Wegen Kartellgesetz: Coca-Cola droht mit Wegzug

Benjamin Weinmann

Benjamin Weinmann ist Redaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 24. Mai 2014 23:31

Angestellter in der Coca-Cola-Abfüllanlage in Brüttisellen ZH. Foto: HO


In der Schweiz füllt Coca-Cola jährlich 470 Millionen Liter ab. Doch der Standort ist laut der Firma in Gefahr, sollte das Parlament die Kartellgesetzrevision annehmen. Auch Toblerone-Hersteller Mondelez macht sich Rückzugsgedanken.

So deutlich hat es noch kein Markenartikelhersteller gesagt: «Wenn Coca-Cola in der Schweiz zu ausländischen Preisen verkaufen müsste und die Schweizer Kosten damit nicht mehr decken könnte, wird Coca-Cola die Löhne senken müssen oder das Land verlassen.» So steht es in einer Präsentation, die Coca-Cola HBC Schweiz (siehe Box) diese Woche einem kleinen Kreis von Journalisten vorstellte. Und weiter: «Würden Coca-Cola-Produkte statt in der Schweiz hergestellt, aus dem Ausland importiert, (…) wären rund 900 Arbeits- und Ausbildungsplätze verloren.»

Das Wegzugsszenario bezieht sich auf die mögliche Kartellgesetzrevision, die noch immer hängig ist. Sie ist das Ergebnis der hitzigen Einkaufstourismus-Debatte der letzten Jahren. Und sie wäre auch das einzig zählbare Resultat des runden Tisches, den Bundesrat Johann Schneider-Ammann 2011 einberufen hatte im Kampf gegen die Hochpreisinsel Schweiz. Ihr Kernstück, Artikel 7a, fordert, dass ausländische Lieferanten ihre Produkte den Schweizer Händlern zu ausländischen Konditionen liefern müssen. Ansonsten sollten die Lieferanten gebüsst werden können.

Der Nationalrat lehnte es im März zwar ab, auf die Gesetzesrevision einzutreten. Doch noch ist sie nicht vom Tisch. Als Nächstes geht sie zurück an den Ständerat, der sich bereits einmal für eine Revision ausgesprochen hat. Tut er dies erneut, fällt der endgültige Entscheid beim zweiten Votum des Nationalrats.

Hinter der Revision stehen die Stiftung für Konsumentenschutz und die Migros. Dagegen lobbyieren eine breite Allianz bestehend aus dem Markenartikelverband Promarca, dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse und den Gewerkschaften. «Die Revision und insbesondere deren Artikel 7a werden der Realität nicht gerecht», sagt Patrick Bossart, Geschäftsleitungsmitglied von Coca-Cola HBC Schweiz. Er bestätigt, dass ein Rückzug aus der Schweiz bei einer Annahme geprüft werden müsste. Die Herstell- und Lohnkosten seien in der Schweiz nun mal teurer. 90 Prozent der Getränke, welche man in der Schweiz verkaufe, würden in Brüttisellen, Bolligen BE und Vals GR produziert. 95 Prozent aller Inhaltsstoffe beziehe man aus der Region.

Zudem sei das heutige Kartellgesetz wirkungsvoll. «Der Wettbewerb spielt», sagt Bossart. Dies zeige das Beispiel Denner. Die Migros-Tochter bezieht seit einiger Zeit 2-Liter-Cokeflaschen aus Tschechien und verkauft sie 25 Rappen günstiger als das Schweizer Produkt. Dies hatte in Brüttisellen laut Coca-Cola den Abbau von sechs Stellen zur Folge (die «Schweiz am Sonntag» berichtete).

Auch Daniel Meyer, Länderchef des Markenmultis Mondelez International (ehemals Kraft Foods) ist über die mögliche Gesetzesänderung besorgt. Zum US-Konzern gehören unter anderem die Toblerone-Produkte, die ausschliesslich in der Schweiz hergestellt werden, und Markenartikel wie Philadelphia-Brotaufstrich, Milka-Schokolade und Jacobs-Kaffee, welche aus dem Ausland importiert werden.

Dass die Toblerone-Fabrik in Bern-Brünnen mit ihren 220 Stellen bei einer Einführung von Artikel 7a ausgelagert würde, ist mehr als unwahrscheinlich. «Aber auch wir müssten uns ein neues, günstigeres Geschäftsmodell überlegen, das aus Kostengründen vermutlich nicht mehr aus der Schweiz geführt werden könnte», sagt Meyer. Arbeitsplätze würden verschwinden.

Bei Mondelez Schweiz geht es vor allem um die Vertriebsstrukturen vor Ort. Am europäischen Hauptsitz in Zürich arbeiten insgesamt 1000 Mitarbeitende, davon rund 90, die mit den Schweizer Detailhändlern Geschäfte machen. «Bisher passt sich unser Mutterhaus dem Schweizer Markt mit zwei dominierenden Grosshändlern und dem Promotionssystem mit vielen Multipack-Aktionen an.» Dies gäbe es so im Ausland nicht. «Solche Aktionen sind jeweils ein grosser Aufwand für ein kleines Volumen.»

Mondelez beziehe Milch von 14 000 Schweizer Kühen und 680 Bauernfamilien, sagt Meyer. «Und Agrarprodukte sind hier wegen des Agrarschutzes ganz einfach teurer.» Zudem hinterfragt er das Vorpreschen der Migros beim Kartellgesetz: «Wenn man ihre Eigenmarkenpreise mit dem Ausland vergleicht, ist auch die Migros deutlich teurer, weil auch sie mit höheren Kosten arbeiten muss.»

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