«Züri, chills mal!»

Von Pascal Ritter


Samstag, 31. Dezember 2016 23:30

Elena Marti am Ufer der Sihl, wo sich Natur und Urbanität begegnen. Sie schaut optimistisch ins 2017 und will den Gemeinderat aufmischen. Foto: Sandra Ardizzone


Elena Marti denkt am Löwenplatz an den Kongo. Ein Neujahrsspaziergang mit Zürichs jüngster Gemeinderätin.

Elena Marti ist doch noch an einen Machthebel gekommen. Wenn auch an einen etwas kürzeren als geplant. Beinahe unbemerkt rückte sie Anfang November in den Zürcher Gemeinderat nach. Nun ist sie mit 21 Jahren die jüngste Parlamentarierin in der Limmatstadt. Bekannt wurde sie, als sie 2015 auf Listenplatz eins erfolglos für den Nationalrat kandidierte. Marti kommt in Jeans und pastellgrünen Turnschuhen zum Treffpunkt im Hauptbahnhof. Sie spricht schnell und viel, benutzt Worte wie «prächtig» und sagt Sätze wie «Die haben keinen Blazen!».

Alfred Escher? Nie gehört.
Marti protestiert: «Was? Ihr wollt mit mir an die Bahnhofstrasse, da bin ich das ganze Jahr nie!» Die Zürcher Hauptkonsummeile ist der Langstrassen-Bewohnerin ein Graus. Den Mann auf dem Sockel auf dem Bahnhofsplatz kennt sie auch nach der Lektüre der Inschrift nicht. Die Geschichte des Banken-Pioniers, Superkapitalisten und Gotthard-Unternehmers ging an ihr vorbei. Da half auch die Marathonshow des Schweizer Fernsehens nichts. Marti zuckt mit den Schultern. Sie hält von steinernen alten Männern mit Bärten ähnlich wenig wie vom Abendprogramm des SRF. Einen Fernseher hat sie nicht, Geschichte interessiert sie aber durchaus. Nach einem Vorbild gefragt, zitiert sie aus einer Biografie von Rosa Luxemburg. Die deutsch-polnische Kommunistin hat in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in Zürich studiert.

Marti spricht zwar vom «System», eine Revolution will sie allerdings nicht. Sie sieht Ansätze einer neuen Gesellschaft schon im heutigen Zürich. Etwa in Wohnbaugenossenschaften wie der Kalkbreite-Siedlung. Sie fühlt sich wohl in der Stadt, die schon rot-grün regiert wurde, als sie 1995 zur Welt kam. Laufen lernte die Tochter eines Katalanen und einer Schweizerin in Marthalen im Zürcher Weinland. Den Sommer verbrachte sie jeweils bei den Eltern ihres Vaters in Barcelona. Von der Weltstadt könne Zürich lernen, sagt Marti und denkt ans Netz ausleihbarer Velos oder an Klubs, wo legal gekifft werden kann.

Auf der Höhe des Jelmoli-Warenhauses sagt Marti: «Züri, chills mal! Nichts, was die Leute da in ihren Einkaufstüten tragen, brauchen sie wirklich!», nur um gleich einem älteren Herrn freundlich und auf Englisch den Weg zu einem Modehaus zu weisen. Marti ist keine Dogmatikerin. Sie übt Konsumkritik light. Von selbst kommt sie auf ihren neuen Apple-Laptop zu sprechen und auf die hämischen Sprüche der Ratskollegen. Sie kann den Inkonsequenz-Vorwurf nicht mehr hören. «Was ist besser: Inkonsequent sozial und ökologisch zu sein oder konsequent asozial?», fragt sie rhetorisch.

Ihr Haupteinkommen sind die monatlichen rund 1000 Franken Entschädigung für Gemeinderats- und Kommissionssitzungen. Daneben arbeitet die gelernte Dekorationsgestalterin mit Berufsmatur als Freie auf ihrem Beruf, bastelt mit Jugendlichen oder serviert in einem Restaurant. «Ich komme mit 1800 Franken pro Monat aus», sagt sie. Die Frage, wie das im teuren Zürich gehe, versteht sie nicht. Das WG-Zimmer ist günstig und zu Hause kochen billiger als auswärts essen. «Ich frage mich, wie man mehr ausgeben kann!»

Von Gleichaltrigen hat sie ein kritisches Bild – zumindest von denen, die nicht zu ihrer sozialen Blase gehören. Sie schnödet über angeklebte Plastikfingernägel, Selfie-Sticks und das unkritische Nachplappern populistischer Parolen.

Marti zieht es weg von der Bahnhofstrasse ans Sihlufer. Mitten in der Grossstadt wildes Gras und ein Fluss, der sich scheinbar ungezähmt durch ein weites Bett schlängelt. Grün, aber urban. Dass sich unweit davon vergangene Woche der Moschee-Schütze von der Eisgasse das Leben nahm, vertreibt sie nicht von ihrem Lieblingsplatz. Die Amokfahrt in Berlin bewegt sie, aber sie sagt auch: «In Afrika passieren jeden Tag schlimmere Dinge, und niemand postet Betroffenheitsbanner auf Facebook.» Gilles Deleuze würde aufhorchen, wenn er Marti am Löwenplatz über den Bürgerkrieg im Kongo sprechen hörte. Der französische Philosoph sagte, die Probleme der Dritten Welt lägen für Linke näher als diejenigen im eigenen Quartier. Marti gehört zu den Initiantinnen der Einprozent-Initiative, die will, dass die Stadt den hundertsten Teil ihres Budgets für Entwicklungshilfe spendet. Am liebsten wäre ihr, die Stadt flöge Flüchtlinge direkt aus Syrien ein.

Während mancher Altlinker noch darüber nachdenkt, ob der Internationalismus nicht zu weit weg vom Wähler führt, ist Marti global und lokal zugleich. Mit der Gruppe «5i im 5i» kämpft sie für den Erhalt von Quartierläden in ihrem Stadtkreis und gegen ein Kongresszentrum auf dem Carparkplatz. Marti feiert den 1. Mai und den 1. August. Sie organisiert den Umzug zum internationalen Tag der Arbeit und hat 2013 das «Äms-Fäscht» ins Leben gerufen, eine Art alternative Nationalfeier, an der eine Welt ohne Grenzen gefeiert wird.

Koch-Areal und Kiffen
Ins besetzte Koch-Areal, das Zürcher Medien und Politik im Jahr 2016 auf Trab hielt, geht sie regelmässig. Andere Linke würden nach diesem Bekenntnis noch eine Liste mit Distanzierungen nachschieben. Nicht so Marti. «Es bräuchte mehr Räume, wo man von der Norm abweichen kann.» Im Moment werde jeder, der aus der Reihe tanzt, aus der Stadt entfernt. Manche von der Polizei, andere von steigenden Mieten.

Im Gemeinderat blieb es bisher ruhig um Marti. Das war so nicht geplant. Am ersten Tag erschien sie mit einem selbstgedruckten «Kein Mensch ist illegal»-Leibchen, um gleich bei der Vereidigung den Tarif durchzugeben. Das T-Shirt mit dem Slogan der Flüchtlingshelfer erhielt aber nicht die geplante Aufmerksamkeit, weil nachrückende Gemeinderäte sich formlos zu den anderen setzen müssen. 2017 soll sich das ändern. Ein Postulat mit der Forderung, Flüchtlingen und Geduldeten Einbürgerungsbroschüren zu schicken, hat sie schon geschrieben. Dass in Zürich derart viele Menschen nicht abstimmen dürfen, regt sie noch mehr auf als die Shopper an der Bahnhofstrasse.

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