Krach im Hochhaus

Von Pascal Ritter


Samstag, 10. Dezember 2016 23:30

Je höher oben, desto teurer ist die Miete im Toni-Hochhaus. Je teurer die Mieten, desto empfindlicher sind die Bewohner, stellte sich heraus. Foto: Keystone/Ennio Leanza


Ein ehemaliger Mieter des Zürcher Toni-Areals warnt im Netz vor ringhörigen Wohnungen.

Das Gebäude auf dem ehemaligen Toni-Areal ist ein Prestigeprojekt für die einen und ein Protzbau für die anderen. Die «Stiftung für die Auszeichnung guter Bauten im Kanton Zürich» lobte das Gebäude. Dozenten und Studierende der eingemieteten Kunsthochschule ZHdK hingegen schnödeten darüber. Die Funktionalität sei der Architektur geopfert worden. Hinzu kamen die klassischen Probleme von Minergie-Bauten. Von der trockenen Luft bekamen die einen Nasenbluten. Die Hochschule liess Salben verteilen.

Nach der Hochschule motzen nun auch private Mieter
Ruhig blieb es bisher im Wohnteil des Gebäudes. Über dem Bereich der Kunsthochschule erhebt sich ein Hochhaus mit 100 Wohnungen der gehobenen Preisklasse. Nun übt ein ehemaliger Mieter der Liegenschaft auf einem Online-Forum für Wolkenkratzer-Freunde heftige Kritik. So spektakulär die Aussicht auch sei, es hätten sich schnell «gravierende Mängel dieses Billigbaus» offenbart. Der Ex-Mieter motzt über fehlende Halter für Handtücher und über die «absolute Gleichgültigkeit der Verwaltung», als er einen tropfenden Wasserhahn meldete. Den Ausschlag für seinen Auszug aus dem Hochhaus gab aber ein anderes Problem. Die Wände zwischen den Wohnungen seien nur aus Gipskarton und derart ringhörig, dass «jegliche Bässe, Vibrationen und sogar Tritte sich von einer Wohnung in die andere verteilen – und zwar über das gesamte Stockwerk hinweg.» Dies habe «fatale Folgen»: Musik und jegliche Geräusche – auch vom Fernseher – seien in rund fünf bis zehn Wohnungen zu hören. «Dies führte zu grossen Spannungen unter Nachbarn, die im offenen Streit endeten», schreibt er weiter. Der Mieter ist schliesslich ausgezogen, nachdem er eine Anzeige wegen lauter Musik erhalten hatte.

Ein weiterer ehemaliger Mieter bestätigt die im Internet anonym erhobenen Vorwürfe. Die Mängel seien ein Dauerthema unter den Mietern. Die automatischen Sonnenstoren funktionierten nach einem nicht nachzuvollziehenden Rhythmus, der Handy-Empfang sei katastrophal. Das Thema Nummer 1 sei aber der Lärm.

Weil sich die Verwaltung der Fehlleistungen bewusst sei, habe sie letztes Jahr jedem einzelnen Mieter einen Weihnachtskorb mit edlen Produkten vorbeigebracht. Diese Geste wurde als Schuldeingeständnis gelesen. Vermieterin des Toni-Hochhauses ist die Allreal Holding AG. Sprecher Matthias Meier bestätigt auf Anfrage, dass die Trennwände im Hochhaus aus Gips und Stahlwolle seien. Betonwände seien aus Gründen der Statik keine Option gewesen. Die Wände erfüllten aber die geltenden Schallschutznormen und wurden vor der Vermietung geprüft und für in Ordnung befunden. Es gebe zwar häufiger Lärmklagen als in anderen Liegenschaften der Allreal, dies habe aber nicht mit dem Bau, sondern eher mit der Umgebung zu tun. Das Toni-Areal steht im Ausgehviertel Züri-West. Auf dem Areal selber befindet sich der Club Mehrspur und gleich neben an der Club Q.

Meier bedauert, wenn sich Mieter vom Lärm der Nachbarn gestört fühlten, kann die Kritik an der Verwaltung aber nicht nachvollziehen. «Unser Helpdesk ist 24 Stunden erreichbar. Beanstandungen werden so schnell wie möglich behoben.» Der Weihnachtskorb sei verteilt worden, weil nach der Inbetriebnahme die Einstellung der Haustechnik tatsächlich überdurchschnittlich viel Zeit in Anspruch nahm. «Zum Teil mussten die Handwerker mehrmals in die gleiche Wohnung. Mit dem Weihnachtskorb wollten wir uns für damit verbundene Unannehmlichkeiten entschuldigen.» Was stimmt nun? Sind gewisse Mieter überempfindlich oder haben die Architekten den Komfort der Kunst geopfert? Antworten liefert ein Augenschein im Wohnturm. Im Lift ist die Freude über das journalistische Interesse am Gebäude genauso so gross wie das Erstaunen über die erhobenen Vorwürfe.

Vier Wohnungen in der Höhe sind noch frei
Doch die Kritik steigt mit den Stockwerken. In einem der oberen Stockwerke öffnen Studenten und grinsen schuldbewusst. Auch bei ihnen sei die Polizei schon gewesen wegen Lärms. Die Diskussion, ob sie dem Journalisten öffnen sollten («Kennst Du den?»), war im Gang deutlich zu hören. Das Gespräch hallt laut durch den Gang. Die meisten Mieter, mit denen die «Schweiz am Sonntag» gesprochen hat, sind zufrieden. Einige sagen aber, für den Preis hätten sie mehr erwartet. Die Ansprüche steigen mit den Mieten. In den oberen Stockwerken stehen denn auch zurzeit vier Wohnungen leer. Zum Beispiel eine Vierzimmerwohnung für 4990 Franken im 17. Stock oder eine Zweizimmerwohnung für 3290 Franken im 21. Stockwerk.

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