Polizei reagiert auf Suizid in Haft

Andreas Maurer

Andreas Maurer ist Redaktor bei der «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 26. November 2016 23:30

Zahlreiche Massnahmen sollen Arrestzellen der Zürcher Kantonspolizei sicherer machen. Hier eine Zelle der Regionalwache Urania in Zürich. Foto: Steffen Schmidt/Keystone


Zwei Jahre nach dem Tod eines Häftlings saniert die Zürcher Stadtpolizei die Arrestzellen ihrer Polizeiposten.

Die Zürcher Stadtpolizei baut die Arrestzellen ihrer Polizeiposten um. Haken und Ösen sowie Sockelleisten werden entfernt, Türbänder gesichert, Heizkörper verkleidet, Fugen und Spalten mit Klebstoff gefüllt und Lüftungsgitter demontiert. Derzeit sucht die Polizei in einer Ausschreibung eine Baufirma, welche die Massnahmen an 23 Standorten umsetzt. Über die Kosten gibt sie keine Auskunft, da diese vom Stadtrat noch nicht bewilligt seien.

Ein Grund für die Massnahmen ist ein Suizid in der Nacht auf den 29. September 2014 in der Zelle des Polizeistützpunkts in Urdorf. Ein 40-Jähriger verursachte um 21 Uhr mit seinem Firmenauto einen Selbstunfall. Sein Beruf war es, bei Elektroinstallationen nach Fehlern zu suchen. Dass ihm nun selber ein grober Fehler passierte und er das Firmenauto zu Schrott fuhr, machte ihn wütend und verzweifelt. Der Atemalkoholtest zeigte knapp 1,4 Promille an. Der Mann hatte den Feierabend auf dem Balkon eines Freundes mit Bier und Schnaps verbracht. Als seine Mutter am Unfallort eintraf, sagte er ihr, sie solle nicht traurig sein, wenn er nun sterbe, wie die «NZZ» berichtete. Er werde einfach eine Handvoll Tabletten schlucken. Er nahm Psychopharmaka, weil er unter Schlafstörungen und einer leichten Depression litt. Auch gegenüber den Polizisten sowie dem Arzt im Spital äusserte er Suizidabsichten.

Gerangel in der Zelle
Kurz vor Mitternacht wurde der Mann in eine Arrestzelle auf dem Polizeiposten in Urdorf gesperrt. Er wehrte sich mit aller Kraft dagegen, als er sich nackt ausziehen musste und die Polizisten seinen Intimbereich untersuchten. Mehrmals ging er auf die Polizisten los, die sogar zu viert Mühe hatten, ihn zu überwältigen. Sie gaben ihm seine Kleider mit Ausnahme von Gurt und Schuhen zurück und schlossen die Zellentür. Als der für eine Untersuchung aufgebotene Notarzt um ein Uhr nachts die Arrestzelle betrat, fand er den 40-Jährigen frei hängend in der Zelle, den Hals im Schritt seiner Jeans. Die Hosenbeine waren an einem Lüftungsgitter in der Zellendecke befestigt.

Die Mutter zeigte fünf Polizisten wegen fahrlässiger Tötung an. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein, da kein Tatverdacht vorliege. Das Obergericht und das Bundesgericht waren einverstanden. Das Bundesgericht urteilte vor einem Jahr: «Weder der Arzt des Spitals Limmattal, dem er vorgeführt worden war, noch die mit seinen psychischen Problemen vertraute Mutter hegten die Befürchtung, er könnte bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit Hand an sich legen.» Die Polizisten hätten korrekt gehandelt und den Mann maximal vierzig Minuten alleine in der Zelle gelassen. Der Postenchef habe nicht damit rechnen müssen, dass der Mann in dieser kurzen Zeit einen Selbstmordversuch unternehmen würde. Dass der Mann seine Jeans an einem «dafür wenig geeigneten Lüftungsgitter» fixieren konnte, sei für die Polizisten nicht vorhersehbar gewesen. Nach der Tat schätzt die Polizei die Situation nun anders ein. Lüftungsgitter gelten als Gefahrenquelle und werden durch neue Metallabdeckungen ersetzt.

Gerichtsverfahren geht weiter
Yves Blöchlinger, Anwalt der Mutter, sagt auf Anfrage, er halte die baulichen Massnahmen für sinnvoll und notwendig. Grosser Handlungsbedarf bestehe aber auch bei den Untersuchungsgefängnissen. Die Justizdirektion prüfe entsprechende Massnahmen. Der Anwalt sieht die Probleme in seinem Fall aber ohnehin weniger bei der Arrestzelle selber, sondern mehr im Handeln der Kantonspolizisten. Vor dem Bundesgericht warf er ihnen erfolglos vor, sie hätten einen Notfallpsychiater aufbieten sollen und sie hätten ihre Sorgfaltspflichten verletzt, um möglichst schnell Feierabend machen zu können. Die Mutter gibt nicht auf und geht vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Das Urteil steht aus.

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