopathischen 4 Rappen.

Der Russe schaffte es in der Schweiz nie zu Beliebtheit – dabei muss man ihm zugutehalten, dass er jenen Unternehmen, bei denen er eingestiegen ist, treu geblieben ist und ihre Eigenständigkeit nötigenfalls mit Kapitalspritzen gesichert hat. Vor drei Jahren sagte er: «Ich bin kein Börsenspekulant, als den man mich zu Beginn verunglimpfte. Ich bin ein Unternehmer, der langfristig denkt. OC Oerlikon und Sulzer sind keine Finanz-, sondern industrielle Investments. Dieser Unterschied ist ganz wichtig.»

Seit diesen Aussagen ist Vekselberg kaum mehr öffentlich in Erscheinung getreten. Zwar sah man ihn im vergangenen Januar, wie jedes Jahr, am WEF in Davos – mit Journalisten wollte er aber, im Gegensatz zu früher, nicht mehr reden. Die Zeiten sind vorbei, als er Schweizer Journalisten zum Medienfrühstück ins Zürcher Luxushotel Baur au lac einlud. Die «Finanz und Wirtschaft» titelte kürzlich: «Victor ist im Sowjet-Denken gefangen.» Es sei für Nichtrussen schwierig, sein Vertrauen zu gewinnen, er denke völlig hierarchisch und dulde keinen Widerspruch. Ein Vertrauter von Vekselberg sagt zur «Schweiz am Sonntag»: «Bis vor wenigen Jahren hat er sich mehr und mehr geöffnet, jetzt aber ist er in alte Muster zurückgefallen.»

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