Vekselbergs Strategiewechsel

Patrik Müller

Patrik Müller ist Chefredaktor der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 05. März 2016 23:30

Investor Viktor Vekselberg. Foto: Keystone


Die Immobiliengesellschaft Züblin soll weg von der Börse – und bei Sulzer wird deinvestiert.

Viktor Vekselberg hat ein Herz für die Frauen. Der russische Oligarch mit Wohnsitz in Zug ist bekannt für seine eiserne Hand – vergangene Woche hat er bei seiner Schweizer Beteiligungsgesellschaft Renova durchgegriffen, CEO Peter Löscher entmachtet und mehrere Spitzenmanager abgesetzt. Doch jetzt zeigt sich Vekselberg von seiner milden, gönnerhaften Seite: Seinen weiblichen Angestellten schenkt er am 8. März, dem Tag der Frau, einen Ferientag.

Ob die Mitarbeiterinnen diesen wirklich einziehen, wird sich weisen, denn bei Renova stehen schwierige Entscheidungen an. Am 18. März lädt Vekselberg zu einer Verwaltungsratssitzung nach London ein, wie Insider berichten. Der prominenteste Verwaltungsrat heisst Josef Ackermann.

Die Kader am Zürcher Sitz der Renova wurden bereits über Vekselbergs Absichten ins Bild gesetzt. Er drängt auf Veränderungen. Der Oligarch ist zwar bekannt für seinen langen Atem – seinen Schweizer Beteiligungen Züblin (Einstieg 2004), OC Oerlikon (2006), Sulzer (2007) und Schmolz + Bickenbach (2013) ist er bislang trotz grosser Verluste treu geblieben. Aber er will nicht länger hinnehmen, dass sein Vermögen dahinschmilzt. Prozentual am schlimmsten ist der Kurssturz bei der Immobilienfirma Züblin, an der Vekselberg über eine Gesellschaft 37,5 Prozent hält und die er auch im Verwaltungsrat mit drei russischen Gewährsleuten dominiert. Einer davon – der im Kanton Zug wohnhafte Iosif Bakaleynik – leitet Züblin zugleich als CEO. Einst war die Züblin-Aktie über 6 Franken wert, nun sind es gerade mal noch 5 Rappen. Vekselbergs Plan für Züblin: Er will die Gesellschaft gemäss Informationen der «Schweiz am Sonntag» von der Börse und in Privatbesitz nehmen. Es wäre ein Strategiewechsel, denn noch in dieser Woche hat eine ausserordentliche Generalversammlung beschlossen, die Billig-Aktien zusammenzulegen (Reverse Stock Split). Mit der Begründung, man wolle so für Investoren wieder attraktiver werden.

Auch bei Sulzer, dem traditionsreichen Winterthurer Industriekonzern, will Vekselberg vorwärtsmachen. Das Unternehmen, das unter anderem Pumpen für die Ölindustrie herstellt, leidet an den Folgen des tiefen Ölpreises. Noch vor kurzem sagte Sulzer-Präsident Peter Löscher in einem Interview: «Wir werden Sulzer zu neuer Grösse führen.» Doch jetzt spricht Vekselberg intern statt von Zukäufen und Wachstum von einer «Devestitionsstrategie», wie es aus Renova-Kreisen heisst: Es sollen Firmenteile verkauft werden. Das ist keine gute Nachricht für die zurzeit 14 000 Sulzer-Mitarbeiter.

Ein Vorzeichen ist die Ausschüttung einer Sonderdividende von einer halben Milliarde Franken, die Sulzer vorletzte Woche bekannt gab: Löscher fand keine geeigneten Übernahmeobjekte, also wird das Geld, das Sulzer aus einem früheren Spartenverkauf gelöst hat, an die Aktionäre ausbezahlt. Hauptprofiteur: Vekselbergs Renova, die 63 Prozent der Sulzer-Aktien hält.

Der fürstlich entlöhnte Peter Löscher (8 Millionen Euro pro Jahr) war Vekselbergs grosse Hoffnung auf einen Turnaround in der Schweiz. Doch nach Löschers Entmachtung bei Renova fragt man sich, wie lange er noch Sulzer Verwaltungsratspräsident bleibt. Das deutsche «Manager-Magazin» widmet Löscher, der in Deutschland seit seiner Siemens-Zeit viel mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht, in der jüngsten Ausgabe eine grosse und wenig schmeichelhafte Story. «Lost in Zürich», lautet der Titel. Löscher habe Vekselbergs Auftrag bislang nicht erfüllt. Noch vor drei Jahren habe Vekselbergs Vermögen 17 Milliarden Dollar betragen, inzwischen sei es auf 11 Milliarden geschrumpft, berichtet das Magazin.

Einen abrupten Personalwechsel gab es diese Woche bei einer dritten Schweizer Renova-Beteiligung, dem Technologiekonzern OC Oerlikon. Der Vorgang war bizarr, aber nicht untypisch für die Hauruck-Personalpolitik in Vekselbergs Imperium: Als das Unternehmen Anfang Woche zur Bilanzmedienkonferenz lud, sass nicht wie angekündigt Konzernchef Brice Koch auf dem Podium, sondern Roland Fischer, der am Abend davor vom Verwaltungsrat als Kochs Nachfolger eingesetzt worden war. Begründung: strategische Neuausrichtung.

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